Vorbei mit der Nettigkeit: Kanada will sich als WM-Gastgeber von den USA abheben – findet aber kaum BeachtungEin Blick auf die ersten zwei Wochen der Fussball-Weltmeisterschaft, aus der Sicht Kanadas.24.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer 18. Juni war für Kanadas Fussball ein historischer Tag. Die Nationalmannschaft besiegte Katar mit 6:0.Darryl Dyck / APDie grösste Geringschätzung kam von einem Kanadier. Der ehemalige kanadische Premierminister Justin Trudeau besuchte das WM-Eröffnungsspiel in Los Angeles – am Abend, an dem auch Kanada mit dem ersten Spiel in Toronto das Turnier lancierte. Trudeau wurde in Kanada deshalb als Verräter bezeichnet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dabei war Trudeaus Erklärung einfach. Er ist mit der amerikanischen Sängerin Katy Perry liiert, die bei der Eröffnungszeremonie in den USA auftrat.Kanada wird von aussen gerne als kleiner Bruder der USA bezeichnet. Genauer: als der niedliche, friedliche, höfliche, aber vielleicht auch langweiligere Bruder. Lange herrschte Familienidylle. Doch spätestens seit der zweiten Amtszeit von Donald Trump ist es damit vorbei: Trump droht, Kanada zum 51. Gliedstaat zu machen. Kanada will eigenständig sein, sich von den USA abheben und bestenfalls in Ruhe gelassen werden.In diesem nordamerikanischen Bruderzwist geht es um die patriotische Dreifaltigkeit: Stolz, Würde, Ehre. Ahornblatt gegen Sternenbanner. Schon ein temporär abgewichener Trudeau ist dabei einer zu viel. Denn die Austragung der Fussball-WM der Männer ist für Kanada eine seltene Chance, die USA auf der sportlichen Bühne zu überstrahlen.Das bessere NordamerikaDas Momentum könnte für Kanada kaum besser sein. Die USA unter Donald Trump sind als Reiseland und vor allem als Einreiseland unbeliebter geworden. In Kanada erzählt man gerne davon, wie nach der ersten Wahl von Donald Trump im Jahr 2016 die Website der kanadischen Einwanderungsbehörde zusammenbrach: wegen der Seitenaufrufe aus den USA.In Kanada nutzt man seither jede Chance, sich als die «besseren» Nordamerikaner darzustellen. Als der somalische Schiedsrichter Omar Artan für die WM nicht in die USA einreisen durfte, schrieben mehrere kanadische Politiker, Artan dürfe gerne nach Kanada kommen. Der Regierungschef der Provinz British Columbia sagte zu den Medien: «In British Columbia würde man ihn als Gold betrachten, nicht als Müll.»An einem Public Viewing in Toronto können Fussballfans die Spiele gar in einem Kajak verfolgen.Carlos Osorio / ReutersMedien weltweit berichteten darüber. Die mitschwingende Mitteilung: Die USA sind ausländerfeindlich und rassistisch, Kanada offen und tolerant. Die Kandidatur der Länder für die Austragung der WM stand unter dem Motto der Einheit. Nun wurde die amerikanische Flagge im Stadion in Toronto ausgebuht.Doch wie es bei grossen Sportveranstaltungen üblich ist, geht es in diesen Tagen wieder um den Sport. Und der findet grösstenteils in den riesigen Football-Stadien der USA statt.Die einzigen Austragungsorte in Kanada sind Vancouver und Toronto, wo Gruppenspiele und vereinzelte Spiele der frühen K.-o.-Phase stattfinden. 13 Spiele sind es, von insgesamt 104 am ganzen Turnier. 10 Gruppenspiele, 2 Sechzehntelfinals, 1 Achtelfinal. Die bedeutendsten Spiele folgen später. Wenn in Kanada das letzte Spiel vorbei ist, geht die WM in den USA noch zwei Wochen lang weiter.Ob sich die Öffentlichkeit dann noch an Kanada als Gastgeber erinnern kann?Das sportliche FernduellIn Internetforen diskutieren kanadische Fussballfans trotzdem darüber, weshalb Kanada als Gastgeber in den Medien weniger präsent ist als die USA. Auf der Plattform Reddit schreibt ein Nutzer: «Weil Kanada Europa nähersteht als die USA. Das bedeutet, dass Touristen von unseren normalen Portionsgrössen nicht beeindruckt sind und es ihnen nichts ausmacht, zu Fuss irgendwohin zu gehen.»Ein anderer schreibt: «Nun, die Kanadier machen keine seltsamen Dinge, wie zum Beispiel enorme Aufschläge für die Zugfahrt zum Stadion zu verlangen; alles läuft reibungslos, daher kommen sie nicht in die Nachrichten.»Die kanadische Nationalmannschaft hat daran gerade etwas geändert. Mit dem 6:0-Sieg gegen Katar haben es die sogenannten «Les Rouges» geschafft, die Kanadier für das Turnier zu begeistern. Das ist keine leichte Aufgabe in einem Land, das lieber Eishockey, Baseball oder Basketball schaut. Die kanadischen Fans versammelten sich danach in den Strassen, jubelten, sangen, tanzten. Auf einem Video ist zu sehen, wie ein Mann ein Pappschild in die Höhe streckt: «Eine Weltmeisterschaft auszurichten, ist einfach der Hammer.»Ein anderer Fan sagte zur BBC: «Der kanadische Fussball war schon immer so etwas wie ein Witz. Er spielt immer nur eine untergeordnete Rolle.» Beim Sieg gegen Katar und bei den vielen jubelnden Fans seien ihm deshalb fast die Tränen gekommen.Die Kanadier haben auch die Aufmerksamkeit der Fussballwelt gewonnen. Es war der erste Sieg der Mannschaft an einer WM, und schliesslich lieben Sportjournalisten historische Erfolge.Chills. Absolute chills. 🥹⁣⁣Thousands of fans marching as one to watch history on home soil. 🍁⁣⁣#WeAreVancouver #WeAre26 pic.twitter.com/uXixnIpKCW— FWC26Vancouver (@FWC26Vancouver) June 19, 2026