Leben aus dem Labor: Eine Forscherin präsentiert die weltweit erste künstliche Zelle und provoziert die FachweltEs könnte der Beginn eines neuen Zeitalters der synthetischen Biologie sein. Doch der Wissenschafterin geht es offenbar vor allem darum, schnell Millionen Dollar für ihre nächsten Pläne einzusammeln.03.07.2026, 13.38 Uhr4 LeseminutenAus eins mach zwei: Mikroskop-Aufnahmen zeigen, wie sich die künstliche Zelle teilt.Kate Adamala / Adamala LabEin Forscherteam aus Minnesota behauptet, es habe erstmals eine Zelle komplett im Labor erschaffen. Das wäre eine Sensation in der Biotechnologie. Noch nie habe es jemand geschafft, ausschliesslich aus Chemikalien ein zellähnliches Gebilde im Labor zu bauen, das fresse, wachse, sein Erbgut vervielfältige und sich teile. So beschreibt es die Gruppenleiterin Kate Adamala euphorisch in einem Interview mit der Hoover Institution der Stanford University.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Warum die künstliche Zelle «Kartoffelzelle» getauft wurdePräsentiert hat sie ein rudimentäres Gebilde: einen Wassertropfen, umgeben von einer Fetthülle, bestückt mit der Bauanleitung für 36 Gene und einer Handvoll Proteinen. Das ist weit entfernt von den Finessen einer echten Zelle mit bis zu 25 000 Genen. Doch der Biologe Drew Endy von der Stanford University schwärmt gegenüber der Hoover Institution: «Als ich die Zelle das erste Mal sah, fühlte ich mich wie ein Astronaut, der von der Raumkapsel aus die Erde aufgehen sieht.»Da die Zellen Kartoffeln ähnelten, habe die Zelle den Spitznamen «Spud-Cell» – Kartoffelzelle – erhalten. So erklärte es Adamala gegenüber der britischen Zeitung «The Guardian». Zudem erinnere das an Sputnik und damit an den Beginn des Weltraumzeitalters. Letzteres zeigt: Die Wissenschafterin denkt mit ihren Minizellen gross.Seit Jahrzehnten versuchen Wissenschafter weltweit, eine künstliche Zelle im Labor herzustellen. Nun scheint der Gruppe in Minnesota das Kunststück gelungen zu sein. Doch es gibt ein grosses Aber: Derzeit kann kein unbeteiligter Experte die Angaben aus Minnesota bestätigen.Die Biologin Kate Adamala erforscht seit Jahren Zellen und versucht, künstliche Zellen im Labor zu basteln.PDDie Arbeit wurde noch nicht geprüftAdamala hat sich nämlich über die in der Wissenschaft übliche Praxis, die eigene Arbeit zuerst Kollegen zur Begutachtung zu zeigen, hinweggesetzt. Das berichtet das Fachjournal «Science». Ein Kollege von Adamala bestätigt das auf Anfrage der NZZ.Das Team aus Minnesota hat zwar sein Rezept zur Herstellung der Kartoffelzelle zuerst beim renommierten Fachmagazin «Cell» zur Prüfung eingereicht. Doch dort wurde die Arbeit von Experten aus noch unbekannten Gründen abgelehnt.Statt es nun – wie üblich – bei einem anderen Magazin zu versuchen oder die Arbeit über eine Internetplattform Kollegen zur Verfügung zu stellen, hat Adamala die Arbeit einigen Journalisten grosser englischsprachiger Tageszeitungen wie der «New York Times», der «Financial Times» oder des «Guardian» geschickt. Verbunden mit der Auflage, erst am 1. Juli darüber zu berichten.Genau an diesem Tag hat die polnische Forscherin die 190 Seiten lange Anleitung auf der Website der von ihr und Endy gegründeten Forschungsorganisation Biotic veröffentlicht. Erst jetzt können sowohl Forscherkollegen als auch interessierte Laien die Arbeit unter die Lupe nehmen. Die Arbeit sei so bahnbrechend, dass man Fachwelt und Laien gleichzeitig habe informieren wollen, sagte ein Biotic-Mitgründer.Für Adamala war es ein doppelter Coup. Sie ist einer seriösen, fachlichen Debatte aus dem Weg gegangen. Und durch die Berichte der Zeitungen bekam sie viel Aufmerksamkeit für eine abgelehnte Arbeit.Was die künstliche Zelle kann – und was nichtOhne Zweifel wäre eine künstliche Zelle – sofern sie so ist wie von Adamala angegeben – biologisch betrachtet ein faszinierendes Gebilde. Gemäss der nun einsehbaren Beschreibung entstand sie in einer Suppe aus Genen, Proteinen und Fettmolekülen. Darin bildeten sich spontan kleinste Fetttröpfchen, die nach dem Zufallsprinzip Gene und Proteine einschlossen. Manche Gebilde entpuppten sich als funktionsfähige Spud-Cells.Diese sind wie Fische im Aquarium auf regelmässige Fütterung angewiesen. Verabreichen Labormitarbeiter in Fetttröpfchen verpackte «Nahrungsmittel» wie Aminosäuren oder Energiemoleküle, schnappen sich die Spud-Cells die Leckerbissen. Damit das klappt, hat Adamalas Team den Kartoffelzellen molekulare Angelruten eingebaut.Gut genährt, wachsen sie und vervielfältigen ihr Erbgut. Damit sie sich teilen und nicht einfach platzen, hat sich Adamalas Team einen zweiten Trick ausgedacht. Aus der Schale der Spud-Cell ragt ein molekulares Stäbchen, ähnlich wie ein Trieb aus einer gelagerten Kartoffel. Bindet dieses an ein spezielles Molekül im Zellkulturmedium, wackelt die Kartoffelzelle. An manchen Stellen faltet sich daraufhin die Hülle nach innen, und es entstehen zwei Spud-Cells.Allerdings sei die Teilung sehr ineffizient gewesen, schreibt das Team. Die Forscher mussten mit Druck nachhelfen. Zudem verteilte sich das Erbgut der Ursprungszelle nicht gleichmässig auf die Tochterzellen. Und spätestens nach zehn Teilungen waren die Zellen derart ausgelaugt, dass sie die Arbeit einstellten. «Ich würde nicht sagen, dass es sich um lebende Zellen handelt», räumt denn auch Adamala ein.Vorerst haben Gebilde wie die Spud-Cells keinen praktischen Wert. Man möchte sie so steuern, dass sie auf Knopfdruck Medikamente oder Chemikalien herstellen. Doch es ist zum jetzigen Zeitpunkt offen, wann dies der Fall sein wird.Künstliche Zellen als ZivilisationsretterSelbst wenn sich die beschriebenen Fähigkeiten der künstlichen Zelle als wahr herausstellen, so ist fraglich, ob sie das auf öffentliche Aufmerksamkeit fokussierte Vorgehen von Adamala rechtfertigen. Aber sie hat ohnehin ein viel grösseres Projekt im Blick.Die Zellbiologin sagt im Hoover-Interview: «Ich bin überzeugt, dass wir für das Überleben unserer Zivilisation einen besseren Weg brauchen, um Ressourcen zu verteilen, und die Biologie ist die einzige praktikable Lösung. Um die Biologie zu verstehen und routinemässig nutzen zu können, benötigen wir manipulierbare und vollständig kontrollierbare Zellen.» Genau das seien die Spud-Cells.Damit die Kartoffel- und generell synthetische Zellen weiterentwickelt werden können, soll nun die erwähnte Organisation Biotic aktiv werden. Sie soll als internationale Forschungsplattform dienen, deren Teilnehmer Rezepte für künstliche Zellen und ihre Nutzung entwickeln. Die Anleitungen sollen allgemein zugänglich sein. Die Biotic-Gründer sehen ihre Organisation als ähnlich bedeutsam für die synthetische Biologie wie das World Wide Web Consortium für das Internet oder Open AI für KI.Laut «Science» verfügt Biotic derzeit über ein Startkapital von 10 Millionen Dollar. Das ist angesichts der anvisierten Forschungsvorhaben wenig. Zudem soll bereits im September in einer ersten internationalen Konferenz über Projekte entschieden werden.Neben dem Zeitdruck wächst offenbar auch die Angst vor der Konkurrenz. Laut Endy wurde kürzlich die von China dominierte «SynCell Asia Initiative» ins Leben gerufen. Angesichts dieser Gemengelage erstaunt nicht, dass Adamala nach der ersten gescheiterten Publikation international bekannte Zeitungen für eine Werbekampagne eingespannt hat.Passend zum Artikel