PfadnavigationHomeGeschichteCesare BorgiaEinem Kritiker ließ er Hand und Zunge abschneidenVeröffentlicht am 11.09.2025Lesedauer: 5 MinutenInbegriff des skrupellosen Renaissance-Politikers: Cesare Borgia (1475–1507); das „Bildnis eines Edelmanns“ wird häufig mit ihm identifiziertQuelle: picture alliance/akg-imagesUnter dem Pontifikat Alexanders VI. soll der Vatikan zur Kloake herabgesunken sein. Partner in den blutigen Machtspielen des Borgia-Papstes wurde sein Sohn Cesare. Der soll sogar seinen Bruder ermordet und mit seiner Schwester geschlafen haben.Der Bericht des venezianischen Gesandten Paolo Cappelo am Heiligen Stuhl ließ es nicht an Deutlichkeit fehlen: „Seinen Bruder, den Herzog von Gandía, hat er ermordet und ließ ihn mit durchschnittener Kehle in den Tiber werfen; und täglich gibt es des Nachts Tote in Rom, andere Menschen verschwinden, vier und auch fünf jede Nacht, vor allem Bischöfe und Geistliche; alle Römer zittern, dass er sie nicht umbringt.“ Mit „er“ war kein Geringerer als Cesare Borgia gemeint, Sohn von Papst Alexander VI. Den Zeremonienmeister seines Vaters, so Cappelo weiter, hätte Cesare vor dem päpstlichen Thron ermordet, dass dem Vater „das Blut ins Gesicht spritzte“.Angesichts derartiger Berichte ist es kein Wunder, dass Cesare Borgia als Ikone der Bösartigkeit, Hemmungslosigkeit und brutalen Machtstrebens in die Geschichte eingegangen ist, als Bruder einer nymphomanen Schwester, Mörder seines Bruders und Partner eines skrupellosen und kaum weniger machtgierigen Vaters. Es brauchte lange, bis die historische Quellenkritik zeigen konnte, dass die Berichte Cappelos und vieler anderer mehr mit politischer Intrige und Kolportage zu tun haben als mit der Wirklichkeit im Vatikan der Renaissance.Das hing mit den Machtspielen zusammen, in denen es Rodrigo Borgia (Span. Borja) zur wahren Meisterschaft gebracht hatte. Nachdem es dem Kardinal (und Vater vieler Kinder) 1492 endlich gelungen war, dank großzügiger Bestechungen seiner Kollegen als Alexander VI. den Stuhl Petri zu besteigen, entwickelte er umgehend Pläne, die gewonnene Machtstellung seiner spanischen Familie auf Dauer zu sichern. Dafür sollte in Italien ein weltliches Fürstentum erobert werden.Der ideale Partner in diesem Spiel war sein Sohn Cesare. Am 13. September 1475 geboren, verhalf ihm der Vater zu einer steilen Karriere: Am Tag seines Amtsantritts wurde der 16-Jährige zum Erzbischof erhoben, zwei Jahre später war er Kardinal, mit 23 zog er als Feldherr mordend und brennend durch Italien. Der Florentiner Staatsmann und Denker Niccolò Machiavelli erkannte in ihm den zupackenden Tatmenschen, der in der Lage sein würde, Italien zu einen und aus den Fängen der fremden Mächte zu befreien.Nepotismus, zu Deutsch Vetternwirtschaft, war im Vatikan durchaus üblich. Aber das Ausmaß, mit dem die Borgias ihre Macht mehrten, erschreckte schon die Zeitgenossen. Während Alexander VI. für prächtige Bauvorhaben, Intrigen und Feldzüge das Vermögen des Heiligen Stuhls verschleuderte und zur Geldbeschaffung Kardinalshüte verschacherte, konnte Cesare in Rom schalten und walten. Einem Verfasser von Schmähschriften sollen Hand und Zunge abgeschnitten worden sein. Lesen Sie auchAls sein jüngerer Bruder Juan, Herzog von Gandía, im Juni 1497 in Rom ermordet wurde, stand für viele Beobachter außer Frage, dass Cesare den Lieblingssohn seines Vaters – er hatte ihm Tage zuvor ein Herzogtum übertragen – die Kehle durchgeschnitten und mit acht Dolchstößen durchlöchert haben musste. „Cesare war notorisch rachsüchtig“, schreibt der Historiker Volker Reinhardt: „Gegen den Brudermord spricht allerdings, dass Alexander VI. eine solche Bluttat nie und nimmer verziehen hätte.“Lesen Sie auchDer Propaganda der Borgia-Gegner tat das keinen Abbruch. Caesares Lebenswandel machte es ihnen auch leicht. So beschrieb der päpstliche Zeremonienmeister Johannes Burckard eine Party, die im Jahr 1501 über die Bühne gegangen sei: „Am Abend des letzten Oktobers veranstaltete Cesare Borgia in seinem Gemach im Vatikan ein Gelage mit 50 ehrbaren Dirnen, Kurtisanen genannt, die nach dem Mahl mit den Dienern und den anderen Anwesenden tanzten, zuerst in ihren Kleidern, dann nackt. Nach dem Mahl wurden ... Kastanien gestreut, die die nackten Dirnen auf Händen und Füßen ... aufsammelten, wobei der Papst, Cesare und seine Schwester Lucretia zuschauten. Schließlich wurden Preise ausgesetzt ... für die, welche mit den Dirnen am häufigsten den Akt vollziehen könnten.“Von derartigen Nachrichten war es nicht schwer, Cesare ein inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester Lucretia zuzuschreiben, die diese zur „unseligsten Frauengestalt der modernen Geschichte“ (Ferdinand Gregorovius) machte, „welche in der einen Hand die Giftphiole, in der anderen den Dolch trägt“.Lesen Sie auchAuch diese Geschichte hält nicht vor moderner Quellenkritik stand. Dagegen lässt sich die Blutspur, die Alexander VI. und sein Sohn auf ihren Eroberungszügen hinterließen, nicht aus der Welt schaffen. Als Condottiere und Herzog der Romagna durchzog Cesare weite Teile Italiens. Doch gerade, als der Traum vom eigenen Königreich in Mittelitalien zum Greifen nahe schien, brach er wie ein Kartenhaus zusammen. Im August 1503 erkrankten Alexander VI. und Cesare so plötzlich wie gleichzeitig. Der Sohn kam knapp mit dem Leben davon, der Vater nicht. „Römisches Fieber“, so lautet die wahrscheinliche Todesursache. Allerdings streuten die Gegner auch das Gerücht, die beiden seien Opfer ihres eigenen Giftanschlags auf einen Kardinal der Gegenpartei geworden.Kaum war die schützende Hand verdorrt und mit dem Rovere-Papst Julius II. ein mächtiger Rivale gewählt, fielen die unterworfenen Territorien Mittelitaliens von Cesare ab. Er verließ Rom, geriet durch Verrat für drei Jahre in spanische Gefangenschaft und floh schließlich zu seinem Schwager, dem König von Navarra. Am 12. März 1507 endete das wilde Leben des Cesare Borgia; durch Gewalt natürlich. Bei der Belagerung der nordspanischen Stadt Viana rannte er in einen tödlichen Hinterhalt. Sehenden Auges und mit Todesverachtung, wie die Quellen wissen wollen.Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Frühe Neuzeit zu seinem Arbeitsgebiet.mit KNA