Ganz am Ende, als dieses in jeder Hinsicht hitzige Spiel gerade vorbei war und der Schlusspfiff des komplett überforderten Schiedsrichters Ilgiz Tantashev aus Usbekistan noch nachhallte, da ereignete sich eine kleine Szene, die das große Drama auf den Punkt brachte. Paraguays Keeper Orlando Gill wollte Frankreichs Siegtorschützen Kylian Mbappé die Hand geben – mutmaßlich, um ihm zum Einzug ins WM-Viertelfinale gegen Marokko zu gratulieren. Ob Mbappé die ausgestreckte Hand nicht sah oder ob er sie übersah, weil er erst einmal in Richtung der Kurve mit den französischen Fans winkte, war schwer zu ermitteln. Fest steht, dass Gill den Spielball noch in der Hand hatte und ihn voller Frust gegen den Rücken von Mbappé schleuderte. „Das ist Fußball“, sagte Gill wenig später im Kabinengang zu seiner Verteidigung aus. Aber das stimmte nicht. Das war kein Fußball, sondern eher Völkerball.Bezeichnend war diese Szene, weil Paraguays Torhüter, wie schon im Sechzehntelfinale gegen Deutschland, der beste Mann auf dem Platz gewesen war, weil er zweifellos zu den Entdeckungen dieses Turniers gehört und weil er sich – stellvertretend für sein gesamtes Team – nun mit einer unwürdigen Geste verabschiedete. Den Respekt, den sich die Paraguayer im Lauf des Turniers in der Fußballwelt erworben hatten, dürften sie nach diesem demonstrativ unsportlichen Auftritt weitestgehend wieder verspielt haben. Nach 90 Minuten plus überlanger Nachspielzeit stand es 1:0 für Frankreich, und dabei waren drei Wunder geschehen. Das erste Wunder war, dass Tantashev lediglich drei Spieler mit einer gelben Karte verwarnt hatte. Das zweite Wunder war, dass alle drei Spieler Franzosen waren. Bei dem dritten Wunder aber handelte es sich um das vielleicht größte von allen: Niemand im blauen Trikot ist bei all dem ausgerastet.Bundestrainer:Was kann Klopp der Nationalelf geben? Und was würde er kosten?Welche besonderen Qualitäten bringt der Wunschkandidat des DFB mit, wie ist sein Spielstil – und können die Verhandlungen noch scheitern? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum designierten Bundestrainer.„Wir hatten ein Gefühl von Unfairness auf dem Rasen“, sagte Frankreichs Trainer Didier Deschamps. Das war so diplomatisch ausgedrückt, wie es wahrscheinlich nur jemand ausdrücken kann, der bereits als Spieler und als Trainer einen WM-Pokal in der Hand gehalten hat. Wenn man Deschamps richtig verstanden hat, dann war es die größte Leistung seiner Mannschaft, dieses Spiel ohne rote Karte beendet zu haben. „Wenn wir auf die Provokationen eingegangen wären, hätte es anders ausgehen können“, sagte er.Eine schon etwas angestaubte Fußballweisheit besagt, dass es keine Kleinen mehr gibt. Bei der laufenden WM hat sich zuletzt der Verdacht erhärtet, dass es auch keine Großen mehr geben könnte – mit Ausnahme von Frankreich natürlich. Grundsätzlich scheint bei diesem Turnier jeder jeden schlagen zu können, nur das Team von Didier Deschamps wirkte zunehmend unbezwingbar. Am Sonntag in Philadelphia zeigte sich, dass diese Paraguayer auch den unzähligen Zauberfüßchen aus Frankreich ordentlich auf die Nerven gehen können. Dieser französische Achtelfinalsieg mag um Längen mühsamer gewesen sein als das zuletzt recht locker herausgekickte 3:0 gegen Schweden. Aber deshalb war er nicht weniger beeindruckend. Solche – Verzeihung – Drecksspiele muss man wahrscheinlich gewinnen, wenn man Weltmeister werden will. So sieht es auch der französische Kapitän und unumstrittene Anführer. „Sie dachten wohl, wir laufen heute im Anzug auf“, sagte Mbappé. „Aber wir wissen auch, wie man schmutzigen Fußball spielt.“Paraguays Gustavo Velazquez (Nummer zwei) versucht, den Elfmeterpunkt umzugraben. Dylan Martinez/ReutersDas war auch gefordert gegen einen Gegner, der seine üble Treterei mit einem breiten Fundus an Schauspieleinlagen kombinierte. „Wenn wir uns die Hände schmutzig machen müssen, machen wir uns die Hände schmutzig“, sagte Mbappé dazu. Und da klang ein gewisser Stolz heraus.Es ließe sich anfügen: Wenn sie für ihren nächsten WM-Titel im Hochofen kicken müssten, dann würden sie wahrscheinlich auch im Hochofen kicken. In Philadelphia war es am Sonntag jedenfalls so heiß (38 Grad Celsius im Schatten), dass man fürchten musste, die Zuschauer auf der Sonnenseite des Stadions würden an ihren Sitzschalen festgebacken werden. Es war im Grunde unzumutbar, unter diesen Bedingungen überhaupt einen Schritt zu machen, geschweige denn 90 Minuten lang gegen extrem tief stehende Paraguayer anzurennen. Trainer Deschamps deutete das Leidensspiel von Philadelphia nicht von ungefähr als Reifeprüfung. „Dies ist eine weitere Erfahrung für uns. Ich bin sicher, dass das helfen wird“, sagte er.Auch ein paar deutsche Fans sind in Philadelphia – die sich das mit der Reise anders vorgestellt hattenDie Franzosen hatten am Beispiel der Deutschen gesehen, wie man es gegen diese ruppige Mannschaft nicht machen sollte. Und zur Wahrheit gehört, dass sie es über weite Strecken auch nicht viel besser machten. Sie hatten praktisch durchgängig den Ball, aber ganz selten dort, wo es gefährlich hätte werden können. Im Unterschied zu den Deutschen erlaubten sie aber keinerlei gefährliche Gegenangriffe und vor allem: kein Gegentor. Das war nicht allzu hübsch anzusehen, aber es war eine souveräne Art, mit solch einem Geduldsspiel umzugehen: hinten dicht und vorne warten, bis etwas passiert. Irgendwann passiert ja meistens etwas.Bevor aber etwas Entscheidendes im Strafraum passierte, wurde erst einmal gemeinsam Geburtstag gefeiert, und zwar jener der USA. Die Broadway-erfahrene Idina Menzel sang als Ständchen zum 250. die US-Hymne in einer Schwof-Version. Natürlich zischten zur Feier des Tages auch Düsenjäger über das Stadion. Es war ein Tag, an dem man in der amerikanischen Geburtsstadt Philadelphia nicht nur ein Überangebot an blau-weiß-roten Fahnen sah (USA, Frankreich, Paraguay), sondern auch allerlei Fußballfans in Schwarz-Rot-Gold, die sich das alles ein bisschen anders vorgestellt hatten mit der Buchung der Reise nach Philadelphia.Kylian Mbappé bleibt nacht einem Schlag am Boden liegen, Schiedsrichter Ilgiz Tantashev sah von einer Bestrafung ab. Jewel Samad/AFPImmerhin: Auch die Zuschauer in den sentimental stimmenden Ballack-Trikots können jetzt sagen, einem historischen Festtags-Reigen beigewohnt zu haben. An diesem Wochenende fielen in den Vereinigten Staaten zwar nicht Ostern und Weihnachten zusammen, dafür aber so ziemlich alle denkbaren Superlative. Die Einwohner von Hoover, Alabama, etwa versuchten zum Zweihundertfünfzigsten, so viele Cola-Dosen simultan zu öffnen, wie noch keine Stadt der Welt je simultan geöffnet hatte, angeblich 5000. Der US-Präsident versprach derweil, in Washington D.C. das „größte Feuerwerk in der Geschichte“ in den Himmel zu jagen (860 000 Böller). In New York City wurde ein neuer Rekord für die weltexklusivste Promi-Hochzeit aufgestellt. Dazu purzelten im ganzen Land noch diverse Hitzerekorde. Und in Philadelphia machte sich der Franzose Kylian Mbappé auf die Jagd nach dem ewigen WM-Tore-Rekord von Lionel Messi.Mit seinem Strafstoß in der 70. Minute wanzte sich Mbappé (nun 19) bis auf einen Treffer an Messi (20) heran. Und er hätte mindestens ausgleichen können, wenn er in der Nachspielzeit nicht zweimal aus bester Position an Torhüter Gill gescheitert wäre. In der einen, alles entscheidenden Szene aber bewahrte Mbappé auch im Hochofen von Philadelphia einen kühlen Kopf. Schiedsrichter Tantashev hatte ein nicht zu übersehendes Foul im Strafraum an Désiré Doué – selbstverständlich – übersehen. Der Fehler musste vom Videoschiedsrichter korrigiert werden.Orlando Gill hat gegen Deutschland zwei Elfmeter pariert, aber das verunsicherte Mbappé nichtBevor Mbappé ausführen konnte, rammte Verteidiger Gustavo Velázquez noch schnell seinen Stollen in den Elfmeterpunkt, offenbar in dem Versuch, eine entscheidende Unebenheit zu buddeln. Das half aber ebenso sowenig wie alle anderen Verunsicherungsversuche. Der ohnehin lang gewachsene Keeper Gill schien plötzlich noch zwei Köpfe länger zu wachsen, als sich Mbappé den Ball zurechtlegte, wie um zu signalisieren: Du erinnerst dich sicherlich, dass ich zwei Bälle im Elfmeterschießen gegen Deutschland gehalten und dann auch noch den Tah so verunsichert habe, dass er in den Himmel von Boston zielte?Wenn Mbappé sich daran erinnerte, dann ließ er sich nichts anmerken. Er schob den Ball umstandslos in die rechte untere Ecke. „Heute haben wir gezeigt, dass wir nicht nur Angriffsfußball spielen können“, sagte er. Für alle, die zufällig auch gerne Weltmeister werden wollen, ist das keine gute Nachricht.