John Angelillo / ImagoKaum ein politisches Dokument hat die Weltgeschichte so geprägt. Die «Declaration of Independence» besticht noch heute durch ihre intellektuelle Prägnanz und hat Wirkungskraft. Wie die Schrift vor 250 Jahren zustande kam – und was darin steht.Isabelle Jacobi, Julia Monn (Grafik)04.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Tyrannei muss sich kein Volk gefallen lassen, so lautet die Hauptaussage der «Declaration of Independence». Es ist eine Aussage mit Sprengkraft, damals und heute. Die 1337 Wörter lange Schrift legitimiert die Revolution, aber nur, wenn sie absolut notwendig ist. Die Autoren tarierten ihren revolutionären Geist mit rationaler Argumentation und einem Schuss Vorsicht aus. Nicht zuletzt strotzt der Text vor kühnem Optimismus. Die Fähigkeit der Amerikaner, in grossen Dimensionen zu denken, «to think big», offenbart sich – vielleicht auch ein gewisser Hang zur Grossspurigkeit.Dabei sah die Lage für die Amerikaner im Sommer 1776 gar nicht rosig aus. Ihr Befreiungskrieg gegen den König von England war seit gut einem Jahr im Gang. Der König von Grossbritannien, George III., hatte auf die Rebellion seiner Untertanen in Amerika mit harter Hand reagiert; es floss auf beiden Seiten immer mehr Blut. Nach einem fast einjährigen Abnützungskampf um Boston, der mit dem Abzug der Briten nach Halifax endete, verlor der junge König George endgültig die Geduld. Er schickte eine Armada über den Ozean – mehr als 300 Schiffe mit 32 000 Soldaten, mit dem Ziel New York. Die ersten britischen Truppen landeten am 2. Juli auf Staten Island.Währenddessen tagten die Delegierten des Zweiten Kontinentalkongresses in Philadelphia. Die Abgesandten aus den dreizehn Kolonien waren zusammengekommen, um sich in der Krise zu koordinieren. Am 4. Juli nahmen sie die Unabhängigkeitserklärung an. Sie war in den drei vorangegangenen Wochen eilig entworfen worden. George Washington, der General der bedrängten amerikanischen Kontinentalarmee, liess die Unabhängigkeitserklärung bei der Befehlsausgabe vom 9. Juli in New York seinen Soldaten vorlesen. Der Jubel sei gross gewesen, berichteten Augenzeugen.Eine Kopie der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776, ausgestellt bei Christie’s American History Exhibition in New York.John Angelillo / ImagoDie Erklärung verfolgte mehrere ZieleDie amerikanischen Patrioten schrieben den Text der Unabhängigkeitserklärung in einer Notlage, aber auch mit strategischem Kalkül. In den Kolonien drohte die Anarchie auszubrechen, nachdem König George Ende 1775 erklärt hatte, dass in den Kolonien eine «offene Rebellion» im Gange sei. Das britische Parlament verhängte daraufhin eine Wirtschaftsblockade für den Handel nach Übersee. Die bisherigen, aus England gesteuerten Regierungsstrukturen in den Kolonien kollabierten – angesichts des plötzlichen Notstands brauchte es einen neuen Staat, so die Logik der Revolutionäre.Sie wussten, dass sie im Krieg gegen die britische Streitmacht auf Unterstützung aus den Niederlanden, Frankreich und Spanien angewiesen sein würden. Gleichzeitig durften sie nicht als aufständische Rebellen agieren, dies hätte gegen das damalige Rechtsverständnis an den europäischen Höfen verstossen. So hielt es jedenfalls der aufgeklärte Völkerrechtler Emer de Vattel in seinem damaligen Bestseller «Recht der Nationen» fest. Das Buch galt als Standardwerk für internationales Recht und hatte laut Experten grossen Einfluss auf das Denken der Revolutionäre. Sie folgerten daraus, dass sie sich von Grossbritannien lossagen mussten.Ein weiteres wichtiges Ziel war es, die eigenen Reihen zu schliessen: Die revolutionär gesinnten Autoren mussten die Abgesandten aus den dreizehn Kolonien für ihre Sache gewinnen. Es gab viele Delegierte, die davor zurückschreckten, die Bande mit ihrer ehemaligen Heimat zu durchtrennen. Die Unabhängigkeitserklärung sollte die Zweifler an Bord holen – mit einer universellen, optimistischen Botschaft. Es gelang: 39 von 55 Delegierten nahmen die Erklärung am 4. Juli 1776 an.Eine Wandmalerei in den Nationalen Archiven stellt die Signierung der Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli 1776 dar.John McDonnell / APDie Autoren, die RedaktorenAuch wenn Thomas Jefferson als Hauptautor der «Declaration of Independence» gilt, ist sie eigentlich eine Gruppenarbeit. Der Kontinentalkongress beauftragte am 10. Juni 1776 ein fünfköpfiges Komitee mit dem Entwurf eines Papiers über die Unabhängigkeit der Kolonien von Grossbritannien. Dazu gehörten John Adams, Thomas Jefferson, Benjamin Franklin, Robert R. Livingston und Roger Sherman. Das Komitee delegierte den Entwurf an das jüngste Mitglied, den 33-jährigen Thomas Jefferson, einen Intellektuellen und Grossgrundbesitzer aus dem Südstaat Virginia.Jefferson schrieb den Entwurf in siebzehn Tagen, er bezog sich auf den europäischen Aufklärer John Locke und auf einen kleinen Kanon von Publikationen, die die Revolutionäre bereits verfasst hatten, etwa Thomas Paines «Common Sense», John Adams’ «Gedanken über die Regierung» oder die «Deklaration der Gründe und der Notwendigkeit, zu den Waffen zu greifen», die Thomas Jefferson zusammen mit John Dickinson geschrieben hatte.Der Entwurf von Jefferson wurde im Komitee besprochen und überarbeitet. Da es kein Protokoll dieser Sitzungen gibt, weiss man nicht, wer welche Änderung veranlasste, aber die insgesamt 86 Korrekturen waren akribisch. Eine Passage, die den britischen Sklavenhandel verurteilte, wurde aus Rücksicht auf die sklavenhaltenden Plantagenbesitzer aus den Südstaaten gestrichen. Damit entstand ein eklatanter Widerspruch zu der Behauptung, dass «alle Menschen gleich geschaffen» seien, wie die Unabhängigkeitserklärung eröffnet.Das offizielle Präsidentschaftsporträt von Thomas Jefferson (Maler: Rembrandt Peale, 1800).PDDer Text, genau gelesenDer Text der Unabhängigkeitserklärung ist noch heute packend. «Die Unabhängigkeitserklärung ist wahrscheinlich das am meisterhaftesten geschriebene Staatspapier der westlichen Zivilisation», schreibt der Rhetorikprofessor Stephen Lucas. Die Philologin und Politikwissenschafterin Danielle Allen preist die «Schönheit» des Textes: «Es ist die präziseste und zugleich beredteste Beschreibung dessen, was es bedeutet, Bürger einer Demokratie zu sein, die je zu Papier gebracht wurde.» Beide haben die Unabhängigkeitserklärung Satz für Satz, Wort für Wort analysiert. Die folgenden Anmerkungen stützen sich auf ihre Analysen.Eine 3-D-Version des Bildes von der Krönung von König Georg III., ausgestellt in der Galerie des Museums für die Amerikanische Revolution in Philadelphia.Ardon Bar-Hama / APFormelle UnabhängigkeitserklärungZum Schluss der «Declaration of Independence» heisst es: «Daher tun wir, die in einem gemeinsamen Kongress versammelten Vertreter der Vereinigten Staaten von Amerika, (. . .) kund und zu wissen, dass diese Vereinigten Kolonien freie und unabhängige Staaten sind und es von Rechts wegen bleiben sollen.»Es ist vollbracht. Die dreizehn Kolonien sagen sich von der britischen Kolonialherrschaft formell los. Zum ersten Mal findet der Name Vereinigte Staaten von Amerika Erwähnung. Die «Declaration of Independence» war die Geburtsurkunde eines Landes, auf das eine grosse Zukunft wartete.Das konnten die Gründer damals nur erahnen. Ihr blutiger Unabhängigkeitskrieg dauerte noch sieben Jahre. Die universelle Botschaft der Schrift entwickelte bald globale Wirkung. Revolutionäre in Europa liessen sich von der Schrift inspirieren – und befreiten sich von ihren Tyrannen.Besucher der «Great American State Fair» auf der National Mall, in Washington, am 30. Juni 2026.Julia Demaree Nikhinson / APPassend zum Artikel