Es wird Nacht sein in Europa. Und in Kroatien und Portugal werden sie sich dieselbe Frage stellen. Spätestens wenn in Toronto, Kanada, das Spiel beginnt: Für wen da wohl die Stunde schlagen wird. Für Cristiano Ronaldo, 41, der auf Madeira geboren wurde? Oder doch für Luka Modrić, 40, der in Zadar das Licht der Welt erblickte? Einer der beiden wird ein Opfer des Mata-mata werden, wie in Portugal die K.-o.-Runden genannt werden, seit der ehemalige Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari davon sprach, es gehe darum, zu töten oder getötet zu werden. Die Formulierung wird nicht vielen im Hals stecken bleiben.Andererseits: In den K.-o.-Phasen einer Weltmeisterschaft scheint unweigerlich ein Ende am Horizont auf, nicht nur für Profis jenseits der 40. Modrić wurde dieser Tage nachdenklich, als er über den Faktor Zeit sprach, und er klang realistisch: „Ich weiß, dass ich ein gewisses Alter erreicht habe und das Ende meiner Karriere nahe ist“, sagte er. „Ich versuche, alles zu genießen, auch wenn es nicht einfach ist, schon gar nicht in der Nationalelf. Denn da ist der Druck enorm.“Deutschlands WM-Aus:Elfmeterschießen können wir jetzt also auch nicht mehrDeutschland, ehemaliger Exportweltmeister, ehemaliger Automobilriese, wird jetzt auch im Weltfußball rausgekickt. Aus im Sechzehntelfinale, im Elfmeterschießen, gegen Paraguay. Ein Trauerspiel.Ronaldo hat derlei auch schon erzählt. Aber muss man dies in seinem Fall für bare Münze nehmen? Oder war er doch aufrichtiger, als er vor einem Jahr sagte, er könne noch zehn weitere Jahre spielen? Damals hatte ihm ein Werbepartner das biologische Alter eines 29-Jährigen bescheinigt. So oder so: Er wird nicht ruhen, bis er die Schwelle der tausend Tore überschritten hat. Zurzeit ist er nur noch 25 Treffer entfernt.Modrić und Ronaldo kennen einander bestens. Unter anderem aus insgesamt zehn Duellen auf Klub- und Nationalmannschaftsebene, von denen Ronaldo neun gewann, eine Partie ging Unentschieden aus. Vor allem aber kennen sie sich, weil sie von 2013 bis 2018 zusammen bei Real Madrid spielten – und dabei auf 222 gemeinsame Partien kamen.„Da bist du ja endlich!“, habe die Begrüßung gelautet, mit der Ronaldo den Kroaten empfing, als dieser nach einem langen Transfer-Hickhack von Tottenham Hotspur in die spanische Hauptstadt gewechselt war. So jedenfalls steht es in Modrićs „erster und einziger Autobiografie“, wie die Buchbeschreibung lautete, als „Mi partido“ im Jahr 2020 erschien.Auf Händen getragen: Beim WM-Gruppenspiel gegen Panama erlebt Luka Modric vor wenigen Tagen sein 200. Spiel für die kroatische Fußball-Nationalmannschaft. Michael Reaves/Getty/ AFPDass Ronaldo und Modrić füreinander viel übrig gehabt hätten, musste man aus der Lektüre seinerzeit nicht schließen. Einerseits, weil der Name Ronaldo hauptsächlich deshalb 59 Mal auf etwa 300 Seiten auftauchte, weil der echte Ronaldo, der Brasilianer Ronaldo Nazário de Lima, einst das große Idol des kleinen Luka gewesen war. Andererseits, weil Modrić einigermaßen genüsslich schilderte, wie Cristiano Ronaldo von Trainer José Mourinho in der Kabine fast zum Weinen gebracht wurde. Und weil Ronaldo sich ein paar Dinge leistete, die Modrić offenkundig verwunderten – auch wenn sie einander längst Blumen zuwerfen. „Es war eine Ehre, so viele Momente mit dir geteilt zu haben“, teilte Ronaldo mit, als Modrić 2025 Real Madrid gen Italien verließ.Die Irritationen, die damit wohl aus der Welt waren, traten zutage, als Modrić auf dem Höhepunkt seines Schaffens war: im Jahr 2018. Modrić hatte damals Kroatien bei der WM in Russland ins Finale gegen Frankreich geführt, sein Team unterlag den Franzosen 2:4. Wer Modrićs WM-Leistung und seine Saison bei Real Madrid addierte, die unter anderem vom dritten Champions-League-Sieg in Serie geprägt war, konnte zum Schluss kommen, der Kroate sei der Spieler der Saison gewesen. Es sei denn, er hieß Cristiano Ronaldo.Modrić brach damals tatsächlich die seinerzeit eine Dekade währende Vorherrschaft zweier Spieler – und räumte die individuellen Preise ab, die zuvor Ronaldo (damals noch Real Madrid) und Lionel Messi (FC Barcelona) gehört hatten.Ronaldo ist der einzige Fußballer, der bei sechs Weltmeisterschaften ins Tor traf – allerdings nie in einer K.-o.-RundeDer Weltverband Fifa verlieh ihm den Preis mit dem etwas plumpen Titel „The Best“; das Magazin France Football überreichte ihm als erstem Kroaten den Ballon d’Or. Bei den Preisverleihungen fehlten der gekränkte Ronaldo, ebenso Messi – wobei der Argentinier, im Gegensatz zu Ronaldo, nicht unter den drei Bestplatzierten war. Es wäre schon angebracht gewesen, befand Modrić, dass Messi und Ronaldo erschienen wären – allein aus Respekt vor den Juroren, die so oft für die beiden gestimmt hatten. Doch so wie Modrić anerkannte, dass Messi für ihn, Modrić, gestimmt hatte, wusste er auch zu würdigen, dass Ronaldo, immerhin, gratuliert habe.Das war wohl auch das Mindeste – die Silbermedaille, die Modrić nach dem WM-Finale 2018 in Moskau um den Hals gehängt bekam, war (wie die Bronzemedaille von 2022 in Katar) mehr als das, was Ronaldo bei Weltmeisterschaften zuwege gebracht hat. Er steht sogar hinter dem legendären Stürmer Eusébio zurück, der Portugals Auswahl bei der WM 1966 in England zum dritten Platz schoss.Ronaldos bestes Ergebnis hingegen war ein vierter Platz bei seiner Debüt-WM, 2006 in Deutschland. Eusébio erzielte 1966 neun Tore. Um ihn zu übertreffen, benötigte Ronaldo sechs WM-Turniere, 25 WM-Spiele – sowie zugedrückte Augen der Justiz des Fußballweltverbandes Fifa. Denn im November 2025 wurde eine Dreispiele-Sperre für eine Tätlichkeit teilweise zur Bewährung ausgesetzt. Ronaldo konnte deshalb in der Gruppenphase der WM antreten.Das verhalf ihm zu einem Rekord: Er ist der einzige Fußballer, der in sechs verschiedenen WM-Turnieren mindestens ein Tor erzielt hat. Wem jetzt der Mund offensteht, sollte bedenken, dass Ronaldo es bis dato nie bewerkstelligt hat, in einer K.-o.-Runde einen Treffer beizusteuern – also dann, wenn es darauf ankommt. Seine zehn WM-Tore erzielte er gegen Iran (2006, per Elfmeter), gegen Nordkorea, gegen Ghana (2014/2022), gegen Spanien und Marokko (beide 2018) – sowie nun bei der WM 2026 gegen Usbekistan.„Es war eine Ehre“: Bei Real Madrid spielten Cristiano Ronaldo und Luka Modric von 2013 bis 2018 Seite an Seite in 222 Partien. Fernando Alvarado/dpaDie Gegner waren, mit Ausnahme von Spanien, nicht unbedingt die erste Gilde; und Spanien wirkte 2018 durch einen überraschenden Trainerwechsel unmittelbar vor dem WM-Auftakt komplett überfordert. In 18 von bislang 25 WM-Spielen traf Ronaldo gar nicht. Gegen zumindest ehemals große Mannschaften wie Deutschland, Brasilien, England oder Frankreich ging er bei Weltmeisterschaften leer aus.Modrić wiederum hat – als Mittelfeldspieler – zwei WM-Tore vorzuweisen, beide aus dem Turnier in Russland 2018, gegen Nigeria und Argentinien. Auch jetzt wird er von seinen Mitspielern und den kroatischen Medien für unverzichtbar gehalten. „Er spielt, als wäre er 20 Jahre alt. Er war unglaublich“, sagte Kroatiens Mittelfeldspieler Petar Sucic, 22, nach dem 2:1 im Gruppenspiel gegen Ghana: „Er ist unser Anführer und unser bester Spieler. Er kann spielen, solange er will. Er bleibt gut.“So ähnlich äußert sich auch Portugals Nationaltrainer Roberto Martínez, wenn er auf Ronaldo angesprochen wird. Er hält ihn nicht nur für unersetzlich, er handelt auch danach. Im Gegensatz zum Argentinier Lionel Messi, dem Norweger Erling Haaland und dem Franzosen Kylian Mbappé hat Ronaldo sämtliche Minuten gespielt, die Portugal bei dieser WM auf dem Platz stand – inklusive Nachspielzeit kommt der 41-Jährige damit locker auf 300 Minuten Spielzeit.Martínez sagt, Ronaldos Unersetzbarkeit gehorche der Notwendigkeit, über einen Spieler zu verfügen, „der für die letzte Bewegung Räume öffnet, und Cristiano ist nicht nur dafür der Beste, sondern auch für Abschlüsse. Er ist das letzte Teil unseres Spielmodells“. Doch in Portugal hält sich die Debatte, ob Ronaldo nicht vielleicht doch auf die Bank sollte – um im Turnier zu bleiben.
Portugal gegen Kroatien bei der WM: Ein letzter Tango für Modric und Ronaldo
Das Schicksal führt sie noch einmal zusammen: Luka Modrić, 41, Kroatiens überragenden Regisseur, und Cristiano Ronaldo, 40, Portugals Rekordtorjäger. Einst spielten sie gemeinsam in Madrid – jetzt geht es darum, den jeweils anderen aus dem Turnier zu kicken.











