„Deus lo vult“ – „Gott will es!“, skandiert die aufgepeitschte Menge. Es ist der 27. November 1095. Gerade hat Papst Urban II. in Clermont zum Ersten Kreuzzug aufgerufen. Lebhaft hat er die Unterdrückung der Christen im Heiligen Land beschrieben, eindringlich von der Befreiung Jerusalems gesprochen – doch die Zustimmung des Volks gewinnt er durch ein unglaubliches Versprechen: Wer für Gott in den Nahen Osten zieht, so deutet er an, hat damit all seine Sünden abgebüßt.Sich in einem Aufwasch reinzuwaschen, dabei Heiden zu bekämpfen und auch noch die Heilige Stadt mit eigenen Augen zu sehen, das scheint für viele ein Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit zu sein: Seit Jahren herrschen Dürren, Hunger und Seuchen in Westeuropa. Eilig heften sich arme Bauern und Tagelöhner Stoffflicken in Kreuzform an die Kleidung.Der Papst wiederum folgt dem Ruf des byzantinischen Kaisers, der um Unterstützung gegen die vorrückenden Seldschuken bittet. Dass dieser sich nicht an Kaiser Heinrichs Gegenpapst Clemens III. wendet, muss Urban II. schmeicheln. Mit seinem „Heiligen Krieg“ erhofft er sich, seine Autorität in Europa zu stärken. Viele Menschen glauben an das baldige Ende der Welt Womit er nicht rechnet, das ist der Eifer des niederen Volks. Monate vor den Rittern und Adeligen machen sich im April 1096 gut 40.000 Menschen auf, auch Frauen und Kinder sind darunter. Es besteht kein Zweifel, dass das Ende der Welt bevorsteht. Immerhin hat sie Gott gerade erst wieder mit dem furchtbaren „Heiligen Feuer“ gestraft. Noch weiß man nicht, dass ein Pilzbefall des dunklen Roggenbrots schuld an den Vergiftungssymptomen ist.Dass sie mit dem Kreuzzug die Gunst Gottes zurückgewinnen, lässt sich am Himmel ablesen: Dort mehren sich Zeichen wie Meteorschauer, Kometen und Polarlichter.Wanderprediger übernehmen die Führung. Besonders charismatisch ist ein Mönch auf einem Esel: Peter der Einsiedler zuckelt über Köln den Rhein und Main hinab, weiter Richtung Balkan und zieht dabei einen großen Teil der Bettler-Armee mit sich. Doch auch einem Graf namens Emicho gelingt es, einige Tausende hinter sich zu sammeln. Der Kreuzfahrer stammt aus einem fränkischen Adelsgeschlecht und soll auf seiner Brust ein Kreuz tragen, das ihm ein Engel eingezeichnet hat. Zu seinem Trupp gehören Pilger wie kampferprobte Ritter. Allerdings mangelt es ihnen an Ausrüstung, als sie sich am Mittelrhein sammeln.Der jüdische Chronist Rabbi Elieser bar Nathan beschreibt die Stimmung unter den Kreuzfahrern: „Es geschah, als sie durch die Städte kamen, wo Juden waren, da sprachen sie bei sich: ,Wohlan, wir haben uns aufgemacht, unsere Rache an den Ismaeliten zu vollziehen, dabei sind es doch die Juden, die ihn getötet und ans Kreuz geschlagen haben.’“Der Rabbi bezieht sich auf die Bischofsstädte Speyer, Worms und Mainz am Oberrhein, die im Judentum des Mittelalters als „SchUM“-Verbund bekannt sind – ein Akronym aus den hebräischen Anfangsbuchstaben der drei Städte. Die Gemeinden entstanden durch die Ansiedlung jüdischer Händler aus Italien und Frankreich. Der Zuzug wichtiger Gelehrter machte sie zur Wiege des europäischen Judentums.Bisher haben Juden und Christen in diesen Städten halbwegs harmonisch nebeneinander gelebt. Doch mit der neuen Frömmelei der Christen werden die „Gottesmörder“ immer mehr zum Feindbild. Dazu kommt: Die Kreuzzügler brauchen Geld für ihre Reise – und das finden sie bei den wohlhabenden Juden.Graf Emichos Trupp ist nicht der einzige, der seinen Kreuzzug noch in Europa beginnt. Doch er ist es, der am ärgsten wütet unter den jüdischen Bürgern. „Mit Greis und Jungfrau hatte er kein Mitleid, Kleinkind und Säugling und Kranke – keinen verschonte sein Auge“, fasst Salomo bar Simson die Berichte von Überlebenden zusammen.Kaiser Heinrich IV. sitzt in Norditalien fest, als ihm von den ersten Angriffen berichtet wird, sogleich ordnet er den Schutz der Juden durch die Stadtherren an. Schon 1090 hat er die Rechte der Juden im „Wormser Privileg“ festgelegt. Nicht unbedingt aus christlicher Nächstenliebe allerdings: Er fürchtet Steuerausfälle. In Speyer schützt ein Bischof die Juden, anderswo tobt der Mob In Speyer fallen bereits am 3. Mai zwei Kolonnen von Kreuzfahrern ein und töten elf Juden. Dank Johann I., Bischof von Speyer, der die jüdische Gemeinde entschlossen verteidigt und ihr an seinem Hof Schutz gewährt, bleibt es dabei. Und die Mordenden ziehen schließlich weiter nach Norden:In Worms stürmt die Meute am 18. Mai jüdische Wohnhäuser und zieht dann weiter zum Bischofshof. Hier hält der Bischof dem Mob nicht stand. Wer sich nicht zwangstaufen lässt, wird massakriert oder bringt sich vorher lieber selbst um. Hunderte sterben in Worms.In Mainz wartet man bereits auf die Kreuzfahrer. Erzbischof Ruthard rät den Juden, ihre Wertgegenstände bei ihm einzulagern und sich in den Bischofshof zu flüchten. Für seine Barmherzigkeit lässt er sich außerdem Schutzgeld zahlen. Zwei Tage lang sammeln sich sichtlich gewaltbereite Gruppen vor den geschlossenen Toren der Stadt.Wieso diese mit der Ankunft von Graf Emichos Trupp plötzlich geöffnet werden, bleibt ungeklärt. Als die Kreuzritter einfallen, solidarisieren sich die Bürger der Stadt sogleich mit ihnen. Weil sich der Erzbischof scheut, seine Ritter gegen die Angreifer einzusetzen, verteidigen nur einige Juden den Bischofshof unter Führung ihres Rabbiners. Lange können sie ihn nicht halten. Mütter werfen ihr letztes Silber in den Hof hinab, um sich die Zeit zu erkaufen, ihren Kindern die Kehlen durchzuschneiden und sich dann selbst ins Messer zu werfen. Nur wer eine Zwangstaufe über sich ergehen lässt, kommt mit dem Leben davon.Was die Opferzahlen angeht, widersprechen sich die Quellen. Fest steht: Neun Massengräber müssen in Mainz ausgehoben werden.Ob er trotz seiner in Gottes Namen begangenen Morde ins Paradies hätte aufgenommen werden können, wird Graf Emicho nie erfahren. Sein Kreuzzug endet in Ungarn, wo sich die Bevölkerung gegen die Plünderer zu wehren weiß. Zurück zu Hause wird er verachtet, weil er sein Gelübde gebrochen hat.Weitreichende Folgen hat das Pogrom von Mainz nicht nur für die Judengemeinde. Als Heinrich IV. nach seiner Rückkehr versucht, die Schuldigen auszumachen, findet er einen gar nicht reuevollen Erzbischof vor. Unter der Anklage durch den Gegenpapst flieht Ruthard aus Mainz – und wechselt die Seiten zu Papst Urban II.Knapp ein Jahrzehnt nach dem Pogrom wird er seinen neuen Einfluss nutzen, um mit Heinrichs Sohn dessen Vater vom Thron zu stürzen.