PfadnavigationHomeSportDeutsches WM-DebakelJulian Nagelsmann – Das Protokoll des ScheiternsVon Christian Falk, Julian AgardiStand: 07:07 UhrLesedauer: 9 MinutenNach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft gegen Paraguay analysiert Jürgen Klopp, was schiefgelaufen ist. Mit Blick auf seine mögliche Zukunft als Nationaltrainer sagt er: „Wer dann der Bundestrainer ist, werden wir sehen. Wahrscheinlich ist es Julian Nagelsmann.“Julian Nagelsmann wollte die DFB-Elf zum Erfolg führen. Stattdessen prägten Torwart-Poker, schlechte Kommunikation und ein verunsichertes, irritiertes Team seine kurze Amtszeit beim DFB. Bereits im März traf er die ersten fatalen Entscheidungen.Das Scheitern von Julian Nagelsmann begann schon viel früher, als viele denken. Mitte März traf sich Nagelsmann mit Manuel Neuer, lotete erstmals die Chance für ein mögliches WM-Comeback aus. Der Bundestrainer informierte Oliver Baumann. Dabei versicherte er ihm: Baumann bleibe die Nummer 1, Neuer sei nur eine Option im Falle einer Verletzung des Hoffenheim-Keepers.30. März: Durch den Treffer von Deniz Undav schlug Deutschland Ghana in einem Testspiel in Stuttgart mit 2:1. Was viele verwunderte: Nagelsmann kritisierte seinen Siegtorschützen nach der Partie scharf: „Er hatte jetzt nicht viele Aktionen. Ich glaube, bis dahin eigentlich keine. Was ein Torjäger machen muss, hat er gemacht.“Keine 24 Stunden später griff der Trainer zum Hörer und wählte die Nummer des Angreifers, um sich für die am Vortag getätigten Aussagen zu entschuldigen. Seine Ehefrau Lena hatte ihn darin bestärkt.Am 12. Mai nahm die Torwart-Diskussion öffentlich Fahrt auf. Im BILD-Podcast „Bayern Insider“ wurde enthüllt, dass sich Nagelsmann mit einem WM-Comeback von Neuer beschäftigt.Vier Tage später, am letzten Bundesliga-Spieltag, meldete Sky: Neuer ist im WM-Kader. Nagelsmann war im ZDF-„Sportstudio“, schwieg aber dazu. Er behauptete, die Gespräche hätten zu dem Zeitpunkt noch nicht stattgefunden. Was er nicht sagte: Da Neuer sich am selben Nachmittag im Spiel gegen Köln (5:1) an der Wade verletzt hatte und in der 60. Minute ausgewechselt wurde, wusste Nagelsmann vor Beginn des „Sportstudios“ plötzlich gar nicht, ob der Torwart überhaupt fit für die WM wird.Baumann sollte Nummer 1 bleibenAm 18. Mai erst rief Nagelsmann Baumann an und teilte ihm mit: Neuer ist Teil des DFB-Kaders und wird bei der WM die Nummer 1 sein.21. Mai: Nagelsmann gab seinen Kader bekannt. Mit dabei auch Deniz Undav. Seine Nominierung hatte lange auf der Kippe gestanden, am Ende berief ihn Nagelsmann auch aufgrund des öffentlichen Drucks.2. Juni: Um 14.27 Uhr hob der deutsche WM-Tross von Frankfurt aus Richtung Chicago ab, wo sich die Mannschaft auf das Turnier vorbereiten sollte. In Chicago bezog der DFB das Fünf-Sterne-Hotel „Waldorf Astoria“ mitten in der Innenstadt.5. Juni: Flügel-Star Lennart Karl zog sich im Training einen Muskelbündelriss zu und musste für die WM absagen. Daraufhin berief Nagelsmann Assan Ouédraogo (20), der seine Stärken in der Zen­trale hat. Saïd El Mala, dem zuvor zugesagt worden sein soll, er sei im Falle einer Verletzung die erste Nachnomierungswahl, berücksichtigte Nagelsmann nicht.Deutsches Team gewinnt die WM-Generaprobe6. Juni: Deutschland gewann das letzte Testspiel gegen die USA mit 2:1. Nagelsmann gab seiner Mannschaft für den nächsten Tag frei. Am Abend feierten rund 15 Spieler im angesagten Nachtklub „Tao“ mit Star-Discjockey „DJ Snake“ bis in die Morgenstunden.7. Juni: Den freien Tag nutzte Nagelsmann für eine Shoppingtour. Mit seiner Ehefrau Lena streifte er in Chicago durch zahlreiche Luxus-Boutiquen.Einen Tag später ging es für die Nationalmannschaft ins abgeschiedene Winston-Salem (North Carolina). Das Team bezog dort das einige Kilometer vom Stadtkern entfernt gelegene Graylyn-Estate-Hotel, das während der WM als Basis-Camp diente. Die Unterkunft hatte Nagelsmann ausgesucht. Viele Spieler waren ernüchtert vom Kontrast zu Chicago.13. Juni: In Teilen des Abschlusstrainings vor dem WM-Auftakt gegen Curaçao ließ Nagelsmann die Offensivreihe aus Jamal Musiala, Florian Wirtz und Leroy Sané getrennt vom Rest der Mannschaft Kombinationen einstudieren und Bälle aufs Tor schießen. Der Trainer wollte Automatismen einstudieren. Einige Spieler schoben noch eine freiwillige Extra-Einheit mit Elfmeterschießen.Nagelsmanns Frau kam mit zum Training14. Juni: Deutschland startete furios in die WM, gewann in Houston (Texas) gegen Curaçao mit 7:1.15. Juni: Zur Regenerations-Einheit radelte Nagelsmann, anders als gewöhnlich mit seinem Trainerstab, mit Lena zum Trainingsplatz. Sie kam sogar mit aufs Trainingsgelände, was viele Spieler irritierte.16. Juni: Weil Winston-Salem ihnen zu langweilig war, brachen einige Stars an ihrem freien Tag zu einem Trip ins etwa eineinhalb Stunden entfernte Charlotte (875 000 Einwohner) auf.18. Juni: Die freiwillige Einheit nach dem Training wurde zur Gewohnheit: Elfmeterschießen.Körperliche Unterlegenheit 20. Juni: Undav drehte das zweite Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste in Toronto nach seiner Einwechslung mit seinen beiden Toren quasi im Alleingang. Deutschland gewann mit Ach und Krach 2:1, stand dadurch vorzeitig als Gruppenerster fest. Bitter: Nico Schlotterbeck (26) zog sich während des Spiels einen Innenbandriss im linken Sprunggelenk zu, fiel für den Rest des Turniers aus.Wie nach dem Sieg gegen Curaçao durften die Profis die beiden Tage nach dem Spiel mit ihren Familien verbringen. Diskussionen gab es innerhalb der Mannschaft, weil einige Partnerinnen und Kinder im Teamflieger nach Winston-Salem reisen durften, andere sich wiederum einen Linienflug buchen mussten. Nagelsmanns Lena und seine Mutter Burgi waren in der Mannschaftsmaschine.21. Juni: Ein weiteres Thema bereitete Sorgen und wurde in der Kabine diskutiert: die körperliche Unterlegenheit gegen die Elfenbeinküste. Ein Großteil der Mannschaft hatte enorme Probleme, in den Zweikämpfen gegen physisch starke Spieler zu bestehen. Die Spieler wussten, dass sich dieses Defizit kurzfristig kaum lösen lässt.22. Juni: Ihren freien Tag nutzten Neuer und Jonas Urbig für einen Besuch im Café „Remedy“. Kai Havertz, David Raum, Nick Woltemade, Alexander Nübel und Leon Goretzka spielten Golf. Aus der Mannschaft hörte man, dass sich Goretzka ansonsten enorm vom Team abkapsele, viel Zeit alleine verbringe und häufig schlecht gelaunt sei. Im März hatte Nagelsmann ihm eine Hauptrolle für die WM in Aussicht gestellt. Gegen Curaçao und die Elfenbeinküste wurde er beide Male nur spät eingewechselt.24. Juni: Am Vormittag verwirrte Nagelsmann seine Mannschaft komplett. Im Abschlusstraining vor dem Ecuador-Spiel stellte er Sané in der Aufstellung der A-Mannschaft auf die Zehner-­Position, Maximilian Beier (23) spielte auf dem rechten Flügel und Angelo Stiller (25) im zentralen Mittelfeld. Undav war weiter nur Teil des Ersatzspieler-Teams.Verwunderung über Aufstellung gegen EcuadorAm Abend sorgte der Bundestrainer erneut für Irritation innerhalb des Teams. Auf der Pressekonferenz in New York verkündete Nagelsmann, dass er keine Veränderungen in der Startelf vornehmen werde, sofern diese aus Verletzungsgründen nicht nötig seien. Viele Spieler erfuhren davon erst in diesem Moment und wunderten sich über die Formation aus dem Abschlusstraining. Viele hatten geglaubt, Musiala würde eine Pause bekommen. Für Undav, der auf der Pressekonferenz neben Nagelsmann saß, bedeutet das: Auch im dritten Spiel sollte er trotz seiner drei Tore und zwei Vorlagen zunächst nur auf der Bank Platz nehmen müssen. Nicht nur Undav war verwundert.25. Juni: Nach der 1:2-Pleite gegen Ecuador begründete Nagelsmann in der Kabinenansprache seine Wechsel in der zweiten Halbzeit mit den Worten, er habe jedem hier eine Chance auf WM-Minuten geben wollen. Über den Zickzack-Kurs zwischen „Startelf einspielen“ und „munter durchwechseln“ waren viele Spieler verwundert. Bei den Profis, die bislang noch überhaupt nicht gespielt hatten, kam diese Erklärung ebenfalls nicht gut an. Der unzufriedene Goretzka saß 90 Minuten lang auf der Bank. Stürmer Woltemade durfte in der Gruppenphase gar nicht ran.26. Juni: In der Nacht auf Freitag kehrte das DFB-Team samt Familien aus New York ins Graylyn Estate zurück. In Abwesenheit der Spieler waren Kammerjäger da. Der Grund: Die Nationalmannschaft wurde im Vier-Sterne-Hotel von Kakerlaken heimgesucht. Vor allem dann, wenn es geregnet hatte.27. Juni: Die Stars hatten wieder frei. Um gegen ihre Langeweile anzukämpfen, spielte die Clique um Schlotterbeck, Beier, Undav und Pascal Groß stundenlang Poker. Andere zockten auf der aus Deutschland mitgebrachten Nintendo Switch Mario Kart. Musiala, Wirtz, Felix Nmecha und Malick Thiaw vertrieben sich die Zeit mit dem Gesellschaftsspiel „Uno“. Einige spielten auf der 55 Hektar großen Anlage sogar Verstecken. Ein Spieler aus der Mannschaft erzählte SPORT BILD, im Hotel sei es „stinklangweilig“. Die Zeit in Winston-­Salem sei kein Vergleich zur knappen Woche in Chicago.Mannschaft fordert Kimmich auf der SechsInnerhalb der Mannschaft formte sich die Haltung, Joshua Kimmich (31) gehöre endlich wieder auf die Sechser-Position, die er auch beim FC Bayern spielt. Im zentralen Mittelfeld könne der Kapitän deutlich mehr Einfluss aufs Spiel nehmen, seine Qualitäten seien auf der Rechtsverteidiger-Position verschenkt. Im Vergleich zu Nagelsmann führte Kimmich im Graylyn Estate zahlreiche Einzelgespräche. Während der gesamten Zeit in den USA redete er mit fast jedem Spieler unter vier Augen. Der Bayern-Star versuchte, jeden mitzunehmen.28. Juni: Im Abschlusstraining vor dem Sechzehntelfinale gegen Paraguay teilte Nagelsmann die Mannschaften in „Alt“ und „Jung“ auf. Im Team „Alt“ spielte kein Spieler unter 29 Jahren. Vielen Profis erschloss sich der Sinn hinter den Alt-gegen-Jung-Spielchen nicht, auf die Nagelsmann in den Wochen zuvor bereits öfter zurückgegriffen hatte. Die Spieler reagierten sich bei einer freiwilligen Extra-Einheit ab: Elfmeterschießen.29. Juni: Deutschland blamierte sich gegen Paraguay, schied erstmals in der WM-Geschichte in einem Elfmeterschießen aus. Als nach Schützen gesucht wurde, zeichneten sich einige im „Versteckspielen“ aus. Goretzka trat nicht vom Punkt aus an. Stattdessen musste Innenverteidiger Jonathan Tah (30) als sechster Schütze den ersten Elfer seiner Karriere schießen und schoss den Ball über die Torlatte.Nagelsmann kritisiert UndavNach dem WM-Aus herrschte in der Kabine Totenstille. Bei Magenta kritisierte Nagelsmann Undav, den er erstmals von Beginn an brachte. „Wir müssen in der ersten Spielminute in Führung gehen, da stehen wir zu viert alleine vor dem Tor und müssen einfach nur quer spielen, um den Ball ins leere Tor zu schieben. Stattdessen chippt Deniz ihn irgendwie auf den zweiten Pfosten“, sagte der Bundestrainer. Auch sonst suchte Nagelsmann nach Ausreden. Die Spieler wollten dagegen das zu Unrecht aberkannte Kopfballtor von Tah in der Verlängerung nicht als Entschuldigung gelten lassen. Es ging zurück mit der Mannschaftsmaschine, Lena und Nagelsmanns Mutter waren mit an Bord.2. Juli: In der DFB-Zentrale in Frankfurt kam es zu einem dreistündigen Krisen-Gipfel. Vor den Bossen um Präsident Bernd Neuendorf, Bundesliga-Präsident Hans-Joachim Watzke, Sportdirektor Rudi Völler und DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig begründete Nagelsmann das Scheitern. Seine Argumente überzeugten die Chefs nicht. Die DFB-Spitze legte ihm eindringlich einen Rücktritt nahe, würde ihn andernfalls entlassen.Einen Tag später vermeldete BILD den Rücktritt von Julian Nagelsmann. Am Vormittag wurde die Meldung vom DFB bestätigt. Nagelsmann sollte statt seines ausstehenden Gehalts von angeblich 14 Millionen Euro (bis 2028) eine Abfindung in Höhe von rund sieben Mio. Euro bekommen.Die Wunschlösung für die Nagelsmann-Nachfolge war Jürgen Klopp. Mit dem ehemaligen Mainz-, Dortmund-, und Liverpool-Trainer liefen bereits Gespräche.4. Juli: Bei Magenta und Servus TV bestätigte Klopp: „Ich bin bereit.“ Neuendorf und Watzke planten einen ­Geheimflug in die USA. Dort wollten sie die Gespräche mit Klopp, der weiter als TV-Experte bei Magenta tätig ist, führen und ihre Vorstellungen austauschen.