Die Buhmänner – warum an der WM so viele Trainer fliegenMehr Mannschaften produzieren auch mehr Verlierer. Die Rechnung bezahlen die Trainer – auch weil sie an grossen Turnieren omnipräsent sind.05.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenNach dem Aus kam der Shitstorm: Julian Nagelsmann ist nicht mehr Bundestrainer der Deutschen.Wunderl/ImagoOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein Ereignis von sporthistorischer Wucht hatte in der Luft gelegen, als in Europa allmählich der Samstagmorgen hereinbrach. Auf den Strassen bewegten sich neben den letzten Partygängern nur noch blasse Gestalten in hellblau-weissen Trikots. Die fussballverrückten Argentinier verfolgen die Partien ihrer Elf um jede Uhrzeit in aller Welt, und das Gespenst, dem sie dabei in dieser Nacht begegnet waren, hiess Kap Verde. Die Inselgruppe mit 500 000 Bewohnern, Neuling an Weltmeisterschaften, war drauf und dran, den dreifachen Turniersieger und Titelverteidiger zu eliminieren.Zweimal glich der Aussenseiter einen Rückstand aus, und auch nach dem 2:3 in der 111. Minute war er noch mehrfach kurz davor. Argentiniens Torwart Emiliano «Dibu» Martínez musste so heldenhaft eingreifen wie im legendären Final 2022 gegen Frankreich. Nach dem Schlusspfiff ging der Goalie ergriffen zu Boden. Der Trainer Lionel Scaloni hatte schon seit dem letztlich entscheidenden Tor feuchte Augen. «Die Lage war übel», sagte Scaloni später: «Es hätte auch locker andersherum ausgehen können.»Der gefeierte Weltmeistercoach wäre dann in seiner 100. Partie als Nationaltrainer plötzlich derjenige gewesen, der auf der falschen Seite der grössten Sensation der WM-Geschichte gestanden hätte. «Ein Irrsinn», schauderte es Scaloni beim Gedanken.Im Zweifelsfall erwischt es den CoachWas dann passiert wäre? Im Zweifelsfall: ein Rücktritt. Acht Kollegen haben ihn an diesem Turnier schon eingereicht oder sind entlassen worden. «Gemeinsame Reise ist zu Ende», «Zeit, sich um die Familie zu kümmern», «aus verschiedenen Gründen das Ziel nicht erreicht»: Wie nach oder sogar während der Vorrunde bereits Sabri Lamouchi (Tunesien), Hong Myung Bo (Südkorea), Steve Clarke (Schottland), Miroslav Koubek (Tschechien) und Marcelo Bielsa (Uruguay) mussten sich nach dem Ausscheiden im Sechzehntelfinal auch Julian Nagelsmann (Deutschland), Ronald Koeman (Niederlande) und Sebastián Beccacece (Ecuador) bei einer der klassischen Abgangsformeln bedienen.Es wird kaum bei diesen acht bleiben, wie die Spielerrevolte bei Senegal gegen den Coach Pape Thiaw oder die Zweifel an Trainern wie Portugals Roberto Martínez ankündigen.Der erste Erklärungsgrund für die Häufung ist pure Mathematik. Da an der 48er-WM mehr Nationen teilnehmen als bisher, gibt es nicht nur mehr Geld und mehr Märchen, sondern logischerweise auch mehr Enttäuschungen. Mehr Verlierer. Wo früher das Überstehen der Gruppenphase den Achtelfinaleinzug bedeutete und damit in aller Regel die Jobsicherung, klingt Runde der letzten 32 irgendwie schal. Kaum ein Kommentar zu Nagelsmann kam ohne den Hinweis aus, dass er es letztlich auch nicht weiter gebracht hatte als die Vorgänger Joachim Löw 2018 und Hansi Flick 2022.Die Trainer sogenannter «grosser» Fussballnationen stecken gewissermassen in der Globalisierungsfalle. Denn die anderen Kontinente stellen nicht nur mehr, sondern oft auch bessere Teams als früher. Dass sich weite Teile der deutschen Fussballöffentlichkeit trotz den Erfahrungen von Niederlagen gegen Mexiko und Südkorea (jeweils 2018) und Japan (2022) immer noch quasi naturrechtlich Gegnern wie Ecuador und Paraguay überlegen sahen, sagt mehr über diese Experten aus als über die Wirklichkeit.Zur Illustration besonders dienlich ist das Beispiel von Marokko. Die Nordafrikaner belegen in der Fifa-Weltrangliste Platz sechs und haben vieles von dem, was so manchen Traditionsteams abgeht: ein ausbalanciertes Kader, eine klare Spielidee, echte Optionen auf der Bank, die richtige Mischung aus Technik und Kampf, Offensive und Defensive. Folglich waren sie wie beim Remis zum Auftakt gegen den Rekordweltmeister Brasilien auch im Sechzehntelfinal gegen die Niederlande das bessere Team.Dass das Koeman-Team bis in die Nachspielzeit führte und unglücklich im Elfmeterschiessen ausschied, war vor diesem Hintergrund nicht ehrenrührig; dennoch wurde der Trainer in der Heimat für «beschämenden Angsthasenfussball» attackiert, nachdem er es gewagt hatte, mit einem zusätzlichen Verteidiger die Abwehr zu stärken.Ihm wurde Angsthasenfussball vorgeworfen: Ronald Koeman trat bei den Niederländern zurück.Daniel Becerril / ReutersFür Marokko bedeutete Koeman den nächsten Skalp. Schon an der WM 2022 hatten die Nordafrikaner für das Ende von nicht weniger als drei europäischen Trainern gesorgt: Roberto Martínez bei Belgien, Fernando Santos bei Portugal und Luis Enrique bei Spanien. Überall empfand man das Ausscheiden gegen den vermeintlichen Fussballzwerg als nicht hinnehmbare Blamage. Es darf an dieser Stelle erwähnt werden, dass Luis Enrique danach zweimal die Champions League mit Paris Saint-Germain gewann und weithin als derzeit bester Trainer der Welt gilt.In den Vereinen gelten die Trainer heutzutage oft als die eigentlichen Stars. Diese Überhöhung wird dann auch auf die Nationalteams übertragen, obwohl die Eingriffsmöglichkeiten dort weit geringer sind. Der Blick fokussiert sich umso mehr auf die Übungsleiter, als den Medien kaum noch Zugang zu den Spielern gewährt wird.Wer vor und nach dem Match ausführlich zu analysieren hat und in den Nachrichtensendungen als Gesicht des Teams rauf- und runterläuft, ist der Trainer. Bei Kongo-Kinshasas Sébastien Desabre ging diese nicht immer freiwillige Prominenz bis weit ins Private, als der Verbandssprecher an der Pressekonferenz nach dem Ausscheiden gegen England den Tod von Desabres Vater bekanntgab; sichtlich zu dessen Schock.Die Omnipräsenz wird zur Angriffsfläche, sobald es sportlich nicht läuft. In der emotional und nationalistisch aufgeladenen Atmosphäre einer WM entladen sich dann alle Aggressionen gegen denjenigen, der immer zu sehen ist. Bei Südkorea führte das nach dem Vorrundenaus zu bedenklichen Szenen. Hong wurde trotz seinem bereits erfolgten Rücktritt in der Heimat mit Morddrohungen, Hausverboten in Restaurants und einem Aufruf des offiziellen Fanklubs empfangen, «vor der gesamten Nation niederzuknien und den Fussball für immer zu verlassen».Selbst Staatspräsident Lee Jae Myung versuchte nicht etwa zu deeskalieren, sondern wiederholte den verbreiteten Vorwurf, bei der Auswahl Hongs, immerhin Captain von Koreas 2002er Halbfinalelf, seien «Vetternwirtschaft und Günstlingswirtschaft wichtiger» gewesen als «Kompetenz». Hong hat das Land inzwischen lieber wieder in Richtung USA verlassen.Obwohl er zurücktrat, erhielt er in seiner Heimat Morddrohungen: Hong Myung Bo, Ex-Trainer von Südkorea.Jam Media / GettyDagegen nimmt sich das Trainerspektakel, das Tunesien bot, vergleichsweise unschuldig aus. Nach einer 1:5-Auftaktniederlage gegen Schweden wurde Lamouchi entlassen und flugs der französische Beau Hervé Renard als Nachfolger verpflichtet, der seinerseits kurz vor dem Turnier bei Saudiarabien geflogen war, das er wiederum erst während der Qualifikation übernommen hatte.Renard verlor dann gegen Japan mit 0:4 und zum Abschluss gegen die Niederlande immerhin nur noch 1:3. Ob das zur Weiterbeschäftigung reicht, ist noch offen, sein Vertrag lief erst einmal nur eine Woche, immerhin für kolportierte 100 000 Euro pro Match.Nach einem Spiel war er schon nicht mehr Coach der Tunesier: Sabri Lamouchi.Eric Lalmand / ImagoOb sie in Tunesien oder Saudiarabien die internationale Medienkolumne des deutschen Ex-Weltmeisters Philipp Lahm lesen? «Das Schlüsselwort, das diskutiert werden muss, ist Kontinuität», schreibt der über sein Heimatland. Nagelsmann habe zu viel experimentiert und keine Linie gefunden. Dass Lahm gleichzeitig behauptet, nur Frankreich habe mehr Talent im Kader als Deutschland, richtet das Feuer voll auf einen Trainer, der sich zwar kaum als Opfer unrealistischer Erwartungen hinstellen kann, weil er selbst immer wieder Titelsehnsüchte schürte. Der aber nicht nur an der eigenen Sprunghaftigkeit scheiterte, sondern auch an der Nervosität der Öffentlichkeit.Rückholaktionen verschleppen bei den Deutschen den TeamaufbauMit den Misserfolgen und Krisen des letzten Jahrzehnts sind Gelassenheit und Grundvertrauen verlorengegangen. Auch das führte zu Rückholaktionen wie jener von Toni Kroos vor der Heim-EM 2024 oder jener von Manuel Neuer 2026, die kurzfristig Erfolg versprechen mochten, den mittelfristigen Teamaufbau aber zusätzlich verschleppten.Die Erfahrung der vergangenen Titelträger zeigt, dass erst längere Zyklen zum Erfolg führen. Und auch dann kann es so knapp werden wie für Argentinien gegen Kap Verde. «Wir werden korrigieren, was zu korrigieren ist», sagte Scaloni danach mit der gerade so noch intakten Autorität des Weltmeistertrainers und empfahl den Fans zur Beruhigung angespannter WM-Nerven: «Geniessen und einen Kamillentee trinken.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel