In der 109. Minute – nicht der Verlängerung, nein, in der 109. Minute der regulären Spielzeit – pfiff der norwegische Schiedsrichter Espen Eskas dieses Spiel ab. Luka Modrić nahm sein Haarband ab und schaute ungläubig. Er war gerade ausgeschieden, mit 40 Jahren werden es seine letzten WM-Minuten gewesen sein, wobei man vor vier Jahren in Katar auch schon gedacht hatte, es seien seine letzten WM-Minuten. Aber Modrić hatte keine Gefühle für Trauer. Er konnte nicht fassen, was er gerade gesehen hatte. Mit seinen 40 Jahren spielte er die vollen 109 Minuten durch – und dann so was. Momente später kam Cristiano Ronaldo zu ihm, um ihn zu umarmen. Die beiden haben bei Real Madrid lange zusammengespielt. Für Ronaldo geht die Reise weiter, Portugal hat dieses Sechzehntelfinale 2:1 gegen Kroatien gewonnen. Aber wie.Erst schien Ronaldo selbst die Geschichte dieser Partie zu werden. Er spielte lange Zeit mal wieder wie sein eigenes Denkmal, stand also oft rum. Dann kam die 68. Minute, ein Elfmeter. Er trat an, so breitbeinig, wie nur er denkt, dass man Elfmeter schießen muss. Er traf, es war sein allererstes Tor in einem WM-K.-o.-Spiel, er tilgte also einen der letzten weißen Flecken auf seiner Fußballlandkarte. Es war das 1:1, nachdem Ivan Perisic auf Vorlage von Josip Stanisic Kroatien in Führung gebracht hatte.Portugal gegen Kroatien im Sechzehntelfinale:Ronaldo oder Modrić – einer fliegt rausDie Fußball-Granden betreten ein letztes Mal gemeinsam die WM-Bühne. Über zwei ehemalige Mitspieler, die sehr unterschiedlich auf ihre Teams wirken – und nicht immer viel füreinander übrig hatten.Dann dachte man, Gonçalo Ramos würde die Geschichte des Spiels werden. Ramos ist der Stürmer, der immer draußen sitzt, weil ja Ronaldo spielen muss. Ramos köpfte in der vierten Minute der Nachspielzeit eine Flanke des starken Rafael Leão zum 2:1 für Portugal ins Netz. Es schien die Entscheidung zu sein, Ronaldo war da längst ausgewechselt.Aber das Schiedsrichterteam hatte zehn Minuten Nachspielzeit angezeigt. Beide Teams, Portugal und Kroatien, hatten zuvor Tore wegen knapper Abseitspositionen aberkannt bekommen. Es war in der zweiten Halbzeit ein wilder Schlagabtausch gewesen, in dem sich beide Torhüter, besonders aber Portugals Diogo Costa auszeichneten.Dann wurde Nachspielzeit auf die Nachspielzeit draufaddiert – und das Drama begannUnd weil Ramos dann in der Nachspielzeit traf, wurde natürlich auch noch Nachspielzeit auf die Nachspielzeit draufaddiert. Und in der 103. Minute schlug Ivan Perišić noch eine letzte Flanke, sie fand den kurz zuvor erst eingewechselten Josko Gvardiol, er traf ins Tor. Jubel. Ekstase. Modrić wurde 20 Jahre jünger.Aber dann meldete sich erneut der VAR. War Gvardiol im Abseits gestanden? Erst schien es, dass der Ball vom Rücken eines Portugiesen zu ihm gelangt sei. Oder war Freiburgs Igor Matanovic noch dran gewesen? Im Ball ist ein Chip, ein 500-Herz-Bewegungssensor. Und der zeigte mit einer Kurve an, dass Matanovic mit seinen Haaren am Ball gewesen sein musste. Das gilt als Berührung durch den eigenen Mitspieler, Gvardiol war damit im Abseits. Das Tor zählte nicht. Ronaldo ballte beide Fäuste, Modrić winkte ab. Eskas pfiff noch mal an, Modrić kam noch mal an den Ball, aber dann war Schluss.Luka Modric und Cristiano Ronaldo nach dem Schlusspfiff. Frank Gunn/The Canadian PressPortugal trifft damit im Achtelfinale auf Spanien. Kroatien, das bei den vergangenen beiden Weltmeisterschaften den zweiten und den dritten Platz belegt hatte (und das mit nur 3,8 Millionen Einwohnern damit die im Verhältnis zur Bevölkerungszahl wohl beste Fußballnation der Welt ist), ist raus. Ronaldo darf damit weiter Rekorde jagen. Seinen heiß ersehnten K.-o.-Runden-Treffer hat er nun, und mit 26 WM-Spielen zieht er an Lothar Matthäus vorbei. Nur seine ewige Nemesis Lionel Messi ist in dieser Kategorie noch vor ihm.Für die Portugiesen war es ohnehin ein besonderes, ein emotionales Spiel. Vor genau einem Jahr war ihr Mannschaftskamerad Diogo Jota bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Bei diesem Turnier sei „jeder Tag schwierig“ für sein Team, sagte zuletzt Trainer Roberto Martinez. „Denn in jedem Training gibt es Momente, in denen Diogo Jota wieder in unseren Erinnerungen ist.“ Aber: „Diogo ist unser Licht. Er wollte die Weltmeisterschaft gewinnen. Und das ist nun gewissermaßen zu einer Verpflichtung und zu einem Vorbild für uns geworden.“Cristiano Ronaldo (M) steht mit seinen Mannschaftskollegen zusammen und hält nach dem Spiel das Trikot von Diogo Jota in Händen. Jota starb bei einem Autounfall vor einem Jahr. Sammy Kogan/The Canadian Press/APortugal begann jedenfalls so, wie es dem Offensivspieler Jota gefallen hätte: dominant und spielbestimmend. Schon in der dritten Minute spielte Nuno Mendes mit einem Steilpass Rafael Leão frei, dessen Hereingabe Bruno Fernandes nicht im Tor unterbrachte. Dominik Livakovic hielt. Beim ersten Ballkontakt von Ronaldo buhte das kroatische Publikum, und es zog die Bekundung des Missfallens auch durch, als Ronaldo in der neunten Minute seine erste Minichance hatte. Er kam aber nicht richtig zum Kopfball.Ronaldos nächster Versuch war einer dieser Freistöße, die er trotz seiner überschaubaren Erfolgsquote immer noch schießen darf. Er knallte den Ball zentral in die Mauer und traf dabei den ehemaligen Dortmunder Marin Pongracic an der Leiste. In der 30. Minute hatte er noch seine bis dahin beste Chance: Nach einem Diagonalpass von João Cancelo rutschte er, vom Münchner Stanisic bewacht, am Ball vorbei.Die zweite Halbzeit ist ein Feuerwerk an ChancenKroatiens Trainer Zlatko Dalic erlaubte sich übrigens bei der Bewachung des eigenen Tores einen eigentlich unerhörten Luxus. Er setzte in Luka Vuskovic und Gvardiol mal eben ungefähr 130 Millionen Euro Abwehr-Marktwert auf die Bank. Das Ziel, kein Tor zuzulassen, klappte zunächst trotzdem, weil Fernandes (33.) und Leão per Direktabnahme in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit erneut gute Chancen ausließen. Portugal war nach 45 Minuten in fast allen Werten überlegen, Kroatien hatte überhaupt nur zwei Abschlüsse.Doch Kroatien kam offensiver aus der Kabine, Mateo Kovacic hatte direkt die mit Abstand beste Chance, seinen Schuss aufs kurze Eck wehrte Costa noch ab. Es folgte in Halbzeit zwei ein Feuerwerk an Chancen, in der 57. Minute zählte Matanovics Tor wegen Abseits nicht, eine Minute später knallte Leão einen Schuss an die Latte, kurz darauf wurde Ronaldo ein Tor wegen Abseits aberkannt. Nach Perisics Führung und Ronaldos Ausgleich per Elfmeter scheiterte der mittlerweile überragende Kovacic zweimal und Matanovic einmal an Portugals Torhüter Costa. Luka Sucic freute sich schon per Babyjubel über das 2:1, aber auch er stand im Abseits. All das war nur die Ouvertüre für die Schlussphase dieser völlig verrückten Partie.
WM 2026: Der Chip im Ball wirft Kroatien aus der WM
Es ist das unglaubliche Ende eines verrückten Spiels: Kroatien gelingt in der 103. Minute scheinbar der Ausgleich gegen Portugal – aber ein Freiburger touchiert den Ball mit den Haaren.













