Merkel hat’s geahnt, ach was, gewusst! Es war doch kein Zufall, dass sie Jahre nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt ihr Porträt ausgerechnet am Tag nach der WM-Blamage unserer Kicker enthüllen ließ. Und dass die gemalte Mutti so sorgenvoll schaut. Unsere ehemalige Kanzlerin versteht ja was von Fußball.Im Fall des amtierenden Kanzlers ist die Nation sich da nicht mehr so sicher. Zweifel rief der Social-Media-Post hervor, mit dem Merz der Mannschaft zu einem tollen Spiel gratulierte. Wir dachten zunächst: Zu einer solchen Halluzination kann nur KI fähig sein. Inzwischen wissen wir aber, dass menschliches Versagen dafür verantwortlich ist.Das Kanzleramt hatte verschiedene Texte für mögliche Verläufe und Ausgänge des Spiels vorbereitet – offensichtlich hatte man in Berlin sogar einen Sieg über Paraguay für möglich gehalten. Irgendein Unglücksrabe feuerte dann am frühen Morgen den falschen Tweet ab und ließ damit den Kanzler als Fußballidioten erscheinen, was kaum verhüllte Rücktrittsforderungen der Boulevardpresse zur Folge hatte.Der Kanzler war nicht der Fußball-DeppDas Kanzleramt hätte natürlich auch gleich richtigstellen können, dass nicht der Kanzler der Depp war. Merz aber entschied sich jedoch offenkundig, einen Teil des Spotts, der sich auf die Mannschaft ergoss, auf sich zu ziehen wie der sagenhafte Arnold Winkelried die Speere der Habsburger. Männer mit dem Adler auf der Brust verdienten Rückhalt, nicht Spott, tönte es aus dem Kanzleramt. Bravo, das war der richtige Knopf! Der Adler kommt uns freilich eher vor wie ein gerupftes Huhn.Zum Glück können diesmal wenigstens nicht die Italiener über uns lästern. Und auch die Holländer müssen die Klappe halten. Wir erinnern uns noch gut beziehungsweise schlecht an die Heim-Europameisterschaft von 1988, nach der wir auf vielen Wohnwägen, die bis heute kostenlos über unsere Autobahnen rollen, lesen mussten: „Der Europameister grüßt die Deutschen!“ Jetzt aber hat auch die Elftal am Elfmeterpunkt jämmerlich versagt.Ja, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Doch wir werden nicht müde, es zu wiederholen: Kein Schaden, der nicht auch einen Nutzen hat, das gilt selbst für das neuerliche frühe Ausscheiden. Die Kicker können jetzt, statt in Amerika zu schwitzen, auf einer Luxusyacht den Sommer genießen; wenigstens ihren Gespielinnen sollten sie körperlich ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen sein.Das Gute: Uns bleibt die Demütigung durch Frankreich erspartDen Spielern und uns allen bleibt im Achtelfinale die Demütigung durch Frankreich erspart, die es so sicher gegeben hätte wie 1918, auch wenn Nagelsmann die Mannschaft ausschließlich auf dieses Duell vorbereitet haben soll. Und der Kanzler und seine Minister können die Nächte für Sinnvolleres nutzen, als vor der Glotze zu hängen. Sie können zum Beispiel weiter für den großen Sprung nach vorn trainieren, den der Kanzler uns versprochen hat. Der sollte ja keinesfalls so enden wie das gleichnamige Reformprojekt von Mao Zedong.Dafür haben Union und SPD nun einen Nichtangriffspakt geschlossen wie Deutschland und Österreich in Gijón. Nur ganz selten gibt es noch ein kleineres Foul, aber dann halten die Koalitionspolitiker sich an den Rat Oliver Kahns, putzen sich den Mund ab und machen weiter.Bärbel Bas hat eine bemerkenswerte MethodeBärbel Bas hat eine noch bemerkenswertere Methode, unerfreuliche Erlebnisse abzuhaken. Sie berichtet diese der Jacke ihres verstorbenen Mannes: „Dann erzähl ich das halt der Jacke kurz, wie der Tag so war, wer mich wieder irgendwie blöd behandelt hat, und dann ist das weg.“Diese Selbsttherapie könnten die beiden jetzt als besonders blöd Behandelten doch auch einmal ausprobieren, Nagelsmann mit der Mütze Helmut Schöns und Merz mit der Strickjacke Helmut Kohls. Letzterer hielt 1994 den damaligen Bundestrainer Berti Vogts vom Rücktritt ab. Von einem Telefonat zwischen Merz und Nagelsmann weiß man noch nichts. So wie der Bundestrainer drauf ist, wäre es aber durchaus möglich, dass er den Bundeskanzler anruft und ihm zuredet, trotz aller Kritik im Amt zu bleiben.
Friedrich Merz und der falsche Tweet nach dem WM-Aus
Wer am Elfmeterpunkt versagt oder den falschen Post zu einem Spiel absetzt, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Aber wenigstens können die Holländer sich nicht über uns lustig machen.











