«Da kommt man nach Sarajevo, um einen Besuch zu machen, und man wirft auf einen mit Bomben» – Wie der Anschlag auf Erzherzog Franz Ferdinand die Welt in die Katastrophe stürzteAm 28. Juni 1914 verüben junge Attentäter den folgenreichsten Mord des 20. Jahrhunderts. Es ist ein Paradebeispiel für die Wirkmacht des Zufalls in der Geschichte.16.05.2026, 05.30 Uhr13 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZAm Vortag war es noch kühl und regnerisch, nun ist der Himmel schon frühmorgens wolkenfrei. Franz Ferdinand, 50-jährig, Erzherzog von Österreich-Este und Thronfolger im Habsburgerreich, wacht wohlgelaunt im Hotel Bosna in Ilidza auf, einem Kurort vor den Toren Sarajevos. Es ist Sonntag, der 28. Juni 1914, der letzte Tag seines Besuchs auf dem Balkan. Dort hat er in seiner Funktion als «Generalinspektor der gesamten bewaffneten Macht» Truppenmanöver inspiziert. Zu seiner vollen Zufriedenheit. Und auch seine Gattin Sophie, die ihn begleitet, ist begeistert: «Wo immer wir waren, hat uns jeder bis zum letzten Serben mit Höflichkeit und echter Wärme begrüsst.» Zusammen besuchen sie die Messe in der hoteleigenen Kapelle. Dann setzt der Erzherzog ein Telegramm auf, an die Tochter und die beiden Söhne: Es gehe «Papi und Mami» gut, sie freuten sich auf das baldige Wiedersehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kurz darauf besteigen die beiden samt Entourage den Zug nach Sarajevo, wo sich Franz Ferdinand in einem Autokonvoi seinen Untertanen präsentieren will – in der Paradeuniform eines Kavalleriegenerals, auf dem Kopf ein mit grünen Straussenfedern geschmückter Helm. Seine Frau trägt ein weisses Seidenkleid, in der Hand einen Sonnenschirm. Der hohe Besuch ist vor Wochen angekündigt worden, der Ablauf minutengenau in den Zeitungen referiert worden. Die Provinzhauptstadt Bosniens, pittoresk in einem Talkessel gelegen, hat sich herausgeputzt. Als der Zug gegen 10 Uhr am Bahnhof eintrifft, säumen schon unzählige Schaulustige die Strassen der Innenstadt. Unter ihnen auch sieben junge Männer, die die Ankunft des Thronfolgers kaum erwarten können. Und die bereits auf ihren Nachruhm als Märtyrer hoffen.Mit offenem Verdeck ins Verderben: Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie beim Verlassen des Rathauses in Sarajevo.ImagoSo nimmt an diesem friedlichen Sommermorgen das Unheil seinen Lauf. Franz Ferdinands Besuch in Sarajevo ist ein Lehrbeispiel für die Zufallslaune der Geschichte. Für die Bedeutung einzelner Ereignisse und Akteure. Für die fatalen Folgen, die Schlamperei, Torheit und Selbstüberschätzung für die Weltgeschichte haben können.Nur einen Monat später befindet sich Europa in einem Krieg, der zum globalen Krieg ausarten wird. Mit Recht gilt er als die «Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts», wie es der amerikanische Diplomat George F. Kennan formuliert hat. Er verschlingt vier Grossreiche, fordert auf den Schlachtfeldern mindestens 10 Millionen Tote und 20 Millionen Verwundete. Der «grosse Krieg» ist ein epochales Desaster, ohne das sich weder die Oktoberrevolution der Bolschewiki noch der Faschismus Mussolinis denken lässt. Auch nicht die «Machtergreifung» Hitlers und damit auch nicht der Zweite Weltkrieg und der Holocaust.Stefan Zweig erinnert sich in «Die Welt von Gestern» an jenen Tag, der dem Jahrhundert seine schreckliche Wendung gegeben hat: «Da, am 28. Juni, fiel jener Schuss in Sarajevo, der die Welt der Sicherheit und der schöpferischen Vernunft, in der wir erzogen, erwachsen und beheimatet waren, in einer einzigen Sekunde wie ein hohles tönernes Gefäss in tausend Stücke schlug.»Der Traum von GrossserbienEs ist ein Rätsel, wer auf die Idee kommen konnte, ausgerechnet am 28. Juni den Erzherzog mit seiner Frau durch Sarajevo paradieren zu lassen. Es ist nicht nur der Hochzeitstag des Paares. Sondern auch «Vidovdan», der Tag des heiligen Veit, der Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld in Kosovo von 1389, in der osmanische Truppen das serbische Heer vernichtend geschlagen haben. Ein nationaler Trauertag in Serbien, der Emotionen schürt – auch gegen Österreich-Ungarn, das Bosnien und Herzegowina ab 1878 für das Osmanische Reich verwaltet und 1908 annektiert hat. Immer wieder ist es in dieser unruhigen Provinz zu Anschlägen gegen hohe Vertreter der Habsburger gekommen. Das Ziel der Unruhestifter: die Vertreibung der Besetzer, die Verwirklichung von Grossserbien.Als jugoslawischer Nationalist versteht sich auch der 19-jährige Gavrilo Princip, ein bosnischer Serbe. Als Sohn bitterarmer Bauern wächst er auf einer kargen Hochebene in Westbosnien auf, besucht dann aber in Sarajevo die Handelsschule, kommt in Kontakt mit der proserbischen Bewegung «Junges Bosnien». Die Schriften russischer Anarchisten und italienischer Partisanen fesseln ihn. Weil er an einer Demonstration gegen die Regierung teilnimmt, fliegt er von der Schule, zieht weiter nach Belgrad an ein Gymnasium. Dort schwärmt er bald für die serbischen Freischärler in den Balkankriegen von 1912/1913, meldet sich als Freiwilliger für die Eroberung von «Altserbien». Doch die Offiziere weisen ihn ab: körperlich untauglich! Nach dieser Schmach will Princip erst recht «etwas wirklich Grosses vollbringen», wie der Journalist Gregor Mayer im Buch «Verschwörung in Sarajevo» schreibt.«Von kleinem Wuchs, harmlos aussehend»: der Attentäter Princip.Universal History Archive / GettyAls der Gymnasiast im Frühling 1914 in der Zeitung vom angekündigten Besuch Franz Ferdinands liest, sieht er seine Chance gekommen. Zusammen mit zwei weiteren fanatischen Mitgliedern der Bewegung «Junges Bosnien» plant er ein Attentat, absolviert in Belgrad Schiessübungen. Die Zelle um Princip agiert mithilfe eines serbischen Geheimdienstoffiziers, der zugleich bei der nationalistischen Terrorgruppe «Schwarze Hand» aktiv ist. Dieser stattet die drei jungen Verschwörer mit 9-Millimeter-Pistolen FN Browning Modell 1910 aus, mit Bomben, nicht grösser als ein Stück Seife, die – hat man den Zünder aufgebrochen – nach zwölf Sekunden detonieren. Zudem erhalten sie Zyankalikapseln, um nach dem Attentat Suizid zu begehen. Über Schmuggelwege werden sie zurück nach Bosnien geschleust, unbemerkt von den österreichischen Grenzpolizisten. In Sarajevo stösst eine zweite Zelle aus vier Personen zu ihnen.Die Rolle Belgrads ist undurchsichtig. Klar scheint, dass die serbische Regierung das Attentat nicht befohlen hat. Aber es sei «so gut wie sicher», dass sie zu einem gewissen Grad über den Plan informiert gewesen sei, schreibt der Historiker Christopher Clark. So hat der Regierungschef die serbische Gesandtschaft in Wien informiert, dass es Grund zu der Annahme gebe, dass «ein Komplott gegen das Leben des Erzherzogs (. . .) ausgeheckt worden sei» und Österreich-Ungarn gut beraten sei, die Reise zu verschieben. Der serbische Gesandte gibt dem Finanzminister der Donaumonarchie zudem zu verstehen, dass ein Besuch am Jahrestag der Amselfeld-Niederlage sicher als Provokation betrachtet werde. Dieser erwidert indes nur: «Hoffen wir, dass nichts passiert.»Das ist auch die Reaktion des Thronfolgers Franz Ferdinand auf die Warnungen: «In Lebensgefahr sind wir immer. Man muss nur auf Gott vertrauen.»Duell der DilettantenWahrscheinlich lässt sich nur mit dem Glauben an höhere Mächte erklären, dass die Sicherheitsvorkehrungen an diesem 28. Juni 1914 so dilettantisch sind. Am Bahnhof Sarajevo stehen sieben Fahrzeuge bereit, mit denen die habsburgischen Gäste auf der Allee, die entlang des Miljacka-Flusses durch das Stadtzentrum führt, zum Rathaus gebracht werden. Der Erzherzog nimmt mit seiner Frau in einem sechssitzigen Sportcoupé der Wiener Marke Gräf und Stift Platz. Das Verdeck ist zurückgeschlagen, damit Franz Ferdinand von seinen Untertanen auch bestaunt und bejubelt werden kann. Auf seinen Wunsch sperren keine Soldaten die Strasse ab, alles soll locker und volksnah wirken. Die wenigen an der Wegstrecke postierten Sicherheitskräfte sind zudem instruiert worden, der vorbeifahrenden Prominenz korrekt zu salutieren – also im Moment der grössten Verwundbarkeit des Thronfolgers. Und zu alledem fehlt nun auch dessen Leibwache, weil sie aus Versehen am Bahnhof zurückgelassen worden ist.So herrschen ideale Bedingungen für die sieben Verschwörer, die sich auf der Route des Autokorsos verteilt haben, im Abstand von jeweils einigen hundert Metern. Doch die jungen Männer, die sich die Bomben um die Hüfte gebunden und die Pistolen in die Tasche gesteckt haben, sind keine Profikiller. Der Konvoi rollt an den Häusern und Geschäften vorbei, die mit den habsburgischen schwarz-gelben und den bosnischen rot-gelben Fahnen geschmückt sind. Vorbei am aufmarschierten Volk. Vorbei auch an den ersten beiden Attentätern: Der eine kann seinen Sprengsatz nicht rechtzeitig präparieren, den anderen verlässt der Mut. Der dritte Verschwörer, ein 19-jähriger Buchdruckergeselle, schreitet schliesslich zur Tat, bricht die Sprengkapsel und schleudert die Bombe in Richtung von Franz Ferdinand. Dessen Chauffeur reagiert blitzschnell, beschleunigt den Wagen, so dass die Bombe am Heck abprallt und auf der Strasse explodiert, direkt unter dem nachfolgenden Auto. Staub, Rauch, Geschrei. Mehrere Offiziere werden verletzt.Chaotische Szenen nach dem Bombenwurf: Schaulustige in der Innenstadt Sarajevos.ImagoDer Attentäter steckt sich die Zyankalikapsel in den Mund und wirft sich über die Brüstung in den Fluss, sieben Meter in die Tiefe. Doch wegen des tiefen Wasserstands landet er auf dem sandigen Ufer. Auch das Gift bringt ihn nicht um, es verbrennt nur seine Kehle. Er wird sofort verhaftet, aber erst Stunden später verhört. «Der Kerl ist verrückt», soll Franz Ferdinand gesagt haben. «Meine Herren, wir wollen unser Programm fortsetzen.»So geht es nun mit erhöhter Geschwindigkeit zum Rathaus. So schnell zumindest, dass die vier verbliebenen Attentäter keinen sicheren Schuss abgeben können. Als der Bürgermeister seinen Redetext vorträgt, als sei nichts gewesen, tobt der Erzherzog: «Da kommt man nach Sarajevo, um einen Besuch zu machen, und man wirft auf einen mit Bomben. Das ist empörend!»Doch was nun? Oskar Potiorek, der österreichische Landesbefehlshaber in Bosnien-Herzegowina, schlägt vor, den Rest des Programms abzusagen und direkt nach Ilidza zurückzufahren. Der Erzherzog will vor der Abreise aber unbedingt noch die Verletzten des Anschlags im Militärspital besuchen. Sophie sagt: «Franz, ich fahre mit dir.» Der Vorschlag des Generalstabsmajors, sicherheitshalber alle Strassen räumen zu lassen, wird verworfen. Aber zumindest soll die Route geändert werden, um nicht noch einmal Zielscheibe zu werden. Nur informiert niemand die Chauffeure. So biegen die ersten Fahrzeuge des Konvois doch in die Franz-Joseph-Strasse ein, wie es ursprünglich geplant war. Potiorek ruft wild gestikulierend: «Halt, was ist denn das? Wir fahren ja falsch!» Die Wagen müssen gestoppt und mühselig gewendet werden.Und das direkt vor dem Delikatessgeschäft Schiller, bei dem sich Gavrilo Princip postiert hat.«Sopherl, Sopherl, sterbe nicht!»Der Gymnasiast zückt seine Pistole, geht ein paar Schritte auf den Wagen des Erzherzogs zu. Und drückt ab. «Ich war in diesem Augenblicke sehr aufgeregt», erinnert sich Princip später, der keine Gelegenheit zum Angriff gehabt hätte, wäre der Konvoi auf der neuen Route durch die Stadt gefahren.So finden seine Kugeln um 10 Uhr 50 ihr Ziel. Die erste Kugel durchschlägt die Tür des Autos, dringt in den Unterleib der Herzogin ein, durchtrennt ihre Bauchschlagader. Die zweite Kugel trifft den Erzherzog einen Zentimeter oberhalb des Schlüsselbeins, das Projektil zerreisst die Halsvene und bohrt sich in die Wirbelsäule.Das Attentat von Sarajevo macht weltweit Schlagzeilen: Zeitungsillustration des deutschen Künstlers Felix Schwormstädt vom 30. Juni 1914.Hulton Archive / GettyDer Fahrer drückt aufs Gaspedal. Sophie kippt mit dem Kopf auf den Schoss ihres Mannes. Franz Ferdinand sagt: «Sopherl, Sopherl, sterbe nicht, bleibe am Leben für die Kinder!», so jedenfalls wird es später in der ganzen Monarchie erzählt. Wie auch die Worte des Erzherzogs auf die Frage eines Begleiters, ob er Schmerzen habe: «Es ist nichts!» Dann verliert er das Bewusstsein. Als die Wagen in der nahe gelegenen Residenz des Landeschefs Potiorek ankommen, ist Sophie bereits innerlich verblutet. Auch der Erzherzog ist nicht mehr zu retten, aus dessen Wunde am Hals sich ein dünner Strahl Blut ergiesst. Kurz nach 11 Uhr sind beide tot.Gavrilo Princip hat sofort nach Abgabe der Schüsse seine Giftkapsel geschluckt, aber gleich wieder erbrochen. Als er sich die Pistole an die Schläfe führt, um sich selbst zu richten, wird ihm die Waffe aus der Hand geschlagen. Passanten überwältigen den Doppelmörder, er wird verprügelt, ja wäre wohl gelyncht worden, hätte ihn die Polizei nicht rechtzeitig in Gewahrsam genommen.Ein Augenzeuge schreibt über Princip: «Er war von kleinem Wuchs, ausgezehrt, kränklich, hatte scharfe Züge. Es war schwer sich vorzustellen, dass ein so harmlos aussehendes Wesen eine so schwere Tat begangen haben könnte.» Dessen Name geht sogleich um die Welt – in den Eilmeldungen und in den Extrablättern, die gedruckt werden und reissenden Absatz finden.Alle ahnen, dass sich nun etwas zusammenbraut. Aber niemand denkt, dass dieses «ruchlose Attentat» (NZZ vom 29. 6. 1914) die Ouvertüre eines Konflikts sein könnte, der die alte Welt hinwegfegen wird. «Nichts, aber auch gar nichts liess zunächst darauf schliessen, dass aus diesem von allen Mächten verurteilten Mord binnen eines Monats der ‹Grosse Krieg› hervorgehen könnte», schreibt der Historiker Gerd Krumeich.Die serbische Presse zeigt zwar unverhohlen Sympathie für die Attentäter, die Regierung in Belgrad weist indes jede Verantwortung von sich. Im übrigen Europa ist sich die Öffentlichkeit einig in ihrer Empörung über den Doppelmord. Die Sympathien gelten den trauernden Habsburgern, vor allem dem 83-jährigen Kaiser.Die Stunde der ZockerFranz Joseph sitzt seit sechs Jahrzehnten auf dem Thron, länger, als die meisten seiner Untertanen am Leben sind. Eine gewisse Trägheit hat ihn erfasst, er ist «in seiner eisigen und ewigen silbernen und schrecklichen Greisenhaftigkeit eingeschlossen», wie es Joseph Roth in seinem Roman «Radetzkymarsch» formuliert. Viele persönliche Tragödien hat er bereits erlebt: «Mir bleibt auch nichts erspart!», soll er jeweils geseufzt haben. Seine Ehefrau Elisabeth, besser bekannt als «Sisi», ist von einem Anarchisten in Genf erdolcht worden. Seinen Bruder Maximilian haben mexikanische Rebellen hingerichtet. Sein einziger Sohn Rudolf, der ihm als Kaiser hätte nachfolgen sollen, hat sich zusammen mit seiner Geliebten im Jagdhaus der Familie erschossen. Und nun auch noch sein Neffe Franz Ferdinand. Von dem Franz Joseph allerdings nie viel hielt, den er herablassend behandelte und auch erst fünf Jahre nach dem Tod von Rudolf zum mutmasslichen Erben ernannte und nochmals zwei Jahre später zum wirklichen Thronerben.«Mir bleibt auch nichts erspart!»: der Habsburger Langzeitherrscher Franz Joseph.ImagoTatsächlich ist Franz Ferdinand alles andere als ein Liebling des Volkes. Er hat kein Charisma, ist misstrauisch, oft schlecht gelaunt, schroff und schnell reizbar. Für Bücher und Akten interessiert er sich kaum, dafür umso mehr für die Jagd, die er exzessiv – oder wie manche sagen: pathologisch – betreibt. Akribisch lässt er von seinen Dienern festhalten, wie viele Tiere er niedergestreckt hat. Am Schluss steht die Zahl von 274 889. So blutrünstig er auf der Jagd ist, so zurückhaltend ist er bei militärischen Abenteuern.1913 warnt er den österreichisch-ungarischen Aussenminister vor den Folgen eines Waffengangs gegen Serbien, der zwar ein Leichtes wäre: «Aber was haben wir davon? Dann fällt ganz Europa über uns her, und Gott behüte uns, dass wir Serbien annektieren, ein total verschuldetes Land mit Königsmördern, Spitzbuben etc.» Vielmehr schwebt ihm vor, dereinst die Autonomie der slawischen Völker im Habsburgerreich zu stärken, damit sie immunisiert würden gegenüber dem von Russland und Serbien geförderten Panslawismus.Die öffentliche Trauer um den Thronfolger ist nicht überbordend. Der Schriftsteller Arthur Schnitzler notiert noch am 28. Juni 1914 in sein Tagebuch: Die «erste Erschütterung» habe rasch nachgelassen, gelindert von der Erinnerung an die «ungeheuerliche Unbeliebtheit» des Erzherzogs. Und Josef Redlich, Rechtsprofessor in Wien und genauer Beobachter des Zeitgeschehens, schreibt: «Vielleicht wird man sagen dürfen: Gott hat es gut gemeint mit Österreich, dass es ihm diesen Kaiser erspart hat.»Für den Wiener Hof schafft der Tod zunächst ein skurriles zeremonielles Problem: Kann der verstorbene Erzherzog zusammen mit seiner nur aus niederem böhmischem Adel stammenden Gattin Sophie in der habsburgischen Kaisergruft beigesetzt werden? Die Särge der beiden Ermordeten werden schliesslich nach Artstetten gebracht, einem Provinzort in Niederösterreich, und dort bei einem Schloss beigesetzt. Stefan Zweig schreibt: «Ein paar Wochen noch, und der Name und die Gestalt Franz Ferdinands wären für immer aus der Geschichte verschwunden.»«Ungeheuerliche Unbeliebtheit» in der Bevölkerung: die Särge von Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie am 2. Juli 1914 im Hafen von Triest.ImagoAber dann gärt es doch noch.Die Schüsse von Sarajevo schüren die Kriegseuphorie in Österreich-Ungarn, aber auch andernorts. Für Russen, Franzosen und Engländer ist zwar verständlich, dass die Donaumonarchie Grund hat, auf Serbien Druck auszuüben, zumal die Verbindungen der Attentäter immer deutlicher nach Belgrad führen. Aber in Wien wollen die Falken nun mehr: die Gelegenheit nutzen, endlich gründlich mit dem Störenfried Serbien abzurechnen. Das Risiko eines Blitzkriegs scheint vielen kontrollierbar, gerade auch im Deutschen Reich, das sich bedingungslos hinter Österreich-Ungarn stellt: «Ein schnelles Fait accompli und dann freundlich gegen die Entente, dann kann der Schock ausgehalten werden», notiert der deutsche Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg. Aber der schnelle, begrenzte Krieg bleibt aus. Und so kommt es zur berühmt-berüchtigten Juli-Krise, in der die Weichen immer mehr auf einen gesamteuropäischen Krieg gestellt werden – aus Misstrauen, Überheblichkeit und Fehleinschätzung. Die Monarchen, Minister und Militärs wissen, dass sie mit dem Feuer spielen. Aber sie zocken trotzdem.Mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli 1914 startet eine Kaskade von Kriegserklärungen, entlang der komplexen Bündnissysteme. Der «Grosse Krieg», den niemand wollte, ist da. Der Historiker Christopher Clark bilanziert: «In den letzten Jahren und Monaten vor dem Sommer 1914 kamen kleine Kausalitätsstücke zusammen, die nicht planmässig in Szene gesetzt worden waren. Ihre Existenz reichte aus, um den regionalen Gegensatz zwischen Serbien und Österreich-Ungarn zum Auslöser eines grossen Kriegs werden zu lassen. Wenn Europa jenen Sommer 1914 ohne den Ausbruch des Ersten Weltkriegs überlebt hätte, dann wären viele dieser Kausalitätsfragmente wieder weggefallen.» Zu diesen Fragmenten gehörte auch das Attentat von Sarajevo.Zermürbt im kalten KerkerIm Herbst 1914, wenige Wochen nach Kriegsausbruch, wird Gavrilo Princip und 24 Mitangeklagten in Sarajevo der Prozess gemacht – wegen Hochverrats und Meuchelmords. Princip bedauert nur, dass er die Frau des Thronfolgers «versehentlich» umgebracht hat. Sonst sieht er sich als Tyrannenmörder: «Ich bin kein Verbrecher, denn ich habe denjenigen beseitigt, der Böses tat.» Es sei Rache gewesen «für all das Leiden, das mein Volk unter Österreich erdulden musste».Weil er zur Tatzeit noch minderjährig war, wird Princip nicht zum Tode verurteilt und gehängt, wie drei seiner älteren Komplizen. Er erhält 20 Jahre schweren Kerker unter verschärften Haftbedingungen in der böhmischen Festung Theresienstadt. Trotzig kritzelt er dort an seine Zellenwand: «Unsere Geister werden durch Wien ziehen, durch die Hofburg wandern, die Herrschaften erschrecken.» Die Isolationshaft, fast immer angekettet im dunklen, kalten Kerker, zermürbt ihn aber rasch. Er leidet an Unterernährung, an Depressionen, an Knochentuberkulose. Sein linker Arm ist so vereitert, dass er amputiert werden muss. Mehrere Suizidversuche scheitern. Von einem Psychiater auf seine Tat und den Krieg angesprochen, sagt er: «Sehr traurig. Serbien besteht nicht mehr. Meinem Volk geht’s sehr, sehr schlecht.» Er stirbt am 28. April 1918 im Gefängnis.Im Königreich Jugoslawien, das wenige Monate nach dem Ersten Weltkrieg aus den Trümmern Österreich-Ungarns und unter Führung Serbiens entsteht, werden Gavrilo Princip und seine Mitstreiter als Volkshelden verehrt. In Sarajevo hängt am Ort des Attentats bald eine Gedenktafel zu seiner Ehre. Hitlers Truppen montieren sie nach dem Einmarsch 1941 ab und überbringen sie dem «Führer» als Kriegstrophäe. Im sozialistischen Jugoslawien erreicht der Kult um den Doppelmörder schliesslich seinen Höhepunkt. Seit dem Zerfall des Landes ist Princip nurmehr der Stolz der serbischen Nationalisten.Ausserhalb seiner Herkunftsregion ist er weitgehend in Vergessenheit geraten. Obwohl die Tragweite seiner Tat nicht unterschätzt werden kann. In Steven Pinkers 1200-Seiten-Studie «Gewalt» wird Gavrilo Princip gar zur wichtigsten Person des 20. Jahrhunderts. Schliesslich hätte es an jenem 28. Juni 1914 auch ganz anders kommen können.Der politische MordVerschwörungen, Attentate und politische Morde prägen die Geschichte und verändern die Welt. Aber wie laufen sie ab? Was macht sie erfolgreich, was bringt sie zum Scheitern? Welche Nebenwirkungen haben sie? Und was passiert mit den Opfern und den Tätern? In einer Artikelserie widmet sich die NZZ in den kommenden Wochen einigen der gravierendsten politischen Morde der Weltgeschichte. Am 23. Mai lesen Sie über das Attentat auf den israelischen Ministerpräsidenten Yitchak Rabin im Jahr 1995.Passend zum Artikel