Reputationsschaden für die gesamte Hochschule: Die Universität Zürich tadelt früheren «Star-Forscher» – und entlastet ihnEine mehrjährige Untersuchung zeigt: Von den schweren Vorwürfen gegen Adriano Aguzzi wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens ist wenig übriggeblieben.03.07.2026, 05.11 Uhr4 Leseminuten«Ich hätte disziplinierter sein sollen»: Adriano Aguzzi, emeritierter Professor der Universität Zürich.Christoph Ruckstuhl / NZZAdriano Aguzzi kann aufatmen. Die Universität Zürich ist in einem mehrjährigen Verfahren zum Schluss gekommen, dass sich der frühere Direktor des Instituts für Neuropathologie des Universitätsspitals keines wissenschaftlichen Fehlverhaltens schuldig gemacht hat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aguzzi war Anfang 2024 unter Druck geraten, als ihn ein Journalist des Wissenschaftsmagazins «Science» mit entsprechenden Vorwürfen zu mehreren Publikationen konfrontiert hatte, die in der Forschungsgruppe des Professors entstanden waren.Einen Tag nach der Anfrage des Journalisten informierte Aguzzi den Rektor der Universität und weitere Stellen der Hochschule über die Anschuldigungen. Danach leitete die Universität eine Untersuchung ein. Deren Ergebnisse liegen nun vor, wie die Hochschule am Donnerstag mitteilte.Die Öffentlichkeit hatte im Herbst 2024 von dem Fall erfahren. «Falsche Mäusegehirne bringen Star-Forscher in Bedrängnis», titelte der «Sonntags-Blick» damals nach einer eingehenden Recherche. Die NZZ berichtete ebenfalls über die Fälschungsvorwürfe und stellte die Frage in den Raum: «Hat der Institutsleiter Adriano Aguzzi weggesehen?»Die Sache mit den MäusenDer Schlussbericht des Integritätsbeauftragten der Universität zeichnet ein detailliertes Bild der Causa. Beanstandungen wegen mutmasslicher Verletzungen wissenschaftlicher Prinzipien in Aguzzis Forschungsgruppe hatte es bereits vor sieben Jahren gegeben. Der Neuropathologe war damals von der Universitätsleitung schriftlich ermahnt worden, «Manuskripte vor der Publikation sorgfältiger zu prüfen (v. a. die Darstellung von Daten und Analysen).»Die Klammerbemerkung sollte sich als bedeutsam erweisen. Im Zentrum der vom «Sonntags-Blick» beschriebenen Anschuldigungen gegen Aguzzi steht ein Paper, das ein früherer Mitarbeiter des Zürcher Professors 2013 publiziert hatte. Das Problem: Der junge Wissenschafter hatte Mikroskopaufnahmen von Mäusehirnen aus früheren Studien wiederverwendet, um eigene Forschungsergebnisse vorzutäuschen. Derselbe Forscher aus Aguzzis Team musste sich den Vorwurf gefallen lassen, Datensätze einer Maus manipuliert und als Bilder von zwei verschiedenen Tieren ausgegeben zu haben.Eine angeregte Debatte darüber lässt sich bis heute in der Kommentarspalte der Plattform «Pubpeer» nachverfolgen, die bereits vor Jahren auf Ungereimtheiten in jener Studie hingewiesen hatte.Der Schlussbericht der Universität nimmt zu diesem «corpus delicti» lediglich in verklausulierter Form Stellung. Doch bei aufmerksamer Lektüre wird klar, dass dem früheren Institutsleiter vor allem diese eine Publikation angekreidet wird – wenn auch in milder Form.Wörtlich heisst es in dem Dokument: «Die meisten Fehler bestehen in der ‹Bebilderung› der Publikationen, indem Bilder unrichtig dem Versuch zugeordnet wurden; Abbildungen wurden nicht sauber verarbeitet oder in unzulässiger und unsachgemässer Weise verändert.» Oft seien nur einzelne Bilder aus einem Datensatz betroffen. «In zwei Fällen wurden Bilder verwendet, die in einem anderen, älteren Versuch gemacht worden waren.» All dies liege auf einer Detailebene, die «bei einer Durchsicht mit dem blossen Auge» nicht auffalle.Gleichwohl bleibt festzuhalten: Die inkriminierte Studie wurde zunächst korrigiert, bevor sie im Juli 2024 – nach der Anfrage von «Science», aber vor dem Artikel im «Sonntags-Blick» – zurückgezogen wurde. Der Bericht der Universität hält unmissverständlich fest, dass Aguzzi auch für diese Publikation eine Mitverantwortung trage. Obwohl er lediglich als «last author», also als letzter Name in der Autorenzeile aufgeführt sei.Weiter stellt die Untersuchung der Hochschule fest: Das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Publikationen von Aguzzis Arbeitsgruppe sei insgesamt beschädigt worden. «Damit dürfte auch der Ruf der Universität beeinträchtigt sein.» In erster Linie aber treffe der Reputationsschaden den früheren Professor selbst.«Tiefe Depression» in der ForschungsgruppeÜberprüft wurden 36 wissenschaftliche Publikationen, an denen Adriano Aguzzi beteiligt war. Dies in einem Zeitraum von 28 Jahren bis 2023. «Wissenschaftlich relevante Fehler» seien neben der erwähnten Mäuse-Studie in sechs weiteren Forschungsbeiträgen der Forschungsgruppe des italienisch-schweizerischen Doppelbürgers festgestellt worden.Bei über 600 Publikationen aus seinem Labor, wie Aguzzi in einer Stellungnahme schreibt, erscheinen 7 nachweislich fehlerhafte Studien als wenig. Der 65-Jährige wählt dennoch deutliche Worte: «Das Fälschen von Ergebnissen ist ein Verrat an all dem, was Wissenschaft ist.» Sein Team habe eine «tiefe Depression» erlebt, nachdem das Werk dieses einen Postdocs aufgeflogen sei.Alles in allem dürfte der mittlerweile pensionierte Forscher indes zufrieden sein mit dem Ergebnis der Untersuchung. Von den schwerwiegendsten Vorwürfen überhaupt – Vorsatz und Fahrlässigkeit – spricht ihn der Bericht der Hochschule frei. Anhaltspunkte für ein vorsätzliches Verhalten des emeritierten Professors gebe es keine.Auch fehlten Hinweise darauf, dass Aguzzi Studien seiner Mitarbeitenden einfach durchgewinkt habe. Im Gegenteil: Er habe sich kritisch mit den Vorwürfen auseinandergesetzt, fragliche Experimente wiederholen lassen und sein Team vor übertriebenen Darstellungen in Forschungsbeiträgen gewarnt. Das zumindest zeigten Kommentare, mit denen der Professor eine werdende Publikation aus seiner Forschungsgruppe versehen habe. Die zitierten Anmerkungen Aguzzis lauten beispielsweise: «Something is wrong here.» / «If we leave it like that, they will shoot us down.» / «If we say something like this, we must do a million additional experiments to prove it – maybe we should.»Heisssporn im LaborDie Untersuchung der Universität Zürich ging auch der Frage nach, ob der beschuldigte Professor eine Arbeitskultur befördert habe, die zwangsläufig zu Fehlern, Unsauberkeiten oder gar Manipulationen führen müsse. Taugt Aguzzi als Vorbild – für gute wissenschaftliche Praxis?Mehrere der hierfür interviewten Personen beschreiben den früheren Institutsleiter als integren Forscher, der hohe Standards habe und dies seinen Mitarbeitenden auch vorlebe. Unter Druck, gewünschte Forschungsresultate zu liefern, fühlte sich niemand der Befragten – zumindest nicht von Aguzzi persönlich. Wenn schon, gebe es diesen Druck in der Forschung insgesamt. Aber ja: Aguzzi – ein leidenschaftlicher Wissenschafter – könne emotional und gelegentlich aufbrausend sein.Das sieht der Neuropathologe selber so: «Ich war kein perfekter Institutsdirektor», schreibt Aguzzi. Er bedauere, dass manche seiner Äusserungen in sozialen Netzwerken unbedacht gewesen seien. «Rückblickend hätte ich disziplinierter sein sollen.»Die Universitätsleitung lässt ausrichten, dass sich der nunmehr Entlastete der Aufarbeitung der fehlerhaften Befunde seines früheren Teams weiterhin mit der gebotenen Sorgfalt zu widmen habe. Das Verfahren gegen Adriano Aguzzi indes werde eingestellt.Passend zum Artikel
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Eine mehrjährige Untersuchung zeigt: Von den schweren Vorwürfen gegen Adriano Aguzzi wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens ist wenig übriggeblieben.






