Berlin. Alice Weidel steht am Rednerpult des Bundestags. Die Haare wie immer streng zurückgebunden, blauer Blazer, weiße Bluse, knielanger Rock. Mit ernster Miene blickt sie in den Plenarsaal. Als Vorsitzende der zweitstärksten Kraft im Bundestag hat Weidel an diesem Donnerstag im Juni als Erste das Wort nach der Regierungserklärung von Kanzler Friedrich Merz (CDU).Merz hat gerade über die Lage in der Ukraine gesprochen, über den Nahen Osten, auch die Innenpolitik, die geplanten Reformen. Jetzt also Weidel. Mit scharfen Worten geht die AfD-Fraktionschefin den Kanzler an und tituliert dessen Rede als „Abgesang eines Gescheiterten“. Deutschland erlebe einen „Insolvenz-Tsunami“, der Exodus der Industrie ins Ausland grenze an eine „Massenflucht“, die Migrationspolitik sei gescheitert. Kaum eine Rede Weidels kommt ohne solche Zuspitzungen aus.Ihre Rolle als Oppositionsführerin hat die 47-Jährige perfektioniert. Gleichzeitig erreichen Weidel und ihre Partei Umfragewerte, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar schienen. Die AfD liegt deutlich vor der Union, und Weidel zählt in einzelnen Rankings inzwischen zu den beliebtesten Persönlichkeiten des Landes.Für Weidel könnte es nicht besser laufen. Am 4. und 5. Juli findet in Erfurt der Bundesparteitag statt, auf dem die Partei ihren Vorstand neu wählt. Zusammen mit Tino Chrupalla führt Weidel die Partei. Als Doppelspitze gelten beide als gesetzt. Die Partei hofft aber vor allem auf Weidel, wenn es um eine spätere Regierungsbeteiligung geht. Wie kam es dazu?