Eine letzte Ehrenrunde drehten die Kanadier noch unten auf dem Rasen, doch der BC Place begann sich bereits zu leeren. Eine eigenartige Stimmungslage ergab sich am Mittwochnachmittag in Vancouver, wie sie in der Geschichte der Weltmeisterschaft so wohl selten vorgekommen ist. Es war eine Atmosphäre voller Widersprüche: Die kanadische Mannschaft, sie musste stolz und enttäuscht zugleich sein. Und das kanadische Publikum musste seine Enttäuschung verbergen und eine Mannschaft bei einer Verabschiedung trösten, die gerade Sporthistorisches vollbracht hatte.Erstmals wird die Fußball-Nationalmannschaft Kanadas am Sonntag ein K.-o.-Spiel bei einer Weltmeisterschaft bestreiten. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte, aus kanadischer Sicht: Das Spiel findet in Los Angeles statt und nicht in Vancouver, wo Kanada als Gruppensieger sowohl das Sechzehntel- als auch ein mögliches Achtelfinale bestritten hätte. So wird Kanada jetzt in anderer Hinsicht Geschichte schreiben: Der Mannschaft fällt die undankbare Rolle zu, als erste Gastgebernation einer Weltmeisterschaft ein Auswärtsspiel zu absolvieren.„Es ist wirklich schade, wir hätten gerne weitergespielt hier in Vancouver“, sagte der Mittelfeldspieler Liam Millar nach der 1:2-Niederlage gegen die Schweiz: „Die Kulisse, die Zuschauer, das war ein großer Vorteil für uns. Ich hatte so etwas noch nie gesehen, so eine Leidenschaft für uns.“Schweiz bei der WM 2026:In Vancouver läuten die KuhglockenDie Schweiz sichert sich mit einem am Ende etwas schmeichelhaften 2:1 gegen Co-Gastgeber Kanada den Gruppensieg. Entscheidender Spieler ist dabei einmal mehr Freiburgs Johan Manzambi.Die Leidenschaft des Publikums hätte die Kanadier tatsächlich am Ende fast noch zum Gruppensieg getragen gegen die Schweizer. Ein Unentschieden hätte gereicht. 1:2 aus Sicht der Heimnation stand es in Vancouver, als in der Schlussviertelstunde eine Flanke nach der anderen in den gegnerischen Strafraum flog. Angestachelt vom Anschlusstreffer durch den Stürmer mit dem Hoffnung machenden Namen Promise David (76. Minute), war der BC Place noch einmal erwacht, nachdem zwischendurch nur die Kuhglocken der Schweizer Anhänger zu hören gewesen waren. Insbesondere dann, als die Schweizer nach der Halbzeitpause durch Tore von Rubén Vargas und Johan Manzambi in Führung gegangen waren.Die finalen Minuten in Vancouver lieferten jedoch den Beweis, wie groß der Heimvorteil im Fußball sein kann: Eine kanadische Mannschaft spielte da, die in nahezu allen Kriterien der taktisch klügeren, technisch besseren und noch dazu erfahreneren Schweiz unterlegen war. Aber sie fand mit dem frenetischen Publikum auf ihrer Seite den Glauben an sich wieder, den sie auf etwas kuriose Weise verloren hatte.Immerhin: Den Südkoreanern geht Kanada aus dem WegAuch Trainer Jesse Marsch rätselte ein wenig über seine Mannschaft, die „in beiden Halbzeiten nicht gut gestartet“ war, wie er fand, und das einmal mit einem Rückstand bezahlte. Womöglich hatte Kanadas 6:0 gegen das wesentlich schwächere Katar den falschen Eindruck hinterlassen, dass diese WM mit Leichtigkeit zu spielen sei. Sicherlich wurde auch Ismael Koné im Mittelfeld vermisst, der im Katar-Spiel einen Beinbruch erlitten hatte. Er wurde am Mittwoch im Rollstuhl ins Stadion gefahren. Seine Fähigkeiten als Bindeglied zwischen Defensive und Offensive fehlten Kanadier allerdings auf dem Feld.Rückkehr im Rollstuhl: Ismael Koné, der im Spiel gegen Katar einen Bruch des Unterschenkels erlitt, kann sein Team nur noch am Spielfeldrand unterstützen. Albert Gea/ReutersEbenso fehlte weiterhin Alphonso Davies. Trainer Marsch gab nach der Partie offen zu, dass seine positive Prognose vom Vortag ein Bluff gewesen war: „Um ehrlich zu sein: Alphonso war noch nicht bereit. Ich habe ihn als Köder benutzt, um die Schweiz zum Nachdenken zu bringen“, sagte er und fügte an: „Er wird allerdings zum nächsten Match einsatzfähig sein.“ Diesmal ganz bestimmt.Auch hier ging ein Vorteil verloren. Denn als Gruppensieger hätten die Kanadier nicht – wie jetzt als Zweiter – schon am Sonntag in Kalifornien gespielt, sondern erst am kommenden Freitag (MESZ) Vancouver. Davies und auch der angeschlagene Mittelfeldantreiber Stephen Eustáquio hätten dadurch mehr Zeit zur Erholung gehabt.Irgendwo hinter den kleinen Enttäuschungen musste sich aber auch die Zufriedenheit verstecken. Denn dieser 24. Juni 2026 war auch ein fußballerischer Feiertag für Kanada – und nicht nur ein Tag der Trauer über eine verpasste Chance, wie es vorübergehend den Anschein erweckte. Der für die starke Schlussphase eingewechselte Liam Millar spürte diesem Gefühl nach: „Wir müssen auch sehen, was wir erreicht haben im Vergleich zu vor vier Jahren, als wir es nicht aus der Gruppe geschafft haben.“ Motivierender Trotz allerdings war nicht zu hören, auch nicht bei Marsch, der sich eher in der Analyse über ein aus seiner Sicht „enttäuschendes“ Spiel verfing, anstatt Aufbruchstimmung auszulösen.Immerhin ein Gespenst löste sich am Abend in Luft auf. Unter den kanadischen Reportern war im Hinblick auf die Reise in den Süden bereits die Befürchtung aufgekommen, dass es dort nicht zu einem neutralen Stadion, sondern zu einer echten Auswärtsatmosphäre kommen könnte: Die größte südkoreanische Diaspora weltweit ist in Los Angeles zu Hause, und Südkorea erschien als der wahrscheinliche, schwierigere Gegner. Bis am kanadischen Abend Südafrika überraschend 1:0 gegen Südkorea gewann, auf Platz zwei der Gruppe A vorrückte und sich damit als nächster Gegner der Kanadier herausstellte. Als Gegner, der schlagbar wirkt. Auch ohne Heimvorteil.