PfadnavigationHomeICONISTTrendsArtikeltyp:MeinungErstaunliches ComebackWegsehen ist bei Madonna diesmal keine OptionStand: 06:55 UhrLesedauer: 6 MinutenDer Dancefloor als ewiges Versprechen: Madonna in ihrem Comeback-LookQuelle: Warner MusicMissglückte Operationen, schlechte Alben, miese Laune: Madonna schien schon lange abgeschrieben. Beim x-ten Comeback der Queen of Pop zeigt sich jedoch: Sie kann es noch immer.Tja, also ganz ehrlich. Ich hatte die Nase voll. Die Schönheitsoperationen, nach denen sie aufgequollen und kaum noch wiederzuerkennen war. Die Preisverleihungen, bei denen die Multimillionärin stets mit der Wut einer vom Leben und der Männerwelt Benachteiligten hausieren ging (Merke: Jammermine im Schloss ist fast nie ein guter Look). Und vor allem: die langweiligen Alben, die vor prätentiösem Ballast strotzten. Nach ihrer Inkarnation als Madame X mit Augenklappe – halb Captain Hook, halb Morticia Addams – hoffte ich inständig, ihre Plattenfirma möge sie rausschmeißen und sie sich darauf konzentrieren, die Karrieren ihrer Kinder zu unterstützen: die Sangesbemühungen von Tochter Lourdes, die Malerei von Sohn Rocco etc. Und es steht ja zu befürchten, dass auch die anderen zu Kreativjobs verurteilt sind. Eine Madonna-Tochter als Walmart-Kassiererin oder Verwaltungsbeamtin – over her dead body! Am 3. Juli erscheint ihr neues Album, begleitet von dem schon vergessen geglaubten Madonna-Wahnsinn in Form eines 14-minütigen Warm-up-Videos. Die Vagina-Laser-Leuchten überließ sie den Komparsinnen (angeblich waren sie zu heiß, was aus ihrem Mund wirklich eine lahme Ausrede ist), dem pinkelnden brasilianischen Fußballer João Pedro haut sie auf den Hintern, den Schauspieler Benedict Cumberbatch würgt sie, bis er tanzt, mit Kate Moss reißt sie einen Kokain-Witz – man darf wohl sagen: „Madge“, wie sie sich in ihrer britischen Upper-Class-Phase nennen ließ, ist in ihrem Element.Lesen Sie auchUnd es gibt allerlei weitere Nachrichten: Beim Coachella-Festival wurde ihre Garderobe geklaut, mit dem Social-Media-Star Gymskin tanzte sie ziemlich unretuschiert auf ihrem Schreibtisch, bei der Saint-Laurent-Show vergangenen Dienstag rauchte sie ganz kess, und bei der Halftime-Show der Fußballweltmeisterschaft wird man ihr wohl auch nicht entkommen. Mit der üblichen Entschlossenheit hat sie ein Comeback orchestriert, bei dem die Welt sich fragen soll: Was erlaubt sie sich dieses Mal?Die Fakten sind bekannt, deswegen nur kurz: 1978 kam sie mittellos und hungrig nach New York, tanzte und schlief mit den richtigen Leuten. Sie schildert die entscheidende Nacht in der „Danceteria“ in der aktuellen Ausgabe von „Interview“ so: „Wir machten in der Toilette rum, wir nahmen ein bisschen Kokain, dann erklärte sich Mark Kamins (Anm.: ein einflussreicher New Yorker Produzent) bereit, sich mein Demo-Tape anzuhören.“ Mit Skandalen, mit Furchtlosigkeit, mit endloser Neugier auf neue Klamotten und vor allem neue Sounds wurde sie zu der Frau, vor der sich heute noch jede Kollegin verneigt, denn sie hat alle Türen aufgerissen: zu den Geldtöpfen, zu den Chefinnensesseln, zur selbstbestimmten Sexualität. Lesen Sie auchWer Madonna als Chamäleon abtut, sollte sich mit ihrem Werkverzeichnis beschäftigen: Es ist ebenso eklektisch wie konsistent: vom Kaugummipop über Triphop zu Techno, aber stets geprägt von einer der neapolitanischen Liedtradition geschuldeten Melodramatik und einer unnachgiebigen Ich-Sucht. Sie war nie eine große Dichterin („Life is a mystery/ everybody stands alone“), aber die wollte ja keinen Pulitzerpreis, sie wollte die Welt erobern. Und das will die 67-Jährige (Achtung: Sie empfindet bereits die Erwähnung ihres Alters als Vergewaltigung) nun noch einmal. Dafür hat sie einen Kniff gewählt, den sie sich bei Taylor Swift abgeschaut hat: Sie greift auf Vertrautes zurück. In ihrem Fall ist es das Album „Confessions On A Dance Floor“, das vor 20 Jahren erschien und mit der Single „Hung Up“ den letzten, großen Madonna-Moment bot. Sie war die erste und einzige, die ein Sample aus einem Abba-Song nutzen durfte („Gimme! Gimme! Gimme!“), und das Video war ein typischer Kreuzweg dieser vom Weg abgekommenen Erzkatholikin: Stretching-Übungen in rosa Spandex, Kids beim Parcours, Madonna in knapper Gucci-Jacke auf dem Weg in den Club, Sexsimulation mit dem hottesten Typen, schließlich Formationstanz mit ihr als ewiger Alphawölfin. Mehr hat sie nie versprochen, und selten sah es so perfekt aus wie in diesem Video. Allein über die Frisur könnte man eine Doktorarbeit schreiben, halb Farrah Fawcett, halb Stummfilm-Vamp; sie nennt sie schlicht „meine Disco-Haare“. Kein Wunder, dass sie diesen Punkt noch einmal erreichen will. Und sie wäre nicht Madonna, hätte sie nicht alle Geschütze auf dieses Ziel gerichtet. Instagram-Posts aus dem Studio, wo sie mit ihrem Produzenten Stuart Price an „Confessions II“ bastelte, kursieren seit Monaten, aber die erste Attacke ritt sie bei der MET-Gala. Das Motto „Fashion is Art“ war so luftig wie egal, aber sie nahm es todernst, ließ sich von Saint Laurent ein violettes Organza-Kleid mit sieben grauen Schleppen schneidern und trug den Schiffswrack-Hut, den Philip Treacy einst für die Superfashionista Isabella Blow entworfen hatte. Das Ensemble war inspiriert von einem Gemälde der Surrealistin Leonora Carrington und also ein kluges Spiel mit Referenzen – dass es exzessiv raumgreifend war, schadete auch nicht. Was man von „Confessions II“ bisher gehört hat, klingt frisch und energetisch, mit ihren hinlänglich erprobten Fitnessstudio-Club-Beats. Ein Smash-Hit wie „Hung Up“ ist nicht dabei, doch wer weiß: Vielleicht lauert der noch auf der Tracklist. „Come on meet me on the dancefloor“, flüstert sie sirenenhaft auf dem Vorabsong „I Feel So Free“, doch in dem Video zu „Bring Your Love“, das sie mit Sabrina Carpenter singt, ist dies ein ambivalenter Lockruf. Die Clubbesucher stürmen im Halbdunkel bedrohlich aufeinander zu wie die Teilnehmer an den „Hunger Games“, darüber schweben hochgerüstete Frauen mit Kameras und filmen das Treiben. Das ist keine Utopie, Backstage-Orgien hin oder her, sondern ein düsteres Szenario. In den Jahren davor verhandelte Madonna mit diversen Studios bisher erfolglos über ein Biopic oder eine Serie über ihr Leben. Ihr geliebter, dann gehasster, dann wieder geliebter Bruder starb, ebenso ihre Stiefmutter. Und sie versöhnte sich endlich mit ihrer Tochter Lourdes, mit der sie das Lied „The Test“ schrieb und die auch, mit befremdetem Blick, am Ende ihres Promo-Films auftaucht. Madonna ist noch immer ein Ausbund an Willenskraft, und von dem Schmerz, der jeder Ekstase innewohnt, hat sie noch einmal ausführlich gekostet. Natürlich ließ sie es sich nicht nehmen, den diesjährigen Pride Month zu eröffnen. Mit einem Konzert auf dem Times Square, den wenige Wochen vorher Gucci gemietet hatte. Sie trug ihr Confessions-Jäckchen und die rüschigen Dolce-Gabbana-Dessous, die sie derzeit bevorzugt, und ihren Bewegungen waren die Strapazen der letzten Jahrzehnte anzusehen. Als sie ein Bein über eine Trennscheibe hängt und der Stadt ihres Lebens den Schritt entgegenreckte, war es eine Provokation und zugleich eine Verschnaufpause. Die endlose Energie und physische Perfektion ihrer Nachfolger Beyoncé, Taylor Swift, Harry Styles oder Bad Bunny besitzt sie nicht mehr, aber dagegen wütet sie an. Man kann das heroisch nennen. Schon als sie die „Danceteria“ eroberte, war Madonna, so brüstet sie sich noch heute, vielen anderen Clubbesuchern ein Dorn im Auge. Aber wegsehen konnte keiner. Kein Wunder, dass der Song auf dem legendären Tape „Everybody“ hieß.