Keine Tränen waren zu sehen bei Luka Modric, die überließ er den anderen. Mateo Kovacic etwa, 32 Jahre alt, konnte kaum an sich halten, er kniete auf dem Rasen von Toronto und schluchzte bitterlich. Petar Sucic, 22, wischte sich Tränen aus den Augen, als Modric tröstend an ihn herantrat und seinen Kopf streichelte. Orientiert man sich an Modric, 40, hat Kovacic noch mindestens zwei, Sucic noch mindestens vier Auftritte bei Fußball-Weltmeisterschaften vor sich. Aber es kann ja nicht jeder so lange spielen wie Modric. Also: Wer weiß schon, ob so eine Gelegenheit noch einmal kommt?Es waren besondere Umstände, unter denen sich Kroatien von dieser WM verabschiedete, über den Haaransatz von Igor Matanovic wird gleich noch zu reden sein. Die kroatischen Tränen jedoch, sie flossen auch aufgrund der Umstände, unter denen diese Mannschaft überhaupt beim Turnier angetreten war, zu einem letzten Tanz. Die Überreste der erfolgreichsten Generation in der Fußballgeschichte des kleinen Landes nämlich hatten nur noch dieses eine Turnier in sich. Diesmal wohl wirklich.Zlatko Dalic hat in seiner Rolle als Nationaltrainer seit seinem Amtsantritt 2017 viel Zeit damit verbracht, seinen Kader gegen den Vorwurf der Überalterung zu verteidigen. Bei all den Erfolgen, trotz eines zweiten und eines dritten Platzes bei Weltmeisterschaften, kamen trotzdem nach jeder Niederlage die Kritiker zu Wort. Auch in der Heimat, schon nach dem 2:4 gegen England zum WM-Auftakt: Zu alt, zu langsam, typisch Dalic, er ließe nur seine Lieblinge ran, hieß es. Das Ende einer Ära konnten viele nur herbeisehnen. Und doch herrschte betretenes Schweigen, als er sie am Donnerstag dann wirklich verkündete: „Wir sind am Ende einer langen Ära angekommen“, sagte Dalic.Dieses 1:2 gegen Portugal im Sechzehntelfinale, es wurde ein Ende mit Schrecken, das jede emotionale Reaktion von allen Seiten rechtfertigte. Angefangen mit Dalics und Modrics Kritikern, die die passive erste Halbzeit auf den Plan rief. Und doch mussten sie wieder eingestehen: Diese Kombination aus Mannschaft und Trainer kann alles, außer aufgeben. Das gilt auch, aber längst nicht nur für Modric.Cristiano Ronaldo bekommt bei einem Elfmeter seinen Auftritt – und die Haare von Igor Matanovic entschieden über das Aus KroatiensDass sich die Kroaten in der zweiten Halbzeit neu erfanden, in einer offensiven, mutigen Version, lag auch an den zwei anderen arrivierten Spielern, die in Kroatien „Legionäre“ genannt werden: Kovacic riss das Spiel in der Zentrale an sich. Und Ivan Perisic, 37, brachte Kroatien in Führung. Sein Schuss in der 63. Minute hatte Bedeutung über dieses Sechzehntelfinale hinaus: Perisic ist nun neben Pelé, Uwe Seeler und Miroslav Klose einer von vier Spielern, die bei vier verschiedenen Weltmeisterschaften getroffen haben. Eine noch beeindruckendere Bilanz haben in dieser Kategorie nur Lionel Messi (Tore bei fünf WM-Turnieren) – und ein einziger Spieler, der bei sechs Weltmeisterschaften getroffen hat. Doch genau der war das Problem für Perisic und die Kroaten: Cristiano Ronaldo war von der kroatischen Defensive lange erfolgreich daran gehindert worden, einen Ballkontakt im Strafraum zu haben. Den bekam er erst in der 68. Minute, da traf er per Strafstoß zum 1:1.Es sollte der Auftakt einer dramatischen Schlussphase werden, mit einem wegen Abseits aberkannten Tor für Kroatien, Pfosten- und Lattentreffern auf beiden Seiten. Mit einem 2:1 für Portugal in der vierten Minute der Nachspielzeit, bei dem sich Gonçalo Ramos gegen drei Kroaten im Kopfballduell durchsetzte. Und schließlich mit einer Szene, die über Kroatien hinaus für Debatten sorgt.Er habe „den Ball nur ganz leicht in meinen Haaren gespürt und dann den Schiedsrichter gefragt, was das gewesen sei“, sagte Matanovic: „Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich ihn berührt hatte.“ Justin Setterfield/Getty Images via AFPIn der 13. (!) Minute der Nachspielzeit flog noch einmal eine Flanke von Perisic in den Strafraum, an deren Ende Josko Gvardiol den Ausgleich erzielte. Die kroatische Ekstase über den erneut erbrachten Beweis, nicht aufgeben zu können, wurde allerdings jäh unterbrochen, der Video Assistant Referee (VAR) meldete sich: Auf dem Weg zum Tor hatte der Freiburger Igor Matanovic den Ball berührt, wodurch der Vorlagengeber in der Mitte, Mario Pasalic, im Abseits gestanden hat. Laut Darstellung des Weltverbands Fifa lieferte den Beweis dafür der Chip im Ball, der wohl einen Ausschlag im Nanosekunden-Bereich ermittelte, der grafisch aufgelöst wurde. „Ehrlich gesagt, ich glaube, ich habe den Ball nur ganz leicht in meinen Haaren gespürt und dann den Schiedsrichter gefragt, was das gewesen sei“, sagte Matanovic: „Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich ihn berührt hatte.“Die Haare von Matanovic entschieden also über das Ausscheiden Kroatiens. „Es ist nicht leicht, damit umzugehen“, sagte Dalic, der zwei Fragen bei seiner Pressekonferenz nicht beantworten wollte: Jene, ob er die Entscheidung des VAR am Ende für gerechtfertigt hielt („Wenn ich dazu etwas sage, wird das nur falsch interpretiert“). Und die Frage zu seiner eigenen Zukunft: „Das bereden wir in Kroatien.“Seine Aufmerksamkeit galt bei der Niederlage vielmehr seinen Spielern. „Er verdient das alles, wenigstens für ihn ist heute etwas Gutes passiert“, sagte er über Perisic. „Sie müssen durch Siege und Niederlagen durchgehen, sie müssen diese Lektionen lernen“, sagte er über die vielversprechenden jungen Spieler im Kader. Schließlich widmete Dalic noch Modric einige Worte: „Luka war wieder ein Schlüsselspieler in der zweiten Halbzeit. Ich bin traurig, dass es so geendet ist. Er hat Kroatien angeführt bis zum Ende.“Modric selbst sagte, es sei „jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, darüber zu sprechen, ihr werdet schon bald alles erfahren“. Offiziell bestätigt ist sein Karriereende bislang nicht, weder für sein Land noch auf Vereinsebene. Bei der AC Milan liegt ihm wohl nach wie vor die Option vor, den Vertrag um ein weiteres Jahr zu verlängern. In Toronto jedenfalls blieben die Abschiedstränen aus. Mit einem fatalistischen Grinsen und einer entrüsteten Handbewegung nahm Modric die Entscheidung des VAR entgegen, nach Abpfiff sprach er auf dem Feld mit Ronaldo. Und tröstete die nächste Generation, mit der zusammen er und die anderen Legionäre noch einmal eine herausragende Mischung gebildet hatten. Bei ihrem vermutlich letzten Tanz.
Kroatien bei der WM 2026: Der Chip im Ball beendet den letzten Tanz
Im vermutlich letzten WM-Spiel von Luka Modric wird Kroatiens später Ausgleich gegen Portugal zurückgenommen – wegen einer Berührung von Ball und Haar.















