SerieDer Fürst lud zum Festmahl, und niemand liess sich lange bitten: Kurz nach Mitternacht kamen finstere Gäste dazu – das Neujahrsessen entpuppte sich als MordkomplottAm 31. Dezember 1502 trafen sich italienische Fürsten und Adlige in Senigallia an der Adria. Ein Versöhnungsdinner war geplant. Dann beseitigte Cesare Borgia seine unliebsamen Rivalen.Volker Reinhardt28.06.2026, 05.30 Uhr12 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZDie meisten Kriminalromane beziehen ihre Spannung aus den immergleichen Fragen: Wer war es? Was ist das Motiv, warum hat er oder sie das Verbrechen begangen? Wie weit ist er oder sie schuldig und in welchem Masse die Gesellschaft? Hat das Opfer mehr oder weniger verdient, was mit ihm geschah? Darf man, muss man Verständnis für den Täter, die Täterin haben?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In der wahren Geschichte, die hier erzählt werden soll, lautet das zu lösende Rätsel anders: Wie konnten es die Ermordeten ihrem Mörder so leicht machen, warum trabten sie wie Lämmlein zur Schlachtbank? Der durchschnittliche Krimi ist mit der Antwort auf die oben genannten Fragen abgetan, man wird ihn kaum ein zweites Mal lesen – nichts ist frustrierender als eine vollständige Auflösung, sie ist so enttäuschend wie das öde Tageslicht nach einer rauschenden nächtlichen Lampion-Party.Diese Frustration wird dem Leser hier erspart bleiben – das Geheimnis, wie es zum fünffachen Mord kommen konnte, der in drei Etappen, von der Neujahrsnacht 1503 bis zum 22. Februar jenes Jahres, begangen wurde, ist bis heute nicht endgültig gelüftet, die Leserschaft kann sich daher aktiv an der Suche nach stichhaltigen Erklärungen beteiligen.Die Mörder hingegen waren und sind von Anfang an bekannt: Cesare Borgia, siebenundzwanzig Jahre alt, seines Zeichens Herzog der Romagna, und sein Vater Rodrigo Borgia, besser bekannt als Papst Alexander VI., geboren 1431. Beide handeln gut dreihundert Kilometer voneinander entfernt, aber perfekt koordiniert, da sie durch rasend schnell reitende Boten über die Aktionen der anderen Seite auf dem Laufenden gehalten wurden: der erstere im Städtchen Senigallia an der Adria, der letztere, wie es sich für einen Pontifex maximus gehört, im Vatikan.Ein Fürst muss töten könnenBeide haben von Anfang an vier der fünf Taten gestanden: Ja, wir waren es, aber wir konnten nicht anders – es war Notwehr, die einem Anschlag gegen den Stellvertreter Christi auf Erden in letzter Minute zuvorkam. Für diese Standardausrede aller Mörder bis heute gibt es – um dieses eine Fazit vorwegzunehmen – keinerlei Belege.Was an beiden Orten geschah, ist von zwei illustren Zeugen in ganz unterschiedlichen Texten für die Nachwelt festgehalten worden. Der bekannteste Bericht stammt aus der Feder des florentinischen B-Klasse-Diplomaten Niccolò Machiavelli, der sich ab Oktober 1502 im Auftrag der Republik Florenz bei Cesare Borgia im romagnolischen Städtchen Imola aufhielt und damit einen der Täter einige Wochen lang aus nächster Nähe beobachten und befragen konnte.In der Tatnacht zwischen den Jahren 1502 und 1503 war er allerdings nicht am Tatort. Umso faszinierter und begeisterter war er von dem, was dort geschah – wie Cesare Borgia sich in Senigallia seiner Feinde entledigte, war für Machiavelli ein Paradestück und eine Parabel für alle Zeit: So und nicht anders musste ein erfolgreicher Fürst und jeder, der ein solcher werden wollte, vorgehen. In Kurzform nachzulesen war diese Lektion in Machiavellis «Buch vom Fürsten», und da ihm das Ganze so gut gefiel, hat er daraus noch eine ausführlichere Publikation gemacht, halb Tatsachenbericht, halb historischer Roman.Der zweite Berichterstatter ist weniger bekannt, in diesem Fall zu Unrecht, denn seine Aufzeichnungen sind die mit Abstand genauesten und verlässlichsten: Antonio Giustinian, Botschafter der Republik Venedig bei Alexander VI. in Rom und mit diesem fast täglich zu offiziellen Unterredungen zusammentreffend, ein Beobachter mit seltenem Scharfsinn und der bestechenden Fähigkeit zur psychologischen Durchleuchtung seines Gegenübers.Kleine KönigeZur Vorgeschichte: Alexander VI. widmete sein elfjähriges Pontifikat ganz, mit allen geistlichen, politischen, finanziellen und militärischen Ressourcen, der Erhöhung seiner mit seiner Lebensabschnittspartnerin Vanozza de Cattanei gezeugten und von ihm legitimierten Kinder, an vorderster Stelle seinem ältesten Sohn Cesare. Diesen machte er zuerst zum Kardinal und dann zum Herzog der Romagna.Nepotismus, also die Förderung von Blutsverwandten, war seit der Antike ein Kernelement der päpstlichen Amtsführung. Der Borgia-Papst konnte sich also auf Vorgänger und Präzedenzfälle berufen, die von einer stetig voranschreitenden Normenauflösung zeugten. So hatte sein Vorvorgänger Sixtus IV. (1471–1484) einem seiner Neffen ein eigenes Herrschaftsgebiet übertragen, was zu kriegerischen Verwicklungen führte, die ganz Italien in Unruhe stürzten.Die Vergabe der Romagna als erbliches Lehen an Cesare aber war ein weiterer krasser Tabubruch, da dadurch die faktische Machtausübung von Alexanders Nachfolgern um ein Viertel reduziert werden würde. Aber auch für den neuen Herzog ergaben sich aus dieser Übertragung gravierende Probleme.Der «Kirchenstaat» des frühen 16. Jahrhunderts war kein Staat im heutigen Verständnis, sondern ein locker verfugtes, auf vielfältiger Abstufung der Macht und der Teilhabe an ihr beruhendes Gebilde. Machthaber vor Ort waren die regionalen Eliten. Auf dem Land dominierten grosse Adelsclans wie die Colonna und Orsini, die um Rom, aber auch in entfernteren Provinzen Festungen besassen, Steuern einzogen und wie Kleinkönige auftraten.In den Städten hatten lokale Kleinadels- oder reich gewordene Kaufmannsfamilien das Sagen, die sich als Sachwalter der örtlichen Unabhängigkeit gerierten und so einen grossen Teil der Bevölkerung hinter sich hatten. Die meisten dieser faktischen Machthaber waren durch Verträge mit dem Papst als dessen Vikare eingesetzt und legitimiert, doch weiterreichende Verpflichtungen waren damit nicht verbunden.Cesare ruft – und alle kommenUm sein neues Herzogtum nicht nur dem Titel nach, sondern de facto zu beherrschen, brauchte Cesare Borgia also ein starkes Heer, mit dem er die kleinen «Tyrannen» (so die unfreundliche römische Bezeichnung für die romagnolischen Stadtherren) entmachten und besser noch: aus dem Weg räumen konnte. Dafür war er auf einen starken Verbündeten angewiesen, den ihm sein treusorgender Vater 1498 auch prompt verschaffte.Das tat er durch einen Deal auf Gegenseitigkeit mit dem französischen König Ludwig XII., der die frommen Gemüter in der Christenheit aufs Höchste erhitzte: Der Papst erklärte die kinderlose Ehe des Monarchen auf dessen dringendes Ersuchen für ungültig, was diesem die Heirat mit Anne, der Erbin des Herzogtums Bretagne, erlaubte; als Gegenleistung wurde Cesare mit einer Prinzessin aus der Familie der Kleinkönige von Navarra vermählt, erhielt den Titel eines Herzogs des Valentinois und die Zusage, dass ihm französische Truppen bei der Eroberung seines Herzogtums helfen würden.Damit ist der Einstieg von der Vorgeschichte in die Mordgeschichte geschafft. Im Sommer 1502 hatte der militärisch begabte Papstsohn die Eroberung der Romagna weitgehend, aber noch nicht vollständig abgeschlossen, als ihm aufgrund politischer Querelen zwischen seinem Vater und Ludwig XII. plötzlich die französischen Truppen entzogen wurden. Das war das Signal für seine Verbündeten, die sich bislang für ihr nützlichen Dienste ungenügend honoriert, im Klartext: bei der Verteilung der Beute schnöde übergangen fühlten, und für alle diejenigen, die befürchten mussten, als Nächste entmachtet, enteignet und als Wasserleichen aus dem Tiber gezogen zu werden.Dass diejenigen, die bereits von der Macht verdrängt worden waren, wie die Herzöge von Urbino und Camerino aus den alteingesessenen Familien der Montefeltro und Da Varano, sich dieser Koalition der Borgia-Geschädigten anschlossen, verstand sich von selbst. So wurde eine Tagung der Verlierer und derjenigen, die es nicht werden wollten, auf den 9. Oktober 1502 in das Landgut La Magione beim Trasimenischen See einberufen, und alle, alle kamen.Die guten alten VerhältnisseAls Organisatoren der Zusammenkunft betätigten sich Paolo und Francesco Orsini aus der zusammen mit den Colonna führenden Feudaladelsfamilie Roms; als wichtigste Gäste begrüssten sie Vitelozzo Vitelli, seines Zeichens Stadtherr von Città di Castello, Liverotto da Fermo, der dieselbe Position in der Stadt Fermo einnahm, sowie Mitglieder der Familien Baglioni und Bentivoglio, die Führungspositionen in Perugia und Bologna innehatten.Die beiden Orsini, Liverotto und Vitelozzo, hatten Cesare Borgia als hohe Offiziere bei dessen bisherigen Eroberungen gedient, kündigten diesem jetzt also die Gefolgschaft und Loyalität auf und mussten deshalb mit dem Schlimmsten rechnen – ihr Abfall war für Cesare Verrat, und wie er mit Verrätern verfuhr, erzählte man sich in ganz Italien schaudernd hinter vorgehaltener Hand.Die Mitglieder der Anti-Borgia-Koalition aber glaubten sich im Recht und verkündeten in Briefen an den Dogen und andere Machthaber Italiens ihre edle Absicht, der Willkürherrschaft des Papstsohns ein Ende zu bereiten und die guten alten Verhältnisse wiederherzustellen, was ihnen mit der Rückführung der Montefeltro und Da Varano in Urbino und Camerino wenige Tage nach dem Treffen von La Magione auch gelang.Cesare Borgia hatte durch die Rebellion seiner ungehorsam gewordenen Unterfeldherren also ein Problem, und wie er an dessen Lösung arbeitete, hat Machiavelli in seinen Gesandtschaftsberichten nach Florenz mit Faszination und Bewunderung verfolgt. Auch die Republik Florenz fühlte sich durch die Eroberungen Cesares potenziell bedroht, deshalb hatte sie ihren Gesandten zweiter Klasse überhaupt nur in die Romagna geschickt.Friedensgesänge in RomIn dessen erstklassigen Rapporten – Highlights der europäischen Diplomatiegeschichte bis heute – konnten sie nachlesen, wie der ebenso gewalttätige wie listenreiche Sohn des Papstes von Oktober bis Dezember 1502 vorging, und zwar wie gehabt im konstruktiven Zusammenspiel mit seinem Vater in Rom: Zuallererst mussten die Konfliktgründe mit Ludwig XII. aus dem Weg geräumt werden. Dafür war der Papst zuständig, der das mit weiteren salbungsvollen Zusagen an die Adresse des Monarchen auch erreichte.Anfang November 1502 war dieses Bündnis wiederhergestellt; damit hatten die Verschwörer von La Magione – so die offizielle Bezeichnung im Vatikan – im Grunde bereits verloren, sie wussten es nur noch nicht. Der nächste Schritt, so Machiavellis zutreffende Analyse, bestand darin, die Koalition der Unzufriedenen von innen heraus aufzulösen und damit an deren schwächstem Punkt zu beginnen. Das war Paolo Orsini, dem das ganze Unternehmen von Anfang an Angst gemacht hatte. Ihn lud Cesare deshalb zu einem Gespräch ein, in dem er mit schier überströmender Freundlichkeit beteuerte, alles Vergangene vergessen zu wollen, und zugleich Besserung gelobte: Künftig werde die Beute gerecht geteilt werden.Friedensgesänge wurden auch in Rom angestimmt. Alexander VI. betonte zwar in öffentlichen Verlautbarungen, dass Cesare als sein gehorsamer Diener stets in seinem Auftrag gehandelt habe, legitimierte dessen Handeln also mit der ganzen Autorität seines Amtes und nahm der Propaganda der Gegenseite damit den Wind aus den Segeln, doch sei er als gütiger Vater aller Christen jederzeit zu Vergessen, Verzeihen und Versöhnung bereit.Nach so vielen salbungsvollen Worten war Paolo Orsini, wie Machiavelli skeptisch notierte, nicht wiederzuerkennen, nämlich zum euphorischen Friedensengel mutiert, der seine Mitverschwörer von seiner seligen Botschaft zu überzeugen suchte: Alles wird wieder gut, wir sind wieder in Gnaden aufgenommen! Machiavelli bezeugte in seinen Depeschen nach Florenz dagegen seine Ungläubigkeit: Selbst wenn dieser Pakt geschlossen wird, ist er nicht das Papier wert, auf dem er steht! Cesare Borgia, der grossmütig Vergebende? Das konnten nur diejenigen glauben, die den stolzen und hochfahrenden Papstsohn nicht kannten. Machiavelli war sich sicher: Borgia werde die ihm zugefügte Kränkung niemals verzeihen, und seine Beleidiger würden ihre Angst niemals loswerden.Mit Lügen regierenGenau das aber wollten sie, und zwar, wie Machiavelli verwundert notierte, gegen alle Vernunft: Er könne es fast nicht glauben, dass die anderen und vor allem die Hauptbetroffenen dieser Täuschung nicht gewahr würden, so seine Eilnachricht nach Florenz. Noch ungläubiger sein Kopfschütteln, als Cesare seine Versöhnungsbotschaften mit einer feierlichen Einladung krönte: Man solle sich doch am letzten Tag des Jahres in Senigallia an der Adria zu einem grossen Versöhnungsmahl treffen und dabei Pläne für eine schöne, einvernehmliche Zukunft schmieden!In Rom notierte Giustinian dieselbe Entwicklung mit denselben Einschätzungen: Diesem Papst, der wie kein anderer seine wahren Absichten zu verbergen wisse, könne man nie und nimmer trauen. Hinzu kam, dass Alexander VI. in seinen Besprechungen mit dem venezianischen Botschafter kein Blatt vor den Mund nahm: In Zeiten des Kriegs müsse man mit Lügen regieren – diese Äusserung vor allem hielt der kluge Botschafter als Kernaussage des Papstes fest.Die Einladung zum Friedenstreffen fand ein gemischtes Echo. Die Baglioni in Perugia winkten ab und liessen sich in Cesares Umfeld gar nicht mehr blicken. Auch Kardinal Giovanni Battista Orsini, das Oberhaupt des Clans, setzte sich vorsichtshalber aus Rom ab, kehrte aber am 9. Dezember dahin zurück, nachdem ihm Alexander VI. persönlich seinen Schutz zugesagt hatte. Giustinian kommentierte dieses Versprechen mit dem lakonischen Satz, dass man diesem Papst je weniger Glauben schenken dürfe, desto freundlicher er sich gebärde.Cesare Borgia hatte seine Einladung nach Senigallia mit der Anweisung verbunden, diese Stadt einzunehmen und dann dort auf ihn zu warten. Folge leisteten diesem Befehl Paolo und Francesco Orsini, Liverotto da Fermo und Vitellozzo Vitelli, also die Hauptgefährdeten. Das militärische Unternehmen war schnell erledigt, ernsthaften Widerstand gegen die Einnahme der Stadt gab es nicht. Als Cesare dann wie angekündigt am Nachmittag des 31. Dezember eintraf, sah alles nach reiner Harmonie aus.Finstere GästeUm die Begrüssung besonders persönlich und herzlich zu gestalten – so sein Einladungsschreiben –, sollten die vier Generäle doch vor die Tore der Stadt kommen, wo man sich ohne gaffendes Publikum freundschaftlich in die Arme schliessen konnte. Auch dieser Aufforderung, die sie von ihren Gefolgsleuten abschnitt, leistete das Quartett devot Folge.Selbst als jeder der vier beim Ritt in die Stadt, der unter einvernehmlichem Geplauder vonstattenging, von einer schwerbewaffneten Eskorte begleitet wurde, schrillten offenbar keine Alarmglocken. Auch zu Beginn des Banketts sah alles noch nach Frieden und Eintracht aus. Doch kurz nach Mitternacht gingen die Türen des Festsaales auf, und es kamen neue, finstere Gäste: Henker mit Würgeschlingen in der Hand walteten bei Vitellozzo und Liverotto unverzüglich ihres grausigen Amtes.Zur selben Zeit sassen in Rom Alexander VI. und Kardinal Orsini in heiterer Damengesellschaft beim Kartenspiel, für diesen Papst keine ungewöhnliche Freizeitbeschäftigung. Merkwürdig nur, dass diese Festivitäten überhaupt kein Ende nehmen wollten – bis am 3. Januar 1503 auch in Rom die Häscher zugriffen und den Kardinal als Verschwörer gegen das Leben des Pontifex festnahmen.Wenige Minuten zuvor war der Eilkurier aus Senigallia eingetroffen und hatte dem Papst grünes Licht gegeben: Hier ist alles erledigt, jetzt sind Sie an der Reihe, so Cesares Nachricht. Der Rest der Mordtaten ist schnell erzählt: Ende Januar liess Cesare die beiden Orsini töten, der Kardinal Orsini segnete am 22. Februar in einem römischen Kerker das Zeitliche, aus Bitternis und Kümmernis, wie der Papst verlauten liess. Für die Römer war das ein Synonym für Gift, womit sie ins Schwarze getroffen haben dürften, obwohl dieser Mord nie offiziell eingestanden wurde.Wenige Tage nach dem mörderischen Neujahrsmahl habe ihn Cesare Borgia – so Machiavellis nachbereitender Bericht – mit seltener Offenheit in seine Taten, Motive und Pläne eingeweiht. Die Eliminierung der Verschwörer sei nur der Anfang einer Neuordnung ganz Italiens gewesen, die er – hoffentlich mithilfe von Florenz – demnächst in Angriff nehmen werde, und zwar unter seiner militärischen Regie und politischen Vorherrschaft.Zug der TodgeweihtenDoch auch die frommen Naturen kamen am Ende auf ihre Kosten. Schon wenige Monate nach «Senigallia», im August 1503, starb Alexander VI. an der Malaria. Cesare, der zu diesem Zeitpunkt selbst schwer erkrankt war, wurde vom übernächsten Papst Julius II. souverän ausmanövriert und von Machiavelli nachträglich, wie als Wiedergutmachung für seine frühere Bewunderung, ausgiebig kritisiert, ja verhöhnt.Aus Italien vertrieben, musste er sich zu seiner Frau ins Pyrenäenvorland zurückziehen und starb dort 1507, in Italien schon fast vergessen, bei einem unbedeutenden militärischen Scharmützel. Die Besitzungen der Borgia in Italien zerronnen so schnell, wie sie gewonnen worden waren, so dass die alten Herrscher, sofern sie den Terror der Borgia überlebt hatten, oder deren Verwandte, schnell wieder in ihre Machtpositionen einrücken konnten – im durch und durch konservativen Klima der Zeit hatten krasse Parvenüs und Desperados wie Cesare keine Chance.Bleibt die Frage aller Fragen: Warum kam es zum Zug der Todgeweihten an die Adria? Im Falle der Orsini fällt eine Antwort besonders schwer. Im Juni 1497 war Giovanni Borgia, der Lieblingssohn Alexanders VI., tot, durch zahlreiche Messerstiche ermordet, aus dem Tiber gezogen worden. Der Täter war nie gefunden worden, doch hatte sich der Verdacht, dass der Auftrag zum Mord von den damals mit den Borgia verfeindeten Orsini gegeben worden war, nie ausräumen lassen. Umso misstrauischer hätten Paolo und Francesco, die Chefs der beiden Hauptzweige des Clans in Rom und Gravina, allen Sirenengesängen des Papstes und Cesares gegenüber auftreten müssen.Die plausibelste Erklärung dafür, dass sie und die beiden anderen ehemaligen Unter-Feldherren in die Falle von Senigallia gingen, kann daher nur lauten, dass sie den feierlichen Zusagen eines Papstes, des Nachfolgers des Apostelfürsten, wider besseres Wissen Glauben schenkten und vertrauten – Emotionen und Wunschdenken sind in Krisen- und Stresszeiten oft stärker als alle rationalen Erwägungen, und Mentalitäten sind konservativer, nicht selten archaischer als alles Nachdenken und Reflektieren. Rundherum überzeugend ist diese Erklärung zugegebenermassen nicht, aber eine bessere ist nicht in Sicht und neue Forschung ebenso wie kreatives Rätselraten daher angesagt.Volker Reinhardt ist emeritierter Professor für allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit an der Universität Freiburg i. Ü.Der politische MordVerschwörungen, Attentate und politische Morde prägen die Geschichte und verändern die Welt. Aber wie laufen sie ab? Was macht sie erfolgreich, was bringt sie zum Scheitern? Welche Nebenwirkungen haben sie? Und was passiert mit den Opfern und den Tätern? In einer Artikelserie widmet sich die NZZ in den kommenden Wochen einigen der gravierendsten politischen Morde der Weltgeschichte. Am 4. Juli lesen Sie über die Ermordung des deutschen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, dessen Entführung am 5. September 1977 am Beginn des «Deutschen Herbsts» stand, der die Bundesrepublik in die schwerste innenpolitische Krise stürzte.Passend zum Artikel