Ein Match wie eine Reifeprüfung: Frankreich ringt das unbequeme Paraguay niederGenau wie Deutschland tut sich auch der WM-Favorit extrem schwer gegen Paraguays Defensivkünstler. Schliesslich entscheidet ein Penalty von Kylian Mbappé den WM-Achtelfinal.05.07.2026, 01.18 Uhr5 LeseminutenFrankreichs Kylian Mbappé versenkte in einem zunehmend ruppigen Spiel den Foulelfmeter.Martin Meissner / APDer Fussball habe sich nicht verändert, sagen manche Experten – ein Satz, gegen den sich nicht selten Widerspruch regt. Wobei zu diskutieren wäre, was es eigentlich heisst, dass sich der Fussball nicht verändert habe. Zweifel sind angebracht, schliesslich gibt es Konstanten, ja, manche Mannschaften wirken gar wie die Wiedergänger ihrer Vorgänger. So war es mit Paraguay, den Südamerikanern, die Deutschland im Elfmeterschiessen aus dem Turnier geworfen hatten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gegen Frankreich unterlagen sie im Achtelfinal in Philadelphia 0:1, Kylian Mbappé verwandelte einen Foulelfmeter – sein achtes Turniertor, sein 19. WM-Tor insgesamt, nur ein Treffer weniger als Lionel Messi. Die Zweifel, dass Kylian Mbappé einst einen Rekord aufstellen wird, der vielleicht über ein halbes Jahrhundert Geltung hat, werden allmählich kleiner.Frankreich alles andere als souveränAber das war geradezu nebensächlich. Denn es ging viel mehr um die Art und Weise, in der der grosse Favorit den Aussenseiter hier regelrecht niederrang. Ohne einen Hauch von Glanz, ohne Esprit, dafür mit vielen Abstimmungsfehlern, ungenauen Pässen und grosser Nervosität. Am Ende aber doch erfolgreich.Für manche war es ein Déjà-vu. Denn über lange Zeit wirkte dieser Match fast wie die Blaupause jenes Spiels, das die Franzosen ebenfalls im Achtelfinal 1998 an der WM im eigenen Land gegen Paraguay bestritten. Damals organisierte Deschamps, als Captain und zentraler Mittelfeldspieler, das Spiel der Équipe Tricolore im defensiven Mittelfeld, er war so etwas wie der Bodyguard für die Kreativabteilung. Er konnte nicht verhindern, dass seine Mitspieler von Minute zu Minute ungeduldiger und schliesslich regelrecht panisch wurden. Denn ihnen, die an dieser Weltmeisterschaft grosse Ambitionen hatten, lief die Zeit davon. Paraguay verteidigte brillant, es ging in die Verlängerung, und alles, wirklich alles, deutete auf ein Elfmeterschiessen hin.Sie wollten es damals unbedingt vermeiden. Und dafür gab es einen Grund. Im Tor Paraguays stand José Luis Chilavert, ein Schrank von einem Kerl, für den die Bezeichnung «aggressiv» fast schon zu harmlos wirkt. Ein Pöbler, Raubein und Ressentiment-Bolzen. Vor dem Spiel seiner Landsleute in Philadelphia gegen die Franzosen hatte er, der später sogar einmal Ambitionen auf das Amt des Staatspräsidenten hegte, ausrichten lassen, Paraguay spiele nicht gegen Frankreich, sondern gegen eine afrikanische Mannschaft.Damals, in den 199oer-Jahren, erzielte er Tore per Freistoss und Elfmeter, war aber auch sonst ein mehr als passabler Torhüter. Dreimal wurde er zum besten Goalie der Welt gewählt. Einem solchen Mann zu begegnen, ist für jeden Gegenspieler unangenehm, und so nahm sich Laurent Blanc, der Abwehrchef, ein Herz, marschierte nach vorn und schoss die Franzosen gegen Ende der Verlängerung in die nächste Runde. Es war geradezu der Prototyp eines Arbeitssiegs, wie ihn grosse Teams nicht selten brauchen – genauso wie jetzt in Philadelphia, am 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Die Franzosen werden es als Omen begreifen.Die Führung musste erzwungen werdenDenn was Paraguay hier veranstaltete, entsprach genau dem, was im Rahmen seiner Möglichkeiten lag: kompakt verteidigen, so eng gestaffelt, dass sich den Franzosen keine Lücken boten – und das klappte lange Zeit sehr gut. «Vielleicht war das nicht der Fussball, den wir sehen wollten, es war sehr aggressiv. Sie haben sehr gut verteidigt», sagte Deschamps.Es geht eben auch darum, Dinge zu erzwingen, wenn sie sich nicht mit der Leichtigkeit lösen lassen, die die Franzosen etwa gegen Schweden ausgezeichnet hatte. Es war kein Spiel im Rausch, kein derart beschwingter Auftritt, der die Zuschauer im Stadion von den Sitzen reisst.Aber Paraguay – eine Mannschaft ohne echte Spitzenspieler, die aber defensiv so hervorragend war, dass die Franzosen zusehends frustrierter wurden – war in seiner Verweigerung, ein Spiel auch nur ansatzweise gestalten zu wollen, ein extrem unangenehmer Gegner. Zumal die Grenzen des Legalen auf dem Spielfeld zwar unablässig ausgelotet, aber nur selten überschritten wurden. Die Cleverness der Paraguayer imponierte: Sie erhielten keine einzige Verwarnung, die Franzosen allerdings zwei.Erst der Elfmeter eröffnete Frankreich die Möglichkeit zur Führung. Kylian Mbappé nutzte diese Gelegenheit – trotz minutenlanger Proteste der Paraguayer, während derer sich Gustavo Velázquez in den Rücken des Schiedsrichters schlich, um den Rasen am Elfmeterpunkt zu zertreten. Auf diese Weise wollte er einen unpräzisen Schuss des Stürmers erzwingen. Dass Mbappé sich nicht beirren liess, spricht nicht nur für die Klasse, sondern auch für die Kaltblütigkeit des Angreifers.Gewiss drängte sich der Quervergleich zum deutschen Team auf, das an Paraguay gescheitert war. Auf den ersten Blick rückt der knappe Sieg der Franzosen das Ausscheiden der Deutschen in ein anderes Licht, ja, man konnte zuvor scherzen: Gewinnt Frankreich nur mit 1:0 gegen Paraguay, dann sollte man den Bundestrainer Julian Nagelsmann zu erhöhten Bezügen wieder einstellen. Allerdings waren die Deutschen weit entfernt von der Klasse des französischen Teams an dieser WM, dessen Verfassung auch körperlich hervorragend war. Bei buchstäblich lähmenden Temperaturen von 37 Grad im Schatten gaben sich die Franzosen keine Blösse, und genau das könnte sich auf dem Weg in den Final als entscheidender Faktor erweisen.Als das Spiel abgepfiffen war, provozierten die Paraguayer Kylian Mbappé weiter. Als der Franzose den Torhüter Orlando Gill ignorierte, der ihm die Hand schütteln wollte, warf dieser Mbappé den Ball in den Rücken. Das könnte ein Nachspiel haben, denn Gill liess sich zu jener Tätlichkeit hinreissen, zu der ihn einige seiner Mannschaftskollegen mit ihren Provokationen gegen die Franzosen offenbar anstacheln wollten. Nach dem Match gab sich der Torhüter ahnungslos und betonte, er habe Kylian Mbappé nur gratulieren wollen.Die Spieler blieben abgeklärtDie Franzosen blieben allerdings besonnen genug, sich auf dieses Geplänkel nicht einzulassen – anders, als es die Deutschen 2006 im Viertelfinal gegen Argentinien getan hatten. Sie büssten es damals damit, dass Torsten Frings im Halbfinal gegen Italien eine Sperre absitzen musste. Es sind diese Details, die trotz dem alles andere als glanzvollen Auftritt für den Favoriten sprechen. Ein Charaktertest, nicht mehr und nicht weniger. «Es war eine gute Etappe, die wir hinter uns gebracht haben», sagte Deschamps. Die Franzosen sind auf dem besten Weg, die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen.Passend zum Artikel
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