Eine seltsame Stille breitete sich aus in der überdachten Riesenarena in Houston, Texas. Anspannung war zu spüren, dabei waren die Marokkaner mit Anbruch der Nachspielzeit fast schon dort angekommen, wo sie hinwollten: Im Viertelfinale dieser Fußball-WM. Die Minuten vergingen, die Stille wich verhaltenen Gesängen, die lauter wurden, je weiter besagte Nachspielzeit voranschritt. Wenn die Kanadier den Ball hatten, gab es Pfiffe. Wenn die Marokkaner die nächste Angriffswelle brachen, Applaus.Und dann rollte noch einmal ein Konter der Marokkaner an, Brahim Díaz steckte durch auf Soufiane Rahimi, ein flacher Abschluss, 3:0. Die Spieler versammelten sich neben dem gegnerischen Tor, alle im Kreis, und wer es nicht hineinschaffte, hüpfte auf einen Teamkollegen. Es war die endgültige Entscheidung – und führte doch noch zu einem letzten, lauten Jubel.Marokko zieht also eine Runde weiter, in Kanada ist für den ersten der drei WM-Gastgeber die Reise dagegen vorbei. Die kanadischen Spieler versammelten sich nach dem Schlusspfiff vor den eigenen Fans, klatschten, winkten in die Menge. Und erhielten ihrerseits Applaus, kein Wunder, hatten sie sich am Samstag wirklich achtbar aus der Affäre gezogen. Kanadas Trainer Jesse Marsch wandelte jedenfalls nicht allzu weit entfernt von der Wahrheit, als er nach der Partie mit aufgerissenen Augen sagte: „Wir waren das bessere Team!“ Zumindest für die erste Hälfte traf dies zweifellos zu.Das Spiel hatte um 19 Uhr deutscher Zeit begonnen, perfekt also für Zuschauer aus München und dem Umland, dem Tegernsee zum Beispiel. Über dieses Territorium erstrecken sich bekanntermaßen die Wohnsitze jener Herrschaften, die Entscheidungsgewalt über den FC Bayern verfügen. Lokalpatriotisches Interesse Made in Bavaria jedoch wurde in Houston kaum bedient: Der Kanadier Alphonso Davies, angeschlagen zum Turnier erschienen, verblieb auf der Ersatzbank, in den Partien zuvor hatte es maximal zu Kurzeinsätzen gereicht. Der Marokkaner Ismael Saibari, jüngst von den Bayern auf dem Transfermarkt erstanden, startete zwar – Saibari griff sich aber bereits nach einem Viertelstündchen an den hinteren Oberschenkel. Sprints waren nicht mehr drin, Saibari musste raus, für ihn kam der spätere Torschütze Rahimi.Ernsthaft sorgen müssen sie sich in München um in ihren Zugang wohl nicht. Für die Marokkaner aber war das Ausscheiden ihrer bislang auffälligsten, wohl auch wichtigsten Offensivkraft nur schwer verdaulich: Auf Saibari spitzte sich vieles zu, drei Treffer und viele schlaue Pässe hatte er in diesem Turnier beigesteuert. Sein Fehlen jedenfalls war zunächst kaum zu kaschieren: Bis zum Samstag hatten die Marokkaner einen mutigen, mitunter hinreißenden Fußball gespielt. Doch in der ersten Hälfte waren sie fahrig, wenn der Ball mal zirkulierte, dann in der letzten Reihe. Der zuvor begeisternde Wunderknabe Ayyoub Bouaddi wirkte isoliert, holte sich die Bälle zunächst tief, rückte dann aber eine Linie nach vorn, um hinter dem kanadischen Pressing anspielbar zu sein.Enttäusche Co-Gastgeber: Stephen Eustaquio und die Kanadier spielen als Außenseiter eine starke erste Halbzeit – und scheiden doch aus. Troy Taormina/Imagn Images via ReutersDie Kanadier machten es gleichwohl gut: Sie erstickten Marokkos Aufbau im Keim, in einem vorzüglich organisierten Block. Und sie hatten die deutlich besseren Chancen. Nach einer Ecke setzten sie hartnäckig nach, Stürmer Jonathan David köpfelte aus spitzem Winkel aufs Tor – doch Marokkos Torwart Bono, übrigens in Kanada geboren, parierte (5. Minute). Und ebendies gelang Bono auch nach einem Flachschuss von Tani Oluwaseyi (11.). Drückende Kanadier, indisponierte Marokkaner: Das hatte vor der Partie nicht jeder erwartet.Bis zum Halbzeitpfiff konnte die Elf von Trainer Mohamed Ouahbi den Betrieb vor dem eigenen Strafraum zwar eindämmen. Doch nach vorne, da ging bei den Marokkanern nichts, wirklich absolut nichts. Laut Statistiken brachten sie es auf exakt einen Torschuss, und das bei einer erwarteten Torwahrscheinlichkeit von 0,02 (xG). Dünner geht’s kaum. Höchstens Schiedsrichter Michael Oliver stach hervor: Sage und schreibe sechs gelbe Karten verteilte der Engländer, so viele wie kein anderer in der ersten Halbzeit bei dieser WM. Dem ohnehin zähen Spielfluss war das, nun ja, nicht gerade zuträglich.Erstaunlich, wie leicht sich die Kanadier von einer simplen Freistoßvariante überrumpeln ließenEs heißt ja, der Fußball neige dazu, all jene, die ihn (professionell) betreiben, mitunter in himmelschreiende Ungerechtigkeiten zu stürzen. Gar so schlimm war es am Samstag nicht. Obschon sich die Kanadier vom Schicksal sicher nicht übervorteilt fühlen mussten, als sich Achraf Hakimi kurz nach Wiederbeginn den Ball für einen Freistoß auf der rechten Seite zurechtlegte, diesen schnell in die Mitte passte, knapp hinter die Sechzehnerlinie – und dort Azzedine Ounahi freistehend abzog, mit einem strammen Flachschuss traf er zum 1:0 für die Marokkaner. Das hatte sich nicht unbedingt abgezeichnet. Zumal es schon erstaunlich war, wie sich die Kanadier, die bis dahin eine hoch konzentrierte Leistung dargeboten hatten, von so einer simplen Standardvariante überrumpeln lassen konnten.Der Fußball neigt eben auch dazu, das Momentum mitunter willkürlich zu verteilen: Die Marokkaner, bis dahin von der Rolle, fanden nun hinein in dieses Spiel. Plötzlich war da Struktur, ihre Offensive spitzte sich öfter in den richtigen Momenten zu, vor allem durch Ideen von Spielmacher Brahim Díaz. Und sie setzten auf Stabilität: Coach Ouahbi wechselte nach der Führung dreimal; er brachte unter anderem Sofyan Amrabat für Bouaddi, einen Abräumer für einen Antreiber. Die Marokkaner versuchten, die Zugangswege für die Kanadier abzudichten, mit aller Vehemenz. Und die Elf von Coach Jesse Marsch?Die lief weiter an, flankte, umstellte den gegnerischen Strafraum. Einen satten Flachschuss von Tajon Buchanan parierte Marokkos Torwart Bono. Und fast im direkten Gegenstoß, bei einem Konter, gelangte der Ball zu Díaz, der den Ball in die Mitte spitzelte – und von dort zog wiederum Ounahi ab, diesmal schlug sein Schuss hoch im Winkel ein (82.). Es war die Vorentscheidung, nach einem weiteren Konter köpfelte Rahimi noch einmal an die Latte.Für die Kanadier war jetzt nichts mehr zu machen. Es folgte der nächste Konter, der Steckpass von Díaz, der Treffer von Rahimi zum 3:0. Und so träumen die Marokkaner weiter, womöglich ja vom ganz großen Wurf.