Alistair Johnston stemmte die Hände an die Hüften und sprach Sätze, mit denen er eine beachtliche Heimatverbundenheit zu erkennen gab. Die Menschen in Kanada könnten stolz sein, sagte er, stolz auf sich, stolz auf ihr Team. Jene Menschen, fügte er hinzu, hätten tiefe Gefühle offenbart, genau wie die kanadischen Spieler. Johnston, 27, blickte gerührt in den Pulk aus Reportern, hielt kurz inne. Und bog verbal dann ab in einen, nennen wir es mal: rührseligen, ahornsirupgetränkten Patriotismus.„Wir haben mit kanadischer Ehrlichkeit und Resilienz gespielt, so wie es den Menschen zu Hause zusagt“, erklärte Johnston, jetzt in einem geradezu staatstragenden Ton. Man habe gezeigt, aus welchem Holz Kanadier geschnitzt sind. Man habe das kanadische Trikot, ja das ganze Land angemessen repräsentiert. Jeder auf der Welt, so Johnstons Fazit, wisse jetzt, „wofür wir Kanadier“ stehen. Bedauerlicherweise wurden die Worte des Verteidigers nicht mit den Klängen von „O Canada“ unterlegt, der kanadischen Nationalhymne. Johnstons Sound hätte das jedenfalls herrlich grundiert. Und es hätte sicher fantastische Schlagzeilen nach sich gezogen: ein symbolischer Akt kanadischer Selbstbestimmung, ausgerechnet am 4. Juli, am großen Nationalfeiertag der amerikanischen Nachbarn, am 250. Geburtstag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung.Turnier in Nordamerika:Das große ABC der Fußball-WMA wie African Power, J wie Julsi, U wie Undav-Märchen – und immer wieder P wie Paraguay: Ein Glossar der wichtigsten Begriffe der Fußball-WM.So weit wollte es aber nicht mal der dem Pathos sehr zugeneigte Abwehrmann treiben, womöglich, weil das Spiel nun mal ausging, wie es ausging: Kanada verlor 0:3 gegen Marokko und verabschiedete sich somit als erster der drei WM-Gastgeber aus dem Turnier. Das reine Ergebnis, auch darauf wies Johnston hin, deckte sich jedoch nicht mit dem Gesamteindruck, den die kanadische Elf in dieser Achtelfinalpartie hinterlassen hatte. Nationalcoach Jesse Marsch, ein US-Amerikaner, war gar der Ansicht, ihm und seinem Team sei da eine schlimme Ungerechtigkeit widerfahren. „Wir haben das Spiel komplett kontrolliert“, versicherte Marsch, jedoch habe die „bessere Mannschaft“ dieses Spiel verloren. Diese Einschätzung war zutreffend und falsch zugleich. Zutreffend war, dass die Kanadier einen geradezu entzückenden Außenseiterfußball spielten, mit dem sie ihren Gegner in permanenten Stress versetzten. Zutreffend war zudem, dass sie aus einer sauberen Ordnung heraus agierten und sich über mangelnde Präzision im Abschluss grämen mussten.Und doch nahm Marokkos Coach Mohamed Ouahbi sicher keine Extremposition ein, als er seinem Kollegen „gute Nerven“ bescheinigte, so etwas einfach mal zu behaupten. Ouahbi verwies daraufhin auf das offizielle Regelwerk, das für Fußballspiele weiterhin zwei Halbzeiten vorsieht. Die erste Hälfte, da lag Marsch richtig, dominierten seine Kanadier. Sehr wahrscheinlich spielten sie da sogar ihren besten Fußball des Turniers. In der zweiten Hälfte, da lag wiederum Ouahbi richtig, war das so nicht mehr der Fall. Denn da trat Marokko so abgebrüht und effizient auf, wie das nur Spitzenmannschaften hinbekommen. Das 1:0 durch Azzedine Ounahi folgte auf eine simple, aber rasch ausgeführte Freistoßvariante. Den Treffern zum 2:0 (Ounahi) und 3:0 (Soufiane Rahimi) gingen jeweils Konter und ein schlaues Pässchen von Brahim Diaz voraus, dem am Samstag besten Marokkaner. „Die Kanadier haben ein top Spiel gezeigt, aber in der zweiten Hälfte haben wir die Räume ein bisschen besser genutzt. Das Wichtigste war, dass wir die schwierigen Situationen überstanden haben“, sagte Diaz, sonst in Diensten von Real Madrid: „Es ging darum, weiterzumachen, nicht den Kopf zu verlieren.“Wenngleich den Marokkanern nach einer Viertelstunde genau das widerfahren war. Sie verloren einen ihrer zentralen Köpfe, ihren neben Diaz und Mittelfeldkollege Ayyoub Bouaddi wohl wichtigsten Mann: Ismael Saibari, jüngst vom FC Bayern auf dem Sommermarkt erstanden, musste ausgewechselt werden, weil sein Oberschenkel zwickte. Wohl nichts, worüber man sich in den Kommandozentralen von München bis zum Tegernsee sorgen müsste. In und um Rabat dagegen schon: Marokkos Viertelfinale steht am Donnerstag an, in Boston gegen Frankreich. Saibaris Oberschenkel müsste also rasch verheilen, wenn es mit einem Einsatz etwas werden soll. Saibaris künftiger Teamkollege, der schon das gesamte Turnier lang angeschlagene Kanadier Alphonso Davies, musste sich in seinem Wettlauf mit der Zeit dagegen geschlagen geben: Coach Jesse Marsch schickte ihn in der Halbzeitpause auf den Rasen, zum Warmlaufen, um mal zu erspüren, ob es für einen Einsatz reicht. Gemeinsam wurde beschieden, dass das Risiko zu groß gewesen wäre. Davies’ WM beschränkte sich somit auf einen 16-minütigen Einsatz gegen Südafrika.Davies ist Kanadas Kapitän und wohl der Fußballer, den selbst Eishockeyfans an der Straßenecke erkennen dürfen. Zumindest einige davon. Doch auch der Rest des kanadischen Teams hat, trotz Marschs sehr US-amerikanischen Übertreibungen und Überzeichnungen, einiges dafür getan, dass ihr landesweiter Bekanntheitsgrad gestiegen ist. In der ersten Halbzeit, also ihrer guten Halbzeit gegen Marokko, begingen die Kanadier ganze 15 Fouls – so viele hatten zuletzt die Chilenen 2010 gegen die Spanier hinbekommen. Auch da dürften dem Eishockey zugeneigte Landsmänner und -frauen somit aufgemerkt haben. Um die Popularität des Fußballs zu erhöhen, hilft aber, ja genau, in der Regel erfolgreicher Fußball. Die Kanadier haben sich bei der WM jedenfalls achtbar aus der Affäre gezogen, aus Sicht von Coach Marsch könnten sie an einem guten Tag inzwischen sogar „jeden schlagen“.Der wenig diplomatische Marsch dozierte dann noch über neue Standards, die mit diesem Achtelfinaleinzug gesetzt worden seien. Über die Jugend und über die Möglichkeit, eine „echte kanadische DNA“ zu erschaffen. „Meine Spieler hätten nicht mehr tun können, um das Land stolz zu machen“, fand Marsch. Wenn er da mal nur die Rede seines Spielers Alistair Johnston gehört hätte.
Kanada scheidet bei der WM 2026 aus: Auch die Eishockeyfans können stolz sein
Als erster WM-Gastgeber scheidet Kanada aus, ist beim 0:3 im Achtelfinale gegen Marokko sogar eine Halbzeit lang besser – aber nur eine.














