Mitte der Woche tauchten sie im Stadtbild auf. Die großformatigen Poster. Darauf ist eine alterslose, blonde Frau zu erkennen. Ein Tuch aus Gaze verdeckt Kopf und Schultern. Es ist Madonna, oder besser: die Vorab-Werbung für ihr neues Album „Confessions II“ – der thematische Nachfolger des 2005 erschienenen „Confessions on a Dance Floor“, das bereits eine Reminiszenz an die Hochzeit der New Yorker Clubkultur war, an die Achtziger und Neunziger. Kaum eine Musikerin hat sich so beharrlich gegen Stillstand gewehrt wie Madonna. Doch wurde Innovation bei ihr immer mehr zum Selbstläufer, wirkten ihre Experimente zuletzt wie der Versuch, den Anschluss an Entwicklungen zu halten, die längst von anderen bestimmt wurden.Madonna: „Confessions II“Warner Records/Boy Toy via AP„Confessions II“ signalisiert nun Rückschau. Keine nostalgische Fortschreibung, sondern ein Ringen mit der eigenen Biographie, musikalisch wie erzählerisch. Das Album übernimmt den fließenden Aufbau seines Vorgängers; die Stücke gehen nahezu ohne Unterbrechung ineinander über, darin dem Spannungsbogen eines DJ-Sets ähnlich. Auf die introspektive Klangwelt ihrer „Bedtime Stories“ spielt sie dabei ebenso an wie auf den spirituellen Hokuspokus von „Ray of Light“. In Textpassagen kehrt sogar die ehrgeizige junge Frau wieder, die Anfang der Achtziger nach Manhattan kam und in einer Filiale der schrillen Modemarke Fiorucci arbeitete.Seit „Confessions on a Dance Floor“ ging Madonnas Verkaufskurve nach unten. Die Versuchung, das Publikum mit der Erinnerung an vergangene Triumphe zurückzugewinnen, liegt deshalb nahe. Doch wirkt die zweite Auflage wenig opportunistisch. Madonna greift auf ein musikalisches Vokabular zurück, das ihr seit ehedem vertraut ist. „Confessions II“ ist ein Album mit klassischen Formen elektronischer Tanzmusik. House, Chicago-Sounds, Acid House und Deep House bilden das Fundament. Moderne Einsprengsel wie UK Garage oder modisches Bass-Geballer bleiben Randnotizen.Der bewährte Produzent Stuart Price setzt auf Gelassenheit. Instrumentale Passagen dürfen sich entwickeln, ohne permanent auf den nächsten Refrain zuzusteuern; manche Stücke erinnern an die Dramaturgie klassischer Maxi-Singles. Eine neue Gelassenheit findet sich auch in den Texten. Zu den charakteristischen Gesten demonstrativer Selbstbehauptung kommt ein nachdenklicher Ton: Madonna erinnert sich.Der Song „Danceteria“ zeichnet ein präzises Bild des damaligen NYC-Nachtlebens, Namen von bildenden Künstlern wie Jean-Michel Basquiat oder Keith Haring werden gedroppt, Lou Reeds „Walk on the Wild Side“ zitiert als historische Bezugspunkte in der Stadt, die sie prägte. „Fragile“ ist eine Hommage an ihren verstorbenen Bruder Christopher, mit dem sie eine schwierige Beziehung verband, „The Test“ ein kitschiges Duett mit ihrer Tochter Lourdes, das den Preis eines Lebens im Rampenlicht umkreist.Madonna sucht dabei nicht länger nach der nächsten Verwandlung. Sie vertraut vielmehr auf das, was sie stets ausmachte: Das Vermögen, persönliche Erfahrung in Popmusik zu überführen, ohne deren universellen Anspruch preiszugeben. Das Ergebnis ist ein geschlossenes Album, das beste seit mehr als zwanzig Jahren. Wen sie damit noch erreicht, steht auf einem anderen Blatt.
„Confessions II“: Madonnas neues Album ist ihr bestes seit 20 Jahren
Madonnas sucht mit „Confessions II“ nicht länger nach der nächsten Verwandlung. Sie blickt zurück auf das New York der Achtzigerjahre und auf ihr Leben. So klingt es.











