Madonnas erstes Album seit sechs Jahren: Die Diva zieht sich in die Dunkelheit des Klubs zurückLange Zeit hat sich die Sängerin als Trendsetterin behauptet, die sich selber stets weiterentwickelte. Das Album «Confessions on a Dance Floor II» hingegen zelebriert zeitlose Klubkultur.04.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenMadonna trainiert körperliche und geistige Fitness auf dem Dancefloor.Rafael Pavarotti / WarnerTypisch Madonna: «I can be whoever I wanna be» – ich kann sein, wer immer ich sein will. Als wäre es ein grosses Geheimnis, flüstert sie die Worte zu Beginn in den sphärischen Hallraum ihres neuen Albums «Confessions on a Dance Floor II». Dabei handelt es sich doch um das alte Lied ihrer künstlerischen Souveränität, das sie sogleich durch den entsprechenden Refrain ergänzt: Sie habe immer wieder Lust, sich eine Rolle auszudenken – «to create a new persona». Aber Madonna empfiehlt sich auch als Idol, das dem Publikum die gleiche Freiheit gönnt. Gleich im Opener «I Feel So Free» heisst sie es willkommen auf ihrem Dancefloor, wo jeder sein darf, was er will.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aber sind solche Rollenspiele so wichtig? Madonna selber scheint sich nicht ganz sicher zu sein: Manchmal wolle sie einfach sein wie alle andern – «be like other people and just not care» –, singt sie auch. Das Ideal existenzieller Offenheit, die ein ewiges Spielen mit wechselnden Identitäten erlaubt, passte wohl besser in ihre frühen Jahre, als ihr Image noch frei war von Klischees.Allgemein sind in jungen Jahren allerlei Umwege und künstlerische Experimente möglich, weil der Horizont noch nicht durch harte Fakten verbaut ist. Heute scheint die ganze Welt älter geworden zu sein als zu Madonnas besten Zeiten. Statt lustvollen Ausprobierens propagiert die Gegenwart abgedichtete Identitäten, die vor Ironie und Bashing schützen sollen.Inszenierte EigenliebeMadonna aber forciert noch immer ihre Jugendlichkeit. Tatsächlich ist es ihr bisher gelungen, das Älterwerden etwas hinauszuschieben. Als leidenschaftliche Narzisstin hat sie Ehrgeiz und Können in die permanente Auffrischung von Musik und Image investiert. Dabei bewährte sich die Inszenierung ihrer Eigenliebe als inklusiver Kult. Ob Hetero-Frau, Homo-Mann, ob genderfluide, schwarze, weisse, alte oder junge Existenz: Fast alle glaubten an Madonnas Versprechen ewiger Libertinage.In den neunziger Jahren wurde Madonnas Einfluss so gross, dass sie sich zu einem kulturellen Machtfaktor entwickelte: Wer die westliche Pop-Kultur verstehen wollte, kam an ihr nicht vorbei. Einerseits bewährte sie sich als Vermittlerin zwischen dem breiten Publikum und Trends aus dem Underground. Indem sie mit stilbildenden Produzenten wie Nelly Hooper aus dem Trip-Hop, William Orbit aus dem Techno, Pharrell Williams aus dem R’n’B oder Stuart Price aus dem House zusammenarbeitete, konnte sie den Mainstream mit avantgardistischen Klängen veredeln.Einem analogen Konzept entsprach auch ihre soziale Mission: Sie sang für die Massen, machte sich aber stark für verschiedene Minderheiten – insbesondere für Schwule, Lesben oder Transmenschen. Unterdessen ist ihr diese Solidarität auch schon als Appropriation und Einmischung angekreidet worden. Minoritäten wehren sich heute zuweilen dagegen, im Mainstream aufzugehen – lieber grenzen sie sich ab.Madonnas geradezu historische Bedeutung zeigte sich schliesslich auch in ihrer Wirkung auf die Nachfolgerinnen. Ob Katy Perry, Miley Cyrus oder Lady Gaga – die weiblichen Trendsetterinnen orientierten sich lange an ihrem Vorbild: Das schlug sich in der musikalischen Mischung aus Mainstream und urbanen Beats nieder. Zum allgemeinen Erfolgsrezept gehörten überdies nonchalanter Feminismus, laszives Auftreten und gelegentliche Skandale, wie es Madonna etwa im Video zu «Like a Prayer» (1989) vorgemacht hatte, wo sie Sexualität und Katholizismus aufeinanderprallen liess.Eine AusnahmeerscheinungIm stilistisch verästelten Pop der Gegenwart gibt es immer weniger Raum für Madonna und ihre Epigoninnen. Es kann kaum mehr von einem musikalischen Hauptstrom die Rede sein. Statt tonangebender Autoritäten sorgen nun diskrete Algorithmen dafür, dass Angebot und Nachfrage zusammenpassen.Die Stars aber scheinen ihr Publikum nun vermehrt wieder mit konservativen Werten und Mitteln gewinnen zu müssen. Eine Taylor Swift jedenfalls setzt musikalisch zumeist auf die Traditionen von Country und die Singer-Songwriter-Kultur und verwöhnt ihre «Swifties» mit fürsorglicher Zuneigung. Olivia Dean, Raye, Rosalía verführen ihr Publikum mit viel Soul, viel Charme und einer gesanglichen Bravour, die weit über Madonnas Virtuosität hinausgeht.So erscheint Madonna heute im Pop weniger als Instanz denn als Ausnahmeerscheinung. Gleichwohl dürfte ihr die Bewunderung jener Fans sicher sein, die mit ihr älter geworden sind. Das hat sich bereits im Vorfeld ihres neuen Albums gezeigt. Die Boomerin Madonna hat sich jüngst zwar skeptisch gegenüber Instagram geäussert und von der Gefahr gesprochen, darin die Persönlichkeit zu verlieren. Medien und Fans aber haben weltweit dafür gesorgt, dass sie jetzt wieder auf allen Online-Kanälen zu bewundern ist: als elegante, reife Frau in bunten Glitzerkleidern, gleissendes Blond, die Lippen mit pastösem Rot bemalt.Bei der viralen Online-Präsenz hätte es den 14-minütigen Promofilm zum neuen Album «Confessions on a Dance Floor II» (kurz: «Confessions II») vielleicht gar nicht gebraucht. Das Video-Werk aber erinnert daran, wie sehr sich Madonna seit Beginn ihrer Karriere für das anfangs unverbrauchte Medium des Videoclips interessiert hat – auf MTV entfaltete sich ihre eigentliche poppige Message. Da scheint es verständlich, dass sie jetzt, da der Einfluss des Musikfernsehens geschwunden ist, immerhin auf Youtube auf sich aufmerksam macht.«I can be whoever I wanna be» – das Statement steht auch am Anfang dieses Promovideos. Und wirkt sogleich schal, wenn man Madonna sieht und hört. Sie steckt schon länger in einem paradoxen Verhängnis: Das Programm steter Veränderung und Neuerfindung ist unterdessen selbst ein erwartbares, leeres Klischee. Es wird auch nur noch behauptet. Denn mit «Confessions II» repräsentiert Madonna kaum Neues.Der Albumtitel an sich macht deutlich, dass Madonna an «Confessions on a Dance Floor» anzuschliessen versucht – ihr erfolgreiches Werk von 2005. Es fühle sich an, als komme sie zurück zu den Anfängen, zurück auf die Tanzfläche, wo alles begonnen habe, liess die Sängerin in der Promotion verlauten. Und bei ihrer Plattenfirma Warner feiert man das neue Album nicht als neuen Meilenstein, sondern als «Bestätigung ihres Vermächtnisses».Dazu passt, dass einige Songs die Vergangenheit thematisieren. «Danceteria» handelt von der Disco, in der Madonna entdeckt wurde, und zählt die Prominenz auf, mit der sie sich damals traf: Nile Rodgers, David Byrne, Basquiat, Keith Haring. «Bizarre» wiederum erinnert an Madonnas schwierige Ehe mit Sean Penn.Die Cover-Art wurde dem Vorgängeralbum angepasst. 2005 zeigte sich Madonna als fitte Gymnastikerin, die gleissenden Farben ihrer roten Haarpracht und ihres lila Sportkleids haben nun den seidenen Schleier eingefärbt, der auf dem neuen Foto Madonnas Gesicht verbirgt. Auch im Film bleibt das Gesicht zunächst verschleiert und verschattet, ehe es von zahllosen Scheinwerfern aus der Dunkelheit gezwungen wird. Fast scheint sich die Diva dagegen zu wehren, dass ihr Antlitz preisgegeben wird. Dem Make-up und der plastischen Chirurgie zum Trotz ist zu sehen, wie ihre Erscheinung jetzt auch von Natur und Leben gezeichnet ist.Wäre es möglich gewesen, das Publikum wenigstens musikalisch nochmals zu überraschen? Vielleicht mit einer Art Alterswerk? Sollte es im Pop überhaupt die Möglichkeit geben, spätere Lebensabschnitte zu thematisieren, so ist das jedenfalls nicht Madonnas Anliegen. Bei Madonna bleibt Pop-Kultur Jugend- und Klubkultur.Gegen Ende des Albums gibt es speziellere Songs wie «Betrayal», das an Miles Davis und Erik Satie anklingt. Oder «L.E.S. Girl», ein schlichtes, schönes Lied von Andrew Watt (der amerikanische Musiker hat gerade auch das neue Rolling-Stones-Album «Foreign Tongues» produziert). Mit Stuart Price, der schon «Confessions on a Dance Floor» produziert hatte, hat Madonna aber ein Album geschaffen, das sich über weite Strecken wie das verspielte Set eines House-DJ ausnimmt. Es hätte vor zwanzig Jahren schon ähnlich klingen können.Price profiliert sich immerhin als raffinierter Bastler, der den üppigen, geradezu ozeanischen Ambient-Sounds eine gewisse Leichtigkeit verleiht durch federnde Grooves, über denen sich Madonnas unaufgeregter, ziemlich eintöniger Gesang in melancholischen Melodien entfaltet. Die einzelnen Tracks fliessen lückenlos ineinander, und doch hat jeder Titel eine eigene Färbung – bald durchdringen Streicher die synthetischen Sounds, bald hört man folkige Gitarren.House-Beats dominieren zwar das Repertoire. Im historisierenden «Danceteria» aber wird der Bass funkiger und klingen die Zeiten der Disco an. Bisweilen hört man auch Grooves und Sounds aus Elektro-Pop oder Breakbeats – etwa in «Test», einer Nummer, in der Madonna zusammen mit der Tochter Lola Leon auftritt. In weiteren Gastauftritten sind Stromae und Sabrina Carpenter zu hören.Utopische Loops«Confessions II» beschwört den Dancefloor. Das sei ein «Tempel», ein ritueller Raum, singt Madonna in «One Step Away», wo Bewegungen die Sprache ersetzten – «where movement replaces language». Bei jüngeren Tänzerinnen und Tänzern mag diese nonverbale Ausdrucksweise bisweilen auf Kommunikation und Zweisamkeit ausgerichtet sein. Madonna hingegen scheint es zumeist beim körperlichen Monologisieren zu belassen – weil das einfach «Good For The Soul» sei, wie es im gleichnamigen Titel heisst.Den Fans mag es recht sein, wenn ihr Idol weiterhin Präsenz markiert im Pop, durch das Nachtleben rauscht und sich nicht auf irgendein Altenteil zurückzieht. Madonna hält so die Utopie pulsierender Dance-Loops am Leben, die einen durch die Nacht in den Morgen und in alle Ewigkeit forttragen. Schon möglich, allerdings, dass man dabei den Dancefloor bisweilen wechseln und von der Ü-30- an die Ü-40-, Ü-60- oder Ü-80-Party hüpfen muss.Madonnas Album klingt wie ein DJ-Set.Rafael Pavarotti / WarnerPassend zum Artikel
Die Diva kehrt zurück: Madonnas Hommage an zeitlose Klubkultur
Lange Zeit hat sich die Sängerin als Trendsetterin behauptet, die sich selber stets weiterentwickelte. Das Album «Confessions on a Dance Floor II» hingegen zelebriert zeitlose Klubkultur.












