Die Diskussion um die Verschärfung von Krankschreibungen schlägt hohe Wellen. Aus der SPD kamen am Freitag Bedenken gegen die Absicht der Bundesregierung, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen und die Vorlage einer ärztlichen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) vom ersten Tag an vorzuschreiben. Man habe in der Regierung aber zustimmen müssen, um weitergehende Forderungen der Union abzuwenden, etwa nach unbezahlten Karenztagen zu Krankheitsbeginn, sagte Generalsekretär Tim Klüssendorf (SPD).Am Donnerstag hatte der Koalitionsausschuss beschlossen, die fernmündliche Krankschreibung abzuschaffen und eine AU vom ersten Tag an gesetzlich verpflichtend zu machen. Bisher ist das erst nach dem dritten Tag nötig, Betriebe können aber individuell eine AU sofort verlangen. In Zukunft haben sie die Möglichkeit, ihre Mitarbeiter von der Verpflichtung zur Vorlage am ersten Tag freizustellen; das Verfahren wird also umgedreht.Klüssendorf sagte im ZDF, wichtig sei jetzt, dass die Praxen nicht überfordert würden. Genau das befürchten die Mediziner. Die Zeitung „Bild“ zitiert aus einer Schätzung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), wonach mit 30 Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen im Jahr zu rechnen sei. „Als Folge fehlen dann Termine für Patienten, die wirklich zum Arzt müssen“, warnte KBV-Chef Andreas Gassen.Frei: Rückkehr zur Vor-Corona-ZeitKanzleramtschef Thorsten Frei (CDU) verteidigte hingegen die Pläne. „Tatsächlich ist es so, dass wir das Arbeitsvolumen erhöhen müssen“, sagte er dem Fernsehsender RTL. Zu Wochenbeginn und Richtung Wochenende gebe es besonders viele Krankheitstage, „das kann man, meine ich, nicht medizinisch erklären“. Wie ähnlich zuvor Kanzler Friedrich Merz (CDU), sagte Frei: „Wir kehren zurück zu den Verhältnissen, die wir in der Vor-Corona-Zeit hatten.“ Auch damals seien die Ärzte mit dem Verfahren klargekommen.Freilich kann sich dieser Hinweis nur auf die Telefon-AU beziehen. Diese wurde im Frühjahr 2020 eingeführt und Ende 2023 dauerhaft festgeschrieben. Die jetzt zur Debatte stehende Drei-Tages-Frist steht hingegen schon seit 1994 im Entgeltfortzahlungsgesetz.Nicht alle CDU-Granden sind mit dem Vorstoß vom Donnerstag zufrieden. Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Hendrik Wüst, warnte, ein früher Arztbesuch mit Magen-Darm-Erkrankungen könnte „für alle anderen im Wartezimmer nicht so gut“ sein. Insofern sei eine Klarstellung nötig, dass Erkrankte nicht gleich am ersten Tag den Arzt aufsuchen, sich aber im Nachhinein auch für den ersten Tag krankschreiben lassen müssten.Kein Spitzenreiter bei KrankmeldungenEine wichtige Frage in der Diskussion ist, wie die Bundesrepublik international dasteht. „Es stimmt nicht, dass Deutschland Spitzenreiter bei Krankmeldungen ist, richtig ist aber, dass wir im oberen Drittel rangieren“, stellte Susanne Hildebrandt vom Berliner Gesundheitsinstitut IGES klar.„Dass die Arbeitgeber den Lohn zu hundert Prozent sechs Wochen lang weiterzahlen, ist eine eher großzügige Absicherung.“ Es gebe Länder mit ähnlichen Regelungen, „aber die Kombination aus voller und recht langer Lohnfortzahlung ist etwas Besonderes“. Nach Angaben des Arbeitgeberverbands BDA summieren sich die Kosten für die Lohnfortzahlung, die die Betriebe allein schultern, auf 82 bis 85 Milliarden Euro im Jahr.Auch die anschließende Zahlung des Krankengelds durch die Kassen laufe in Deutschland vergleichsweise lange, so Hildebrandt. „Die Höhe sticht aber nicht heraus.“ Außerdem bemesse sie sich an der Beitragsbemessungsgrenze, Gutverdiener bekämen die 70 Prozent also gar nicht. Eine weitere deutsche Besonderheit: Für Beamte werde die Besoldung im Krankheitsfall in voller Höhe und zeitlich unbefristet weitergezahlt: „Das ist eine außergewöhnlich großzügige und teurere Regelung.“Die Zahl der „Blaumacher“ ist Hildebrandt zufolge „sehr gering“. Die geplante Neuregelung könne vielleicht den einen oder anderen vom Krankfeiern abhalten. „Das aber nur zu einem hohen Preis für alle anderen und für das Gesundheitswesen, weil jeder jetzt sofort zum Arzt muss.“Viele Kranke blieben heute einen Tag zu Hause, bis sie sich besser fühlten. Wer aber zum Arzt gehe, werde in der Regel bis zum Ende der Woche krankgeschrieben. „Ich befürchte, dass mit der Neuregelung die Fehlzeiten noch zunehmen – und damit auch die Kosten für die Arbeitgeber“, gibt sie zu bedenken. „Wenn jetzt jeder Kranke am ersten Tag zum Arzt gehen muss, verstopft das die Praxen, erhöht die Kosten und steigert das Infektionsrisiko in den Wartezimmern.“ Hildebrandt hält die Neuregelung für unnötig. „Arbeitgeber, die Missbrauch vermuten, können einzelne Beschäftigte jetzt schon verpflichten, sofort eine Krankschreibung vorzulegen“, sagt sie. „Das ist viel sinnvoller, als alle Kranken unter Generalverdacht zu stellen.“
Krankschreibungen: So großzügig ist Deutschland im internationalen Vergleich
Die SPD hat der verschärften Attestpflicht zugestimmt, um Karenztage zu verhindern. International sind die deutschen Regeln freigiebig, aber kein Alleinstellungsmerkmal.










