PfadnavigationHomeGeschichteAttentat auf die MediciNackt wurde der Erzbischof aus dem Fenster des Palasts geworfenVeröffentlicht am 13.11.2025Lesedauer: 6 MinutenHöhepunkt der Pazzi-Verschwörung: die Ermordung von Giuliano de’ Medici im Dom von Florenz – Bild von Stefano UssiQuelle: Wikipedia/Public DomainUm die Macht der Medici in Florenz zu brechen, brachte Papst Sixtus IV. 1478 eine Verschwörung zusammen. Im Gottesdienst stürzten sich zwei Priester auf Lorenzo und Giuliano de‘ Medici. Aber der Putschversuch nahm einen unerwarteten Verlauf.Papst Sixtus IV. (1414–1484) hatte große Pläne. Aus armer Familie stammend, setzte er alles daran, dieser ein Herzogtum mit entsprechenden Einkünften zu verschaffen. Außerdem plante er kostspielige Projekte wie den Umbau der Vatikanischen Bibliothek und die Errichtung einer spektakulären Kapelle, der nach ihm benannten Sixtina. Da reichte es nicht, dass er in Rom den Betrieb von steuerzahlenden Bordellen zuließ und ein gutes Dutzend Familienmitglieder mit Kardinalshüten und anderen hohen Ämtern und Pfründen versorgte. Als sich jedoch seine Bank weigerte, die nötigen Kredite bereitzustellen, verfiel der Heilige Vater auf den verwegenen Plan, das Bankhaus zu wechseln und den bisherigen Geldgeber zu liquidieren. Daraus erwuchs im April 1478 die sogenannte Pazzi-Verschwörung. Die avisierten Opfer waren Lorenzo (1449–1492) und Giuliano (1453–1478) Medici, die nach dem Tod ihres Vaters Piero 1469 mit dem Banca Medici das größte Geldhaus von Florenz übernommen hatten. Und nicht nur das: Ihre enormen finanziellen Mittel ermöglichten es den Brüdern, auch politisch die Rollen ihres Vaters und ihres Großvaters Cosimo zu übernehmen, die als Paten im Stillen die Politik ihrer Heimatstadt gelenkt hatten. Als ehrbare Bürger hielten sie sich im Hintergrund, während vor allem Lorenzo mit Geld und Patronage den Zugang zu den maßgeblichen Positionen und Ämtern der Republik steuerten. An den Medici kam niemand vorbei, der es in Florenz zu etwas bringen wollte.Das wollte die Familie der Pazzi ändern, eine alte toskanische Familie, die mit erfolgreichen Geschäften ein Finanzimperium verschafft hatte, das sich durchaus mit dem der Medici messen konnte. Unter dem Titel „Die Pazzi-Verschwörung. Macht, Gewalt und Kunst im Florenz der Renaissance“ zeichnet das Münzkabinett der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Bode-Museum auf der Berliner Museumsinsel dieses Unternehmen nach, das tatsächlich die Machtverhältnisse in Florenz deutlich verändern sollte, allerdings etwas anders, als die Urheber sich das vorgestellt hatten.Ein Kredit-Wunsch des Papstes gab den Anstoß. Um die Grafschaft Imola zu kaufen, hatte Sixtus IV. seine Hausbank, die Medici, 1471 um 30.000 Dukaten gebeten. Da das aber Florentiner- bzw. Medici-Interessen tangierte, hatte Lorenzo das Anliegen verweigert und seine Bankiers-Kollegen gebeten, dies ebenfalls zu tun. Die Pazzi aber hielten sich nicht daran, sprangen ein und gewannen damit einen neuen Kunden, denn Sixtus machte sie zu seinem Generaldispositar. Die Medici revanchierten sich, indem sie den Konkurrenten den Einzug einer reichen Erbschaft verhinderten. Auch blockierten sie die Versuche der Familie Salviati Riario, für ihren Spross Francesco neben dem Posten des Erzbischofs von Pisa auch den von Florenz zu gewinnen. Francescos Karriere wurde maßgeblich von Sixtus gefördert, der mit seinem Nepotismus zugleich die Bestrebungen der Medici nach einem eigenen Familienkardinal konterkarierte. Das machte Papst, Pazzi und Salviati zu Verbündeten. In dem erfolgreichen Attentat auf den Herzog von Mailand im Dezember 1476 fanden sie ein zielführendes Vorbild für die Lösung ihrer Probleme.Lesen Sie auchDie Planung des Mordanschlags übernahm der Erzbischof von Pisa, wusste sich dabei aber von seinem Chef in Rom gedeckt. Sixtus soll sich zwar von einem Blutvergießen distanziert, schließlich aber den Verschwörern freie Hand gelassen haben. Allerdings verweigerte der Papst dem gedungenen Attentäter Giovanni Battista da Montesecco den vorab geforderten Dispens. Obwohl ein erfahrener Söldnerführer, kamen dem auf einmal Skrupel, die Bluttat während der heiligen Messe zu begehen. Daher übernahmen zwei Priester den Mordauftrag.Lesen Sie auchAls Tag X wurde nach mehreren Verschiebungen der 26. April 1478 gewählt. An diesem Ostersonntag würde die Anwesenheit des neuen Legaten für Umbrien – natürlich ein Papstnepot – dem Gottesdienst im Florentiner Dom besonderen Glanz verleihen. Allerdings fühlte sich Lorenzos jüngerer Bruder Giuliano nicht gut und wollte dem Hochamt fernbleiben. Nur mit Mühe konnten zwei Verschwörer ihn bewegen, doch noch in die Kirche zu gehen. Während sie ihn begleiteten, überzeugten sie sich, dass er unter seinem Gewand nicht wie üblich ein Panzerhemd trug, das er wegen seines Unwohlseins abgelegt hatte. Auch seinen Dolch hatte der Medici zu Hause gelassen.Ausgerechnet der Glockenschlag, der die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi anzeigt, war als Zeichen zum Losschlagen ausgemacht. Giuliano wurde mit 18 Messerstichen regelrecht hingeschlachtet. Aber die ungeübten Priester trafen Lorenzo nur im Nacken. Er konnte sich mit einem Mantel verteidigen und mit einigen Getreuen in die Sakristei fliehen, deren Bronzetür dem Ansturm der Attentäter standhielt. „Selbst in dieser extremen Lage ließ Lorenzo seine Eloquenz offenbar nicht“, schreibt der Renaissance-Spezialist Volker Reinhardt: „In bewegten Worten an die verstörte Menge im Dom übertrug er sein Schicksal und die Freiheit von Florenz dem Volk.“Die Parole verfehlte ihre Wirkung nicht, woran auch verklärende Erinnerungen an die Großzügigkeit der Medici mitgewirkt haben dürften. Wie die Mörder des römischen Diktators Caesar an den Iden des März 44 v. Chr. hatten die Attentäter geplant, die Bevölkerung von Florenz für den Kampf um die Freiheit (vom Medici-Joch) zu mobilisieren, was einige hundert Soldaten unterstützen sollten. Doch das Gegenteil geschah. Das Volk solidarisierte sich mit den Medici, griff zu den Waffen und machte Jagd auf die Mörder und ihre Auftraggeber. Deren Versuch, die Signoria und den Sitz des Gonfaloniere (Sitze von Regierung und ihrem Vorsitzenden) zu besetzen, schlug fehl. „Von einem wehrhaften Haufen begleitet, war Lorenzo de‘Medici nach Hause zurückgekehrt“, beschreibt der Staatsmann Niccolò Machiavelli in seiner „Geschichte der Stadt Florenz“ die Furie der Lynchjustiz: „Die Eindringlinge wurden erschlagen oder zu Gefangenen gemacht. In der ganzen Stadt rief man den Namen der Medici: Die Gliedmaßen der Ermordeten sah man auf den Spitzen der Waffen steckend umhertragen oder durch die Straßen schleppen; überall vernahm man Ausbrüche des Hasses, überall sah man grausame Handlungen gegen die Pazzi.“Jacopo de’ Pazzi wurde „an der Tür des Pazzi-Palastes so befestigt, dass man seinen Kopf als Türknauf benutzen konnte“, schreibt der britische Historiker Simon Sebag Montefiore. Der Erzbischof von Pisa wurde nackt aus dem Fenster geworfen, wo er neben seinen Mitverschwörern zappelte. Rund 70 Verschwörer, Mitläufer und Gegner fielen Lorenzos Rache zum Opfer; es steht für seine Wut und Macht, dass der Sultan in Konstantinopel einen Flüchtling auslieferte, dessen Hinrichtung dem jungen Leonardo da Vinci eine Zeichnung wert war. Auch den Krieg, für den Sixtus den König von Neapel gewann, konnte der Medici bald beenden.Der Anschlag, der doch die Macht der Medici brechen sollte, endete mit deren Zementierung. Wie das geschah, zeigt die Ausstellung im Bode-Museum mit Medaillen und Porträts (darunter von Sandro Botticelli), mit denen die Sieger als Kunstmäzene ihre Sicht der Dinge durchsetzten, während sie ihre Gegner der „damnatio memoriae“ (Verdammung des Andenkens) überantworteten. Sein Mäzenatentum machte Lorenzo zum „il Magnifico“ (der Prächtige) des Goldenen Zeitalters von Florenz. Dass die Medici-Bank nur zwei Jahre nach seinem Tod zusammenbrach, ist eine andere Geschichte.„Die Pazzi-Verschwörung. Macht, Gewalt und Kunst im Florenz der Renaissance“, Münzkabinett im Bode-Museum, Berlin; bis 20. September 2026Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Gegenwart. Als WELT-Redakteur gehörte die Frühe Neuzeit zu seinem Arbeitsgebiet.