Hätte der Killer richtig zugestochen, wäre es bei einem Mord geblieben: wie die Pazzi-Verschwörung zu einem Drama wird, das in die Plünderung einer Weltstadt mündetAm 26. April 1478 sollten die beiden mächtigsten Männer in Florenz während eines Gottesdienstes umgebracht werden: Das gelang nicht. Es kam zum Gegenschlag.Volker Reinhardt05.07.2026, 05.30 Uhr12 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Das eben ist der Fluch der bösen Tat, / Dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.» Das berühmte Zitat aus Friedrich Schillers Drama «Die Piccolomini», an dem sich Generationen von Maturandinnen und Maturanden im Deutschaufsatz abgequält haben, ist auf den Militärunternehmer Wallenstein gemünzt, mit dem es bekanntlich kein gutes Ende nimmt. Doch sehr viel besser passt die düstere Prognose, dass Gewalt immer neue Spiralen der Gewalt erzeugt, zu einer Ereigniskette, die am 26. April 1478 im Dom von Florenz beginnt und am 6. Mai 1527 in Rom ihren Gipfel und Abschluss findet.Ein Anschlag, der Strassenschlachten und Lynchjustiz, die Enteignung eines Herzogtums, eine Verschwörung gegen das Leben eines Papstes und am Ende die Eroberung und Plünderung einer Weltstadt «zeugt» oder «gebiert», das ist historisch schwer zu toppen – und das alles nur, weil ein hastig angeworbener Priester nicht zum Profikiller taugte.Hätte er, so die empörte Reaktion seiner Auftraggeber, fachgerecht zugestochen, hätte es damit sein Bewenden gehabt. So aber wurde das, was als ein einziges blutiges Ereignis geplant war, zu einem Drama in fünf Akten. Wie jedes gute Stück bietet es nicht nur viel Action, sondern auch tiefe Einblicke, speziell in die Moral und das Selbstverständnis der Täter und der Opfer, die schon bald ihre Rollen vertauschen. Doch bevor die Handlung einsetzt, ist ein klärendes Vorspiel angesagt.1434 hat die «Partei» der Medici die Macht in Florenz erobert. Sie ist nach den Gesetzen der Klientel aufgebaut, ähnlich wie die Mafia. An der Spitze steht Cosimo de’ Medici, der reichste Bankier Europas. Als Pate von Florenz hat er sich mit seinem vielen Geld und anderen Wohltaten die Ergebenheit seiner Mitbürger gekauft, die ihm dafür «Gefälligkeiten» schulden. Konkret heisst das, dass sie die Ämter der Republik Florenz, in die sie gewählt werden, in seinem Interesse und nach seinen Direktiven auszuüben haben.Milde TyranneiAuf diese Weise kann er sich selbst und seine Söhne im Hintergrund halten und den einfachen Bürger spielen. Wer nicht zu diesem Netzwerk gehört, das die Mehrheit der Oberschicht und einen beträchtlichen Teil des Mittelstands umfasst, kommt in Florenz auf keinen grünen Zweig: Die Republik ist nach den Worten des Historikers Francesco Guicciardini, dessen Familie zu den meistbegünstigten des Systems gehört, in Wirklichkeit eine Tyrannei, allerdings eine «milde». Mit diesem vor Ironie nur so strotzenden Wort wollte Guicciardini sagen: Diese verschleierte Herrschaft eines Familien-Gefolgschaftsverbands kommt ohne Gewalt aus und erzeugt auch keine – die Lizenz zum Geldverdienen oder ihr Entzug reichen völlig aus.Das stimmt im Grossen und Ganzen bis zur Mitte der 1470er Jahre, als mit dem 1449 geborenen Lorenzo de’ Medici die dritte Generation an der Spitze der «Medici-Partei» steht. Allerdings treten jetzt gehäuft Krisensymptome auf. In Florenz hat die ältere und vornehmere Familie der Pazzi die Medici wirtschaftlich überholt. Cosimo, sein Sohn Piero und sein Enkel Lorenzo haben es mit den bewährten Methoden der An- und Einbindung, mit Verschwägerung und Gewinnbeteiligungen, versucht, aber das hat nichts genützt – die Pazzi wollen eindeutig dahin, wo die Medici stehen, und diese sind nicht bereit, diesen Platz zu teilen oder gar zu räumen.Daraufhin versuchen sie es mit den altbewährten Methoden des Mobbings. Plötzlich werden die Mitglieder der Pazzi beim regelmässigen Familien-Ranking der florentinischen Oligarchie für nicht mehr amtsfähig befunden, was ein klarer Affront und ein Verstoss gegen zweihundert Jahre alte Spielregeln ist; danach verlieren sie Erbschaften und Prozesse, und zwar gegen Recht und Billigkeit, weil Lorenzo, der Strippenzieher hinter der Fassade der Republik, es so will.Trotzdem geben die Pazzi nicht klein bei: Ihr Palast und vor allem ihre Grabkapelle sind mit ihrem Emblem, den vom Wind geblähten Segeln geschmückt, und das heisst, an die Adresse der Medici gerichtet: Wir lassen euch mühelos hinter uns, wartet nur ab! Formell sind die Pazzi im Recht, und so fühlen sie sich auch: Die Republik Florenz ist offiziell ein offenes System, in dem der wirtschaftliche Erfolg und die Vernetzung innerhalb der Elite über Rang und Ansehen entscheiden, Familien also auf- und absteigen.Zur Herrschaft auserwähltDoch die Medici sind längst anderer Ansicht: Sie betrachten sich als von der Vorsehung zur Herrschaft über Florenz auserwählt und haben diese Vorherbestimmung sogar in Form von Himmelszeichen über ihre Grabkapelle in San Lorenzo malen lassen. Die Pazzi in ihrer Kapelle bei Santa Croce allerdings auch.Sie sind nicht die Einzigen, die sich von den Medici blockiert fühlen. Lorenzo de’ Medici hat Francesco Salviati, den frisch ernannten Erzbischof von Pisa, am Antritt seines Amtes gehindert, weil er ihm misstraut, und damit eine weitere führende Familie gegen sich aufgebracht. Vor allem aber stehen die Medici dem Nepotismus Papst Sixtus’ IV., mit Familiennamen Francesco della Rovere, im Wege.Dieser stammt aus bescheidenen Verhältnissen Liguriens, ist im Bettelorden der Franziskaner zum General aufgestiegen, ordnet seinen Pontifikat konsequent der Erhöhung seiner Familie unter und bricht dabei alle Normen. Nicht weniger als sechs Blutsverwandte werden zu Kardinälen erhoben, und ein weiterer Neffe soll Herrscher eines eigenen Staates werden.Dabei fällt die Wahl auf die Stadt Imola in der Romagna, die dem Herzog von Mailand gehört. Doch dieser verkauft sie nicht an Sixtus IV., sondern an Florenz, und Florenz weigert sich, diese Erwerbung an den Papst weiterzureichen. Zur Strafe verliert Lorenzo sein Amt als päpstlicher Bankier, das den Medici in den vorangehenden Jahrzehnten den Grossteil ihres Reichtums eingetragen hat – und das jetzt, wie könnte es anders sein, an die Pazzi geht.Mord ist kein ProblemDie Medici müssen weg – mit den Pazzi, den Salviati und Sixtus IV. wollen das jetzt schon drei feindliche Gruppierungen. Ein Vierter im Bunde ist schnell gefunden: Federico da Montefeltro, Herzog von Urbino und als solcher «Lehensmann» des Papstes, mit den Florentinern seit 1472 zerstritten, seit seine Truppen bei der Niederschlagung eines Aufstands in der florentinischen Untertanenstadt Volterra plündernd aus dem Ruder liefen und ihren Kommandanten damit blamierten.Die Medici – das sind in den Augen der Verschwörer, deren Fäden von jetzt an bei Sixtus IV. zusammenlaufen, zwei: Lorenzo und sein jüngerer Bruder Giuliano, der wegen seiner Schönheit in ganz Italien bewundert und besungen wird, aber keinerlei politischen Einfluss hat. Doch sicher ist sicher. Die Organisation des gemeinsam beschlossenen Doppelmords übernimmt Montefeltro, der einen seiner bewährten Offiziere mit der Durchführung des Anschlags beauftragt.Als sich jedoch abzeichnet, dass dieser im Dom von Florenz stattfinden soll, springen die dafür vorgesehenen Söldner ab: Mord ist für sie kein Problem, das sind maximal ein paar Jahre Fegefeuer mehr, aber bitte nicht an einem geweihten Ort, dafür wandert man direkt in die Hölle! Für sie springen zwei Kleriker ein, für die eine solche Bluttat an ihrem gewohnten Arbeitsort kein Problem darstellt.Neunzehn MessersticheNach dem langen Vorspiel dann der erste Akt: Um Lorenzo und Giuliano in Sicherheit zu wiegen, hat Sixtus IV. einen seiner Nepoten, Kardinal Raffaele Sansoni Riario, zu vorgetäuschten Friedensgesprächen nach Florenz geschickt. Und die beiden Medici-Brüder gehen in die Falle, nämlich mit ihrem Gast zum gemeinsamen Gottesdienst in den Dom.Als die Glocke die Wandlung während der Messe ankündigt, treten die Ersatzkiller in Aktion: Giuliano fällt von neunzehn Messerstichen durchbohrt tot zu Boden, Lorenzo verteidigt sich mit seinem gefalteten Mantel, wird nur leicht verletzt und von seinen Anhängern in der Sakristei hinter der Bronzetür Luca della Robbias in Sicherheit gebracht; am Ort des Geschehens hat sich bis heute nichts verändert, wer will, kann den Anschlag also regelrecht «abschreiten».In der Sakristei plant Lorenzo den Gegenschlag, für den er als kreativer Literat sofort die Parole ausgibt: «Popolo e libertà», Volk und Freiheit, unter diesem Motto sollen seine Gefolgsleute im jetzt anstehenden Kampf um die Macht in Florenz für die Medici antreten. Der florentinische Historiker und Politiktheoretiker Niccolò Machiavelli kommentiert das viereinhalb Jahrzehnte später in seiner Geschichte von Florenz mit einem einzigen lakonischen Satz: Beides gab es zu jener Zeit nicht mehr.Für Machiavelli war das Volk gekauft und die Freiheit durch die Herrschaft eines Klientelverbands zur Fiktion geworden. Doch Lorenzos Appell, der seine Familie mit Florenz gleichsetzt und ihr Schicksal in die Hände des Volkes legt, trifft auf offene Ohren – sehr viele Florentiner haben mit dem Untergang der Medici sehr viel zu verlieren.StrassenschlachtDamit beginnt Akt zwei: eine blutige Strassenschlacht, in der die Pazzi und ihre Anhänger klar in der Unterzahl sind. Jacopo Pazzi, der Chef des Clans, und sein Neffe Francesco werden gelyncht, dessen Bruder Guglielmo, der mit einer Schwester Lorenzos verheiratet ist, wird verbannt – in Florenz hat kein Pazzi mehr eine Zukunft. Zum Abschluss der Massaker wird Francesco Salviati vor der Fassade des Stadtpalastes gehenkt (und von Leonardo da Vinci gezeichnet), und selbst die Flucht schützt vor Rache nicht – ein Verschwörer, der es bis nach Istanbul geschafft hat, wird vom Sultan ausgeliefert und ebenfalls hingerichtet. Lorenzo, der Schöngeist und Dichter lieblicher Verse, zeigt, dass er sich auch auf Rache versteht, und lässt damit ein anderes, zarte Gemüter verstörendes Gesicht erkennen.Als die Nacht hereinbricht, schwimmen die Leichen der Geschlagenen den Arno hinab – und das Söldnerkontingent, das der Papst und Montefeltro vorsichtshalber vor den Stadtmauern platziert haben, zieht kampflos ab. Warum, ist bis heute nicht geklärt. Wahrscheinlich haben die Verschwörer zu wenig gezahlt. Auf die Strassenschlacht folgt ein Krieg, in dem sich Florenz gegen den Papst und Neapel behaupten muss, was mit knapper Not gelingt.Zwischen Akt zwei und drei erstreckt sich ein Zwischenspiel mit einer überraschenden Peripetie, einer Kehrtwendung, wie sie jedes gute Drama braucht. Seit 1503 ist der ehemalige Hauptnepot Sixtus’ IV., Kardinal Giuliano della Rovere und damit ein Hauptdrahtzieher des Mords im Dom, als Julius II. Papst und der zweitälteste Sohn Lorenzos de’ Medici namens Giovanni Kardinal. Als solcher ist er Chef des Hauptzweigs der Familie, die 1494 aus Florenz vertrieben wurde und seither auf die Rückkehr an die Macht wartet.1512 ist diese Gelegenheit gekommen. Julius II. hat die Franzosen aus Italien vertrieben und sich mit Spanien verbündet und sorgt jetzt dafür, dass spanische und päpstliche Truppen die Medici nach Florenz zurückführen, wo sie ihre Herrschaft hinter republikanischer Fassade für weitere eineinhalb Jahrzehnte erneuern. Diese Unterstützung durch den zweiten Della-Rovere-Papst wird von der Öffentlichkeit Italiens als Geste der Versöhnung betrachtet – 1478 wollten wir euch eliminieren, jetzt aber tragen wir euch wieder an die Macht empor, womit aller Hader vergessen und verziehen sein soll.Damit stehen die Medici tief in der Schuld der della Rovere, was nach den «Ich gebe, damit du gibst»-Gesetzen der Politik konkrete Gegenleistungen verlangt. Die Harmonie hält bis zum nächsten Konklave an, aus dem im März 1513 Giovanni de’ Medici als Papst Leo X. hervorgeht, womit Akt drei beginnt. Der neue Papst hat alle Machtmittel in der Hand, um den della Rovere die längst fälligen Dienste zu erweisen. Stattdessen vertreibt er 1516 Herzog Francesco Maria della Rovere von Urbino, den vom letzten Montefeltro-Herzog adoptierten und zur Nachfolge bestimmten Sohn eines Nepoten Sixtus’ IV., aus seinem Herzogtum, um dort den jüngeren Lorenzo de’ Medici, den Sohn seines Bruders Piero, als neuen Herrscher einzusetzen.Damit nehmen die Medici den 1478 begonnenen Kampf um Sein oder Nichtsein mit den della Rovere wieder auf. Die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten, womit Akt vier beginnt: Im Frühjahr 1517 wird eine Verschwörung gegen das Leben Leos X. aufgedeckt; dahinter stehen junge, ehrgeizige Kardinäle, die viel Geld in den Kauf ihres Amtes gesteckt haben und sich unter dem Medici-Papst, der alles für seine Familie zusammenrafft, um die erwartete Rendite betrogen sehen.Zum neuen Papst erheben wollen sie, und zwar mit dessen ausdrücklicher Billigung und Zustimmung, Kardinal Raffaele Sansoni Riario, der seinerzeit zur Vertuschung des Anschlags im Dom nach Florenz gezogen und damals knapp der Lynchjustiz entronnen war. Jetzt aber steht sein Leben auf Messers Schneide. Nach längeren Überlegungen begnügt sich Leo X. damit, Sansoni Riarios prachtvollen Palast zu beschlagnahmen, in den bald darauf die Cancelleria, die päpstliche Kanzlei, mit dem päpstlichen Gericht der Rota einziehen wird. Sansoni Riario stirbt, immerhin 71 Jahre alt, 1521, wenige Monate vor Leo X., der es nur auf 46 Lebensjahre bringt.Doch mit dem Abtreten der beiden Protagonisten der zweiten unter dem «Fluch der bösen Tat» stehenden Generation ist nichts wirklich bereinigt. Denn der 1516 vertriebene Francesco Maria della Rovere kehrt zwar als Herzog nach Urbino zurück, doch territoriale Filetstücke seines ohnehin schon kleinen Herzogtums behalten die Medici ein. So fühlen sich die della Rovere weiterhin als Opfer und warten auf die Gelegenheit zur Revanche.Diplomatie der UnvernunftAkt fünf hebt damit an, dass Giulio, der Sohn des am 26. April 1478 ermordeten Giuliano, im November 1523 zum Papst gewählt wird und den Namen Clemens VII. annimmt. Nach geltendem Kirchenrecht hätte er nicht einmal einfacher Priester werden dürfen, weil seine Eltern nicht verheiratet waren. Doch wenn man einen Cousin namens Leo X. hat, lässt sich das mühelos bereinigen.Damit stellt sich die umgekehrte Konstellation zu 1478 ein: Die Medici regieren in Rom, ein geborener della Rovere fühlt sich in der Provinz als Opfer päpstlicher Machenschaften. Aber auch diese umgekehrte Situation liess sich schon bald ein weiteres Mal umkehren. Clemens VII. fühlt sich zum Global Player auf europäischer Bühne berufen und stösst bei seinem hektischen und kontraproduktiven Vorgehen Spanien, Frankreich und den römischen König und erwählten Kaiser Karl V., der als Karl I. zugleich spanischer König ist, gleich reihenweise vor den Kopf.Die Folge dieser Diplomatie der äussersten Unvernunft ist, dass sich ab dem Herbst 1526 ein kaiserliches Heer aus deutschen Landsknechten und spanischen Infanteristen nach Italien auf den Weg macht, um dort die Interessen ihres Auftraggebers wahrzunehmen. Auf ihrem Marsch nach Süden gehen den Söldnern erst der Sold und dann ihr Kommandant Georg von Frundsberg verloren, so dass sie der Not gehorchend beschliessen, auf eigene Faust – und das heisst: als Plünderer – weiterzuziehen.Ein erstes verlockendes Objekt ist Florenz, doch den Florentinern gelingt es nach Zahlung eines Lösegelds (das nie ankommt und bis heute nicht aufgefunden worden ist), diese weitgehend führungslose Armee des Schreckens nach Rom weiterzuleiten, mit dem schlagenden Argument, dass dort sehr viel mehr zu holen sei. Dort wiegt sich Clemens VII. in Sicherheit, weil er ein Militärbündnis mit Venedig geschlossen hat.Exquisite RacheDie Republik Venedig ernennt aus den Reihen ihrer Adeligen eigene Admirale, aber Kriege auf dem Land lässt sie von bezahlten «condottieri», Söldnerführern, ausfechten. Und als Chef der Armee, die das eigene Territorium und den Papst gegen die kaiserlichen Söldner schützen soll, ernennt sie niemand anderen als Francesco Maria della Rovere alias Montefeltro.Wollten die Venezianer dem Papst einen üblen Streich spielen? Die Frage ist bis heute nicht beantwortet. Wenn ja, so merkt dieser davon nichts. Denn er akzeptiert della Rovere-Montefeltro als Kommandanten und fühlt sich dadurch so geschützt, dass er weiterhin alle Lösegeldforderungen der immer abgerisseneren und ausgehungerteren Söldnertruppe ablehnt, die Anfang Mai das römische Umland erreicht. Ihr folgt in gebührendem Abstand das venezianische Heer, das auf ausdrückliche Anweisung seines Generals jede Berührung mit dem Feind sorgfältig vermeidet.Auch als dann in den frühen Morgenstunden des 6. Mai 1527 beim Vatikan der Sturm auf die römischen Stadtmauern und kurz darauf die Plünderung Roms beginnt, greift della Rovere-Montefeltro nicht ein, obwohl eine solche Intervention die völlig disziplinlos raffenden und mordenden Söldner empfindlich getroffen und wahrscheinlich das Schlimmste verhindert hätte. Der Katastrophe des Medici-Papstes und Roms tatenlos zusehen: Eine exquisitere Rache dürfte in der Geschichte kaum jemals genossen worden sein. Ein weiterer Vorteil bestand darin, dass diese Vendetta verhüllt war – bis zum Ende seines Lebens betonte der General, der den Kampf verweigert hatte, seine guten Absichten, an deren Verwirklichung ihn nur widrige Umstände gehindert hätten.Nach dem Drama ein tragisch-komisches Nachspiel! 1634 heiratete Vittoria della Rovere-Montefeltro, die letzte Erbin ihres im Mannesstamm aussterbenden Geschlechts, den toskanischen Grossherzog Ferdinand II. Die Ehe wurde unglücklich – wie konnte es auch anders sein, so die Zeitgenossen. Beide hassten sich abgrundtief und bewohnten getrennte Palastflügel; wenige Jahrzehnte später gab es auch die Hauptlinie der Medici nicht mehr.Und die Moral von der Geschichte? Historische Katastrophen treten dann ein, wenn Unvernunft regiert, scheinbar unverbrüchliche Regeln der Politik gebrochen werden oder, schlimmer noch: Wahnsinn an der Macht ist, einst wie heute. Und vielleicht hätte Friedrich Schiller, wenn er diese Geschichte gekannt hätte, ja auch noch eine Medici-Trilogie geschrieben.Ganz zum Schluss noch ein Auftrag für Kunstbegeisterte: Suchen Sie in den Wandfresken der Sixtinischen Kapelle nach abstürzenden oder absterbenden Eichen, dem Namens- und Wappensymbol der della Rovere. Die toskanisch-umbrische Malerequipe, die Lorenzo de’ Medici in Erfüllung des Friedensvertrags nach der Pazzi-Verschwörung nach Rom schickte, hat mancherlei versteckte Kritik an Sixtus IV. in ihre Bilder eingebaut.Volker Reinhardt ist emeritierter Professor für allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit an der Universität Freiburg i. Ü.Der politische MordVerschwörungen, Attentate und politische Morde prägen die Geschichte und verändern die Welt. Aber wie laufen sie ab? Was macht sie erfolgreich, was bringt sie zum Scheitern? Welche Nebenwirkungen haben sie? Und was passiert mit den Opfern und den Tätern? In einer Artikelserie widmet sich die NZZ in den kommenden Wochen einigen der gravierendsten politischen Morde der Weltgeschichte. Am 11. Juli lesen Sie über die Ermordung des deutschen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Seine Entführung am 5. September 1977 stand am Beginn des sogenannten Deutschen Herbsts, der die Bundesrepublik in die schwerste innenpolitische Krise stürzte.Passend zum Artikel