InterviewKinder? Vielleicht später: «Die meisten Frauen lassen ihre Eizellen einfrieren, weil ihnen ein Partner fehlt oder sie von ihm vertröstet werden»Die Zahl der Schweizerinnen, die ihre Eizellen konservieren lassen, hat sich seit 2019 vervierfacht. Die Gynäkologin Kerstin Blickenstorfer über die häufigsten Fruchtbarkeits-Irrtümer, das Leiden der jungen Frauen sowie die roten Linien der Reproduktionsmedizin.05.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenIllustration Dario Veréb / NZZaSFrau Blickenstorfer, ich habe zwei Töchter in den Zwanzigern, die studieren oder ihren ersten Job suchen. Ihr Leben steht offen, die Kinderfrage ist weit entfernt. Würden Sie den beiden raten, ihre Eizellen vorsorglich einfrieren zu lassen?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In diesem Alter definitiv noch nicht. Das hat in der Schweiz einen ganz pragmatischen, rechtlichen Grund: Wir haben hierzulande immer noch das Problem der gesetzlichen Zehnjahresfrist für die Lagerung. Frieren Ihre Töchter um das 25. Lebensjahr herum Eizellen ein, wenn deren Qualität optimal ist, müssen sie sie bereits mit 35 wieder vernichten lassen – also in der Phase, in der die Familienplanung heute auf Hochtouren läuft. Sind sie aber erst einmal dreissig oder älter und haben sie noch keine Kinder, dann würde ich das intensiv mit ihnen besprechen.Fast die Hälfte der Schweizerinnen glaubt, sie hätten für die Familienplanung einiges mehr an Zeit, wie eine neue Studie der Universität Zürich ans Licht gebracht hat. Brauchen Ihre Patientinnen ebenfalls Nachhilfe in Sachen Fruchtbarkeit?Absolut. Und eigentlich ist das kein Wunder: Das Thema wird in den Schulen bis jetzt nicht behandelt. Aufklärung bedeutet dort Safer Sex und Schwangerschaftsverhütung – niemand spricht über die biologische Uhr. Auch die Bilder von älteren Prominenten mit dickem Babybauch in Hochglanzmagazinen gaukeln vor, dass man das alles mit 40 noch locker schaffen kann. Wenn ich meine Patientinnen dann mit den biologischen Realitäten konfrontiere, fallen sie oft aus allen Wolken.In aller Härte: Was passiert im Eierstock einer Frau, welche die 35 überschritten hat?Dort spielt sich eine doppelte Problematik von abnehmender Quantität und Qualität ab: Ist die Reserve an Eibläschen reduziert, lassen sich trotz Stimulation der Eierstöcke mit Hormonen weniger Eizellen gewinnen als bei einer jüngeren Frau. Dazu kommt der zweite wichtige Aspekt, die Qualität: Jede unreife Eizelle trägt von Natur aus zu viel genetisches Material in sich, welches sie während ihrer Reifung in Form von Teilung und Reduktion mithilfe eines zellulären Aufräumapparates abstösst. Mit zunehmendem Alter arbeitet dieser fehlerhaft, so dass die reife Eizelle entweder zu viel oder zu wenig genetisches Material enthält. Das reduziert die wenigen Eizellen, die wir für ein Social Freezing gewinnen können, erneut und verringert damit die Chancen einer möglichen späteren Schwangerschaft.Nun stellen Frauen und Männer die Kinderfrage ja nicht einfach aus lauter Jux und Tollerei hintan. Zwischen 20 und 30 ist man in der Ausbildung und im Berufseinstieg, dann will man sich im Job etablieren, und den passenden Partner braucht es auch noch . . .. . . genau. Was für ein Stress! Vorab für Frauen. Diese nämlich können die Kinderfrage nicht verdrängen oder immer weiter nach hinten schieben wie Männer. Sie müssen sich zu ihr vorausschauender verhalten. Dank Social Freezing können sie etwas Zeit gewinnen.Kommen Frauen in die Praxis, weil ihr Partner unentschlossen ist?Ja. Oder sie kommen, nachdem eine Beziehung in die Brüche gegangen ist.Die sogenannte Karrierefrau, die das Kind für den eigenen Aufstieg aufschiebt, ist ein Mythos?In unserer Praxis: ja. Der absolute Klassiker für Social Freezing ist eine Frau in ihren Dreissigern, die eigentlich Kinder will, aber keinen Partner hat. Entweder weil sie sich kürzlich getrennt hat, von ihm vertröstet wird, oder einen neuen nicht in die Flucht schlagen will, so nach dem Motto: «Hallo, wir kennen uns zwar erst seit zwei Monaten, aber meine biologische Uhr tickt.»Gibt es ein Schicksal, das Ihnen besonders nahegegangen ist?Das war eine Patientin, die selber im sozialen Bereich mit Kindern arbeitet und mir erzählte, wie sie von Jahr zu Jahr von ihrem langjährigen Freund vertröstet worden ist: Er müsse sich beruflich noch etablieren, er fühle sich noch zu jung, er sei psychisch noch nicht bereit dazu. Bis er ihr dann eröffnete, dass Kinder doch nicht in seine Lebensplanung passten. Da war sie 38 und stand nicht nur vor den Trümmern einer Beziehung, sondern auch eines Lebensplans. Da in der Schweiz die Samenspende für Singles verboten ist, habe ich sie an Kollegen in Deutschland verwiesen, mit deren Hilfe sie ihren Wunsch erfüllen konnte.Eine solche Schwangerschaft mit einem eingefrorenen Ei ist aber keineswegs selbstverständlich, oder?Nein. Wenn eine Frau mit 30 Jahren zehn Eizellen einfriert, hat sie später eine gut 70-prozentige Chance, mit diesen ein Kind zu bekommen. Startet sie die Behandlung aber erst kurz vor dem 40. Lebensjahr, hat sie nur noch eine Erfolgsquote von rund 30 Prozent. Viele Männer kennen das ideale Fruchtbarkeitsfenster ihrer Partnerinnen nicht und unterschätzen die Konsequenzen des Vertröstens.Social Freezing ist für junge Frauen also eine Art Ausweg aus der Ohnmacht?Ja. Auch wenn das Social Freezing kein Baby garantiert, verlängert sich damit die fertile Zeit. Vor allem aber kommen Frauen so ins Handeln. Ähnlich wie die Pille ermöglicht Social Freezing ein Stück reproduktive Selbstfürsorge und Autonomie.Eine kostspielige Form von Autonomie.Ja. Ein Zyklus, also Stimulation, Entnahme und Einfrieren der Eizellen, kostet in unserer Praxis rund 5000 Franken. Dazu kommen jährliche Lagerungskosten von 300 Franken. Das kann sich nicht jede Frau leisten. Vor allem, weil es sehr oft zwei Zyklen braucht, um genügend gute Eizellen zu gewinnen.Es gibt Firmen, welche das Social Freezing für Mitarbeiterinnen finanzieren, und Regierungen wie die des schwedischen Ministerpräsidenten Ulf Kristersson, welche die staatliche Unterstützung für die Kinderwunschmedizin ausbauen wollen. Eine gute Idee?Ich bin Ärztin, nicht Politikerin. Aber als Privatperson möchte ich nicht, dass meine Fruchtbarkeit instrumentalisiert wird. Wenn mir eine Firma das Social Freezing bezahlt, wie reagiert sie, wenn ich kurz darauf schwanger werde?Zur PersonPDKerstin BlickenstorferDie Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe hat einen Schwerpunkttitel für gynäkologische Endokrinologie und arbeitet seit vier Jahren im Kinderwunschzentrum Gyn. A.R.T. Davor war sie zehn Jahre Oberärztin in der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie des Universitätsspitals Zürich. Blickenstorfer ist verheiratet und hat zwei Töchter und einen Sohn.Sie beschreiben Social Freezing als Ermächtigung der Frauen. Doch lastet nun neben der Verhütungsfrage nicht auch die Fruchtbarkeitsfrage auf ihren Schultern?Das hat sie schon immer. Und ganz aus dem Weg räumen lässt sie sich wohl nie. Schliesslich ist es das weibliche Fruchtbarkeitsfenster, das sich schliesst. Aber natürlich wünschte ich mir auch, dass die Gesellschaft offener würde für Arbeits- und Karrieremodelle, die es Paaren ermöglichen, früher eine Familie zu gründen. Nur: Ich sehe leider wenig Veränderungen seit der Zeit, als ich kleine Kinder hatte. Es gibt mehr Kita-Plätze, eine Woche Vaterschaftsurlaub, aber der Stress ist nicht kleiner geworden. Und die Angst der Frauen vor Nachteilen am Arbeitsplatz offenbar auch nicht.Woran sehen Sie das?Unsere frühesten Termine um 6 Uhr 30 sind immer sofort ausgebucht. So können die Frauen unbemerkt vorbeikommen und rechtzeitig im Büro aufkreuzen, ohne sich vor dem Chef rechtfertigen oder sich krankmelden zu müssen. Es ist traurig, wie stark Kinderwunsch und Unfruchtbarkeit in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiert und mit Scham behaftet sind. Über Sex spricht heute jeder offen – über den schmerzhaften unerfüllten Wunsch nach einem Kind schweigt man lieber.Ihre Patientinnen stehen also biologisch, privat und beruflich unter Druck. Wie gehen Sie als Ärztin damit um?Der Druck für die Patientinnen ist enorm. Da sind die Erwartungen des Umfelds, die Torschlusspanik, wenn eine Beziehung in die Brüche geht, die Enttäuschung und die Scham, wenn ich einen Embryo zurückgebe, aber die Schwangerschaft ausbleibt. Ich versuche ein offenes Ohr zu haben, alles auffangen kann ich nicht. Wenn das Leiden zu gross wird, empfehle ich eine Begleitung durch eine auf Kinderwunsch spezialisierte Psychotherapeutin.Sie sprechen von «zurückgeben». Warum?Das Wort Transfer finde ich diesem emotionalen Prozess nicht angemessen. Wir entnehmen Eizellen, und wir geben sie befruchtet zurück. Die Paare können die Rückgabe des Embryos in die Gebärmutter auf dem Bildschirm mitverfolgen. Da fliessen regelmässig Tränen der Rührung. Das ist ein sehr befriedigender Teil meiner Arbeit.Und der unangenehmste?Ganz klar: Wenn ich einer Frau zum wiederholten Mal mitteilen muss, dass keine Schwangerschaft eingetreten ist. Der Schmerz, den ich damit auslöse, quält auch mich. Ich sage meinen Kindern schon heute regelmässig: Startet das Familienprojekt nicht zu spät!Als Ärztin oder als Mutter?Wohl beides. Unterrichte ich angehende Frauenärztinnen und Frauenärzte, ermahne ich auch sie, das Thema Kinder mit ihren Patientinnen zu besprechen.Nun gibt es auch Männer, die mit der Fruchtbarkeit kämpfen. Laut der Studie durchläuft in der Schweiz jedes fünfte Paar Phasen der Unfruchtbarkeit. Was sind die häufigsten Ursachen?Zu den möglichen Ursachen gehören hormonelle Störungen, eingeschränkte Samenqualität, Eileiterverschlüsse oder Erkrankungen wie Endometriose. Es gibt auch Paare, bei denen ein einfaches Zyklusmonitoring reicht, weil sie eine unklare Vorstellung davon haben, wann der Eisprung stattfindet, und schlicht am falschen Tag Verkehr haben. Grob kann man sagen, dass die Gründe für die ungewollte Kinderlosigkeit zu je einem Drittel beim Mann und bei der Frau liegen. Beim letzten Drittel haben beide ein Problem, oder es kann keine Ursache gefunden werden.Leiden die Männer auch so stark?Oh ja. Die Diagnose schlechte Spermienqualität ist ein massiver Angriff auf das männliche Selbstverständnis. Dabei kann man die Qualität durch Änderungen des Lebensstils zum Teil verbessern. Hören die Männer etwa auf zu rauchen oder normalisieren sie ihr Gewicht, zeigt sich das in der Qualität der Spermien schon nach drei Monaten.Sie stossen also auf einige Aufklärungsdefizite?Ja. Eines, das mich persönlich umtreibt: Wir vernichten Tausende vitrifizierte, qualitativ makellose Eizellen von jungen Frauen, weil die Zehnjahresfrist abgelaufen ist. Gleichzeitig schicken wir Hunderte Schweizer Paare mit unerfülltem Kinderwunsch für teures Geld ins Ausland zu Eizellenspenden – unter medizinisch und ethisch nicht immer einwandfreien Bedingungen. Viele Frauen, die ihre gelagerten Eizellen nicht mehr selbst benötigen, sagen mir im Gespräch explizit: «Ich würde sie so gerne an ein unfruchtbares Paar spenden, damit sie nicht umsonst entnommen wurden.» Eine Legalisierung wäre eine Win-win-Situation.Und wo braucht es sonst noch Nachhilfe?Eine 45-jährige Frau, die ihre Eizellen mit 35 hat einfrieren lassen, kann nicht einfach kommen und sagen: So jetzt bin ich bereit, Mutter zu werden. Zunächst einmal, weil das Fortpflanzungsmedizingesetz in der Schweiz verlangt, dass eine stabile Paarbeziehung besteht und eine Sterilität vorliegt. Zudem ist eine Schwangerschaft kein Spaziergang, sondern ein 40-wöchiger Marathon. In diesem Alter birgt dieser Marathon höhere Risiken für Frau und Kind. Verschiedene Schwangerschaftserkrankungen treten häufiger auf. Vor allem wenn bereits internistische Diagnosen bestehen, sind zusätzliche Konsultationen beim Kardiologen, beim Diabetologen oder bei den Kollegen in der Geburtshilfe notwendig.Schicken Sie Frauen ab einem bestimmten Alter wieder nach Hause?Wenn die gesundheitlichen Risiken für die Frau oder das ungeborene Kind zu gross sind, lehne ich den Transfer ab – da trage ich eine ethische Verantwortung.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Eizellen einfrieren? Schweizer Frauen setzen auf reproduktive Selbstfürsorge
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