PfadnavigationHomeSportFußballWMBesserwisser-SyndromDie lange Fehlerliste des Julian NagelsmannVon Christian Falk, Heiko NieddererStand: 07:43 UhrLesedauer: 8 MinutenNach dem WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft übt Henning Feindt, Sport-Chefredakteur der „Bild“- und WELT-Gruppe, scharfe Kritik an Bundestrainer Nagelsmann. Er sieht den Coach in der Hauptverantwortung und hält Jürgen Klopp für den einzig geeigneten Nachfolger.Das WM-Aus gegen Paraguay ist kein Betriebsunfall. Von fragwürdigen Personalentscheidungen über taktische Widersprüche bis zur Kommunikation mit den Spielern: Julian Nagelsmann hat das deutsche Scheitern mit verursacht. Eine Analyse.Lange hatten sich die DFB-Verantwortlichen die Leistungen bei der EM im eigenen Land schöngeredet. Dass es sportlich schon 2024 nach dem Auftakt-Sieg gegen Schottland (5:1) im Turnier sportlich stetig bergab ging und das Turnier auch wegen einer zum Teil vercoachten Startelf im Viertelfinale früh endete, wollte intern niemand wahrhaben.Nun endete die WM 2026 in einem erneuten Debakel. Nach der Euphorie über einen erneuten torreichen Auftakt beim 7:1-Sieg über Fußball-Zwerg Curaçao kam nur noch wenig von der Nationalmannschaft und endete mit der peinlichen Niederlage gegen Paraguay im Elfmeterschießen (3:4). Fußball-Deutschland liegt erneut am Boden. Das Aus bereits im Sechzehntelfinale kann diesmal nicht einmal der Hauptverantwortliche schönreden: Bundestrainer Julian Nagelsmann.Nach zweimaligem Ausscheiden in der Gruppenphase (2018 in Russland, 2022 in Katar) ist die erneute Blamage im erstmals ausgetragenen Sechzehntelfinale genauso erschreckend wie bei den beiden Turnieren zuvor. Ob Weltmeister-Trainer Jogi Löw oder Nachfolger Hansi Flick – beide erlebten trotz laufender Verträge nicht eine erneute Weltmeisterschaft. Auch bei Julian Nagelsmann hat das Ausscheiden Gründe.Nagelsmann hatte sportlich genug Qualität im Kader, um zumindest bis ins Achtelfinale vorzustoßen. Der Bundestrainer scheiterte aber daran, aus den Offensiv-Profis Jamal Musiala, Florian Wirtz, Leroy Sané und Kai Havertz ein funktionierendes Quartett zu formen. Aber auch die Stars haben ihren Anteil: Sie haben zwar große Träume, zeigten aber nie große Leistungen. Der Umgang mit Deniz UndavMit eigens angesetzten Extra-Einheiten im Abschluss-Training hatte Nagelsmann gehofft, dass die vier Profis zu einem gemeinsamen Spielwitz finden. Den Offensiv-Mann, der bei der WM noch in bester Form war, ließ Nagelsmann lange außen vor. Deniz Undav, der mit seinen Toren den Einzug in die K.-o.-Runde überhaupt erst möglich gemacht hatte, durfte erst gegen Paraguay von Beginn an ran. Schon die Undav-Nominierung für die WM war zwischenzeitlich fraglich gewesen. Am Ende fügte sich Nagelsmann, auch aufgrund des öffentlichen Drucks. Lesen Sie auchVor dem sportlich unbedeutenden dritten Gruppenspiel gegen Ecuador (1:2) wurde zumindest im Trainer-Team diskutiert, dass Undav seine Startelf-Chance bekommen sollte. Auch DFB-Sportdirektor Rudi Völler wurde zur Sitzung als Ratgeber miteinbezogen. Am Ende entschied Nagelsmann: erneut gegen Undav.Die Entscheidung wurde der Mannschaft lange nicht mitgeteilt. Die meisten Profis erfuhren erst bei der Abschluss-Pressekonferenz unmittelbar vor dem Ecuador-Spiel davon, als Undav neben Nagelsmann auf dem Podium saß. Die Überraschung im Team war groß, denn im Abschlusstraining hatte Nagelsmann mit der Vierer-Formation Havertz, Wirtz sowie Sané auf der Zehn und dem rechten Flügelspieler Maxi Beier für die Startelf einspielen lassen. Am Ende wurden es dann weder Beier noch Undav. Nagelsmann setzte einmal mehr auf seine Stammformation. Auch intern wurde dem Bundestrainer neben sportlichen Aspekten Sturheit bei der Entscheidung attestiert.Da handelt einer anders als er redetEinen Zickzackkurs betrieb Nagelsmann schon länger. Immer wieder änderte der Bundestrainer seine Ausrichtung. Im Herbst sprach er davon, dass nur Stammspieler zur WM fahren, vor allem die Form und das Momentum würden zählen. Schon im März überraschte er dann plötzlich mit der Ansage, Bayern-Reservist Leon Goretzka sei quasi gesetzt. Nach der Verletzung von Felix Nmecha am Außenband im Knie, ebenfalls im März, schrieb der Bundestrainer den Dortmunder schon öffentlich ab. Nagelsmann erklärte, dass selbst bei einer rechtzeitigen biologischen Heilung bis zur Kadernominierung im Mai nicht garantiert sei, dass Nmecha sofort wieder „schmerzfrei“ auflaufen könne. Am Ende spielte Nmecha, Goretzka blieb Reservist.Auch bei der Nominierung warf der Bundestrainer viele seiner Grundsätze über den Haufen, nahm einige Spieler mit, die lange verletzt waren oder kaum im Rhythmus, wie neben Nmecha auch beispielsweise Nadiem Amiri. Oder auch: Manuel Neuer. Lesen Sie auchBis zuletzt hatte Nagelsmann seinen WM-Qualifikations-Keeper Oliver Baumann in dem Glauben gelassen, er sei seine Nummer eins beim Turnier. Dass er es nicht ist, erfuhr Baumann nach dem letzten Bundesliga-Spieltag. Nicht von Nagelsmann, sondern bei einem TV-Interview. Die Rückholaktion von Neuer lief dabei bereits im März an, wurde im April konkret. Baumann erfuhr davon Ende Mai.Warnrufe von Kritikern, er müsse seine WM-Mannschaft endlich mal einspielen lassen, tat Nagelsmann auch aus Verletzungsgründen ab. Bis in den März probierte und testete der junge Bundestrainer Spieler und Formationen aus. Erst kurz vorm Turnier setzte der Taktik-Fan auf eine erste Elf und Einspielen. Der Widerspruch fand seinen Höhepunkt im Ecuador-Spiel, das als Wende für die deutschen Turnier-Chancen gelten darf.Die merkwürdigen Wechsel gegen EcuadorNagelsmann sprach vor der Partie davon, wie wichtig das Einspielen sei, um seine Entscheidung für eine Stammelf – statt eine mit Undav – zu rechtfertigen. In der 60. Minute warf er das Konzept dann über Bord, brachte mit Beier, Pascal Groß, Malick Thiaw und Angelo Stiller Reservisten ohne bisherige WM-Minuten. Stiller war wie Undav ursprünglich nicht von Nagelsmann für den WM-Kader vorgesehen gewesen, wie der Trainer erneut öffentlich zum Ausdruck gebracht hatte. Wie bei Undav musste der Bundestrainer auch in der Personalie zurückrudern und nach guten Leistungen der Stuttgarter Abbitte leisten. Seine Kabinenrede nach der Pleite, er wollte „jedem hier eine Chance geben“, muss Spielern wie Nick Woltemade wie Hohn vorgekommen sein. Der Stürmer, der die wichtigen Tore in der WM-Qualifikation geschossen hatte, war erst kurz vor Abpfiff der regulären Spielzeit gegen Paraguay gekommen.Nicht mal Sportdirektor Rudi Völler, der stets als Bodyguard von Nagelsmann auftrat, konnte die Entscheidungen beim Ecuador-Spiel nachvollziehen. „Ich glaube, das ist eine Frage, die dann der Bundestrainer beantworten muss. Ich wusste natürlich die Auswechslungen, also die Spieler, die rauskommen, das wusste ich vorher so ein bisschen, das war auch so ein bisschen abgesprochen.“ Die Einwechslungen der Spieler, die reingekommen waren, verstand Völler aber offenbar ebenfalls nicht wirklich.Für Kimmich gab es nicht mal ErsatzNagelsmann hatte schon bei der Kader-Struktur unerklärliche Fehler gemacht. Seinen Kapitän Joshua Kimmich hatte er zum Rechtsverteidiger erklärt, obwohl dieser beim FC Bayern eine Säule, Lenker und Denker im zentralen Mittelfeld ist. So, als wolle er seine Maßnahme in Stein gemeißelt sehen, nominierte der Bundestrainer für Kimmich nicht mal ein Back-up wie beispielsweise den gelernten Rechtsverteidiger Ridle Baku. So beraubte er dem DFB-Team zunächst die Möglichkeit, Kimmich doch ins Mittelfeld zu versetzen, wie es Experten wie Lothar Matthäus oder Weltmeister-Kapitän Philipp Lahm gefordert hatten. Dass Kimmich im Laufe des Spiels gegen Paraguay auf die Sechs rückte, brachte auch nicht mehr.Lesen Sie auchAuch die Nachnominierung nach dem Ausfall von Hoffnungsträger Lennart Karl erfolgte nicht positionsgetreu. Als Fußball-Deutschland hoffte, dass nun der Kölner Shootingstar Saïd El Mala als Flügelflitzer doch seine Chance bekommen sollte, entschied Nagelsmann wieder mal anders. Mit Assan Ouédraogo rückte ein Mittelfeldspieler nach, der seine Stärken in der Zentrale hat. Dabei soll El Mala gesagt worden sein, er sei im Falle von Verletzungen die erste Wahl. Wieder kam es anders. So, als wolle Nagelsmann erneut allen sagen: Ich weiß es wieder mal besser als ihr.Das „Besserwisser“-Syndrom hatte sich schon bei der Quartier-Wahl gezeigt. Weltmeister wie Mats Hummels hatten schon im Vorfeld geunkt, dass es den DFB-Stars im abgeschiedenen North Carolina zu langweilig werden könnte. So kam es dann auch.Das DFB-Camp? „Stinklangweilig“Das Basis-Camp in Winston-Salem wurde allein nach logistischen Kriterien ausgewählt: Abgeschiedenheit, kurze Wege zum Training und zum Flughafen. Unter diesen Aspekten passte auch alles, die Trainingsplätze waren top erreichbar, die Menschen an der Wake Forest University nett. Allerdings: Laut „Sport Bild“ fanden es etliche Spieler im Quartier „stinklangweilig“ (O-Ton). Rund ums etwas abseits gelegene Graylyn-Estate-Hotel gab es kaum Cafés oder Restaurants. Nur selten sah man die DFB-Stars mal außerhalb. Zwar war das Hotel historisch und gediegen, das beste Haus am Platz. Mit der Burg-Atmosphäre und seinem Mittelalter-Charme gerade für die jungen Spieler aber zu altbacken. Den großen Kontrast gab es in der Vorbereitungs-Woche in Chicago: Die Spieler waren in einem normalen Hotel mitten in der Stadt, liebten die hippe Atmosphäre, das Shoppen, die coolen Cafés und Szene-Hotspots, gingen ständig raus. Viele hätten sich das auch während des Turniers gewünscht. Während des Turniers soll zudem die Kommunikation von Nagelsmann zu den Spielern wenig bis kaum vorhanden gewesen sein. Außerhalb der Trainings-Besprechungen gab es mit etlichen Spielern kaum einen Austausch mit dem Coach, nur wenige Einzelgespräche. Immer wieder hörte man von Spielern: Der Trainer spricht nicht mit mir.Ein Vorwurf, den man auch vorm Turnier schon oft wahrgenommen hatte: Nagelsmann meldete sich bei vielen Spielern monatelang nicht, ließ auch vor der Nominierung viele Spieler lange im Unklaren. Die Spieler wunderten sich über die Schweigsamkeit des Bundestrainers – gerade weil er öffentlich immer so redegewandt auftritt. Während der WM soll er die meiste Zeit mit seinen Trainerkollegen verbracht haben – oder mit seiner Frau Lena, wenn sie im Camp war. Als das Ehepaar einmal sogar gemeinsam zum Training radelte, fanden das einige Spieler unpassend für ein so bedeutendes Ereignis wie eine Fußball-WM. Ein Etikett, das rückblickend auf die Bundestrainer-Ära auch für Nagelsmann und die deutsche Nationalmannschaft gelten darf.Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) erstellt und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.
WM 2026, Deutschland: Die lange Fehlerliste des Julian Nagelsmann - WELT
Das WM-Aus gegen Paraguay ist kein Betriebsunfall. Von fragwürdigen Personalentscheidungen über taktische Widersprüche bis zur Kommunikation mit den Spielern: Julian Nagelsmann hat das deutsche Scheitern mit verursacht. Eine Analyse.















