Wladimir der Grosse? Mit dem Ukraine-Krieg hat Putin den Traum von der russischen Weltmacht ruiniert. Die Pfeiler seiner Macht sind allesamt geschwächt.Ulrich Speck03.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenPutin – hier in Moskau im Juni – will Russland zu alter Grösse als Weltmacht verhelfen. Er ist gescheitert.Yuri Kochetkov / Sputnik via ReutersViele westliche Beobachter sind schon vor Jahren zu dem Schluss gekommen, dass sich Putin in der vorrevolutionären Tradition der russischen Zaren sehe. Zwei Zaren sind im historischen Gedächtnis der Russen besonders verankert. Und beide sind geradezu eine Vorlage für das Putin-Regime.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Peter der Grosse regierte von 1672 bis 1725 und war der erste Kaiser des Russischen Reichs. Er gilt als Begründer des modernen Russland, er schuf eine schlagkräftige Armee und eroberte den Zugang zur Ostsee.Seine Nachfolgerin Katharina wurde ebenfalls als die Grosse bezeichnet. Sie dehnte das russische Imperium nach Westen und Süden aus und machte es zu einer der führenden europäischen Grossmächte. Sie drängte das Osmanische Reich zurück, annektierte die Krim und verschaffte Russland Zugang zum Schwarzen Meer. Gemeinsam mit Österreich und Preussen teilte Katharina Polen auf, wodurch grosse Teile der Ukraine, Weissrusslands und Litauens an Russland fielen.Putins Ambition besteht offenbar darin, sich in diese Tradition einzureihen. Wie Peter hat er den russischen Staat neu aufgebaut nach den Wirren der 1990er Jahre als ein auf ihn selbst zugeschnittenes autoritäres System. Wie Peter und Katharina hat er massiv in die Streitkräfte investiert und setzt auf die imperiale Expansion mit militärischen Mitteln.Doch mit dem Grossangriff auf die Ukraine im Februar 2022 hat sich Putin übernommen. Dass er als Wladimir der Grosse in die Geschichte eingeht, ist unwahrscheinlich.Die Macht, die Putin in Russland aufgebaut hatte, reicht nicht aus, um seine Ziele zu erreichen. Putin ist in vier Bereichen weitgehend gescheitert.MilitärmachtRusslands Anspruch, in der globalen Oberliga mitzuspielen, beruht vor allem auf militärischer Macht. Von der Sowjetunion hat Russland eine fähige Rüstungsindustrie geerbt. Bis heute exportiert Russland militärische Güter und hat in manchen Bereichen ein international konkurrenzfähiges Niveau.Putin hat kontinuierlich in die Streitkräfte investiert, eine massive Steigerung der Investitionen folgte ab 2010, und seit 2022 hat Russland eine Kriegswirtschaft. Rund 40 Prozent der staatlichen Ausgaben fliessen mittlerweile in den Bereich Sicherheit.Auch bei den Nuklearwaffen profitiert Russland vom sowjetischen Erbe. Nuklearwaffen sind der einzige Bereich, in dem Russland Parität mit den USA beanspruchen kann.Angesichts russischer militärischer Stärke und ukrainischer Schwäche hat kaum ein westlicher Beobachter damit gerechnet, dass die Ukraine einem russischen Angriffskrieg standhalten könnte. Die frühere deutsche Kanzlerin Angela Merkel sprach stets von einer russischen «Eskalationsdominanz». Die von der Ukraine nach 2014 erbetene Hilfe beim Aufbau ukrainischer Streitkräfte lehnte sie als hoffnungslos ab.Und doch erweist sich die russische Militärmacht als unfähig, die Ukraine einzunehmen. Die Verbindung aus ukrainischer Selbstbehauptung und westlicher Unterstützung schiebt der russischen Expansion einen Riegel vor. Auch die russischen Nuklearwaffen helfen dabei nur wenig. Die Angst vor ihnen hat eine Zeitlang die westliche Unterstützung eingeschränkt. Doch nukleare Drohungen werden bei inflationärem Gebrauch zur stumpfen Waffe.Wirtschaftliche MachtPutin hat das postsowjetische Russland auf dem Energiesektor aufgebaut – auf den enormen Reserven an Öl und Gas in den eurasischen Weiten Russlands. Dazu brauchte er allerdings den Westen. Zuerst als Partner für die Erschliessung, dann als langfristigen Partner bei der Abnahme der russischen Energie zu guten Preisen.Der Fokus auf den Energiesektor hatte für Putin mehrere Vorteile. Zum einen liess er sich vom Staat leicht lenken und kontrollieren, nachdem die Oligarchen der 1990er Jahre entmachtet worden waren. Zum anderen führte er zu enormen Einnahmen, die direkt an den Staat gingen. Damit entfiel zugleich die Notwendigkeit, eine liberale Marktwirtschaft aufzubauen, die Freiheitsräume ebenso erfordert wie stabile rechtsstaatliche Regeln. Und bei der wirtschaftliche Eliten entstehen, die Mitsprache in der Politik einfordern.Doch der Angriffskrieg gegen die Ukraine störte das Geschäftsmodell. Europa sah im Angriff auf die Ukraine auch einen Angriff auf die europäische Friedensordnung. Es brach die Beziehungen zu Russland ab und sieht das Land nun als Gegner. Damit fiel der wichtigste Kunde für russische Energielieferungen weg.Eine Wiederherstellung der für Russland so vorteilhaften Geschäftsbeziehung ist nicht in Sicht. Exporte nach China und Indien können diese Lücke kaum kompensieren. Jedenfalls nicht zu den Konditionen, die Russland von Europa erhielt. Die materielle Grundlage des Putin-Regimes ist jetzt prekär.Soft PowerLange Zeit hat Russland gehofft, durch eigene Strahlkraft wieder Einfluss in der Nachbarschaft zu bekommen. Tatsächlich blieb Russisch als Sprache im postsowjetischen Raum lange Zeit wichtig. Der Boom Moskaus zog viele Wanderarbeiter an, insbesondere aus Zentralasien.Zugleich lancierte Putin sein eigenes regionales Integrationsprojekt, angelehnt an das Modell der Europäischen Union. Die Eurasische Wirtschaftsunion sollte die russische Führung in der Region sichern und damit ein attraktives Gegengewicht gegenüber dem amerikanischen, dem europäischen und dem chinesischen Einfluss bilden.Russland profitiert auch weiterhin vom weltweiten Ruf der Sowjetunion, als Gegenpol Amerikas aufseiten der Unterdrückten zu stehen. Bis heute gilt Russland in Teilen Afrikas noch als «antiimperialistisch», als Partner der afrikanischen Emanzipation vom Westen.Der Grossangriff auf die Ukraine hat jedoch auch die Soft Power Russlands geschwächt. Anfangs konnte man aus Moskau noch hören, Russland tue sich jetzt mit der «globalen Mehrheit» zusammen, die gegen den Westen aufstehe. Doch die Realität des brutalen Angriffskriegs gegen die Ukraine unterläuft dieses Narrativ.PartnerschaftenEs wird immer deutlicher, dass Moskau einen imperialen Krieg gegen die staatliche Souveränität der Ukraine führt. Einen solchen Krieg will kein anderes postsowjetisches Land erleiden müssen. Zugleich droht Russland zunehmend diesen Krieg zu verlieren.Beide Faktoren führen dazu, dass Russland weniger gefürchtet wird. Im Südkaukasus hat Russland an Macht verloren, Armenien und Aserbaidschan haben sich von Moskau unabhängig gemacht. Die zentralasiatischen Herrscher blicken verstärkt nach Washington, um nicht von Russland und China in die Zange genommen zu werden. Selbst der Alleinherrscher in Weissrussland, Alexander Lukaschenko, der Russland weitgehend ausgeliefert ist, wird zunehmend nervös und sucht nach Alternativen.Am problematischsten aber ist für Russland die Partnerschaft mit China. Zwar braucht auch China Russland, um seinen antiwestlichen Kurs erfolgreich zu verfolgen. Zugleich rutscht Russland immer mehr in die Rolle eines schwächer werdenden Juniorpartners.Das ist das Gegenteil dessen, was Putin erreichen will. Für Putin gibt es nur wenige echte Weltmächte, also Länder, die vollständig souverän sind: die USA, China und eben Russland. Die wachsende wirtschaftliche und technologische Abhängigkeit von China ist Gift für diese Vision.Der Ukraine-Krieg ist ein WendepunktTrump war wohl Putins letzte Chance, den Angriffskrieg gegen die Ukraine in einen strategischen Sieg zu verwandeln. Der amerikanische Präsident sollte die Ukraine in Verhandlungen zu Konzessionen zwingen, die Russlands Macht und Einfluss in der Ukraine erheblich gestärkt hätten.Doch dazu kam es nicht. Trump flirtete zwar mit einem solchen Deal, wurde aber davon zurückgehalten: von Teilen seiner Regierung, vom US-Kongress, von der ukrainischen Gegenwehr und dem europäischen Einspruch.Weder hat Putin es geschafft, die USA auf seine Seite zu ziehen, noch ist es ihm gelungen, Europa von der Hilfe für die Ukraine abzuschrecken. Auf dem Schlachtfeld aber kann Russland den Krieg nicht gewinnen, solange die Ukraine erfolgreich kämpft und sie auf westliche Hilfe zählen kann.Dass Putin einen Deal abschliesst, bei dem er auf die Kontrolle der Ukraine endgültig verzichtet, ist nicht zu erwarten. Er wird vermutlich weiterhin auf Zeit spielen und darauf hoffen, dass die westliche Unterstützung irgendwann endet.Doch das bedeutet auch, dass die Faktoren, die Russlands Grösse erodieren lassen, weiter wirken werden. Von der Vision der Grossmacht Russland, die Putin den Russen wieder schmackhaft gemacht hat, wird nicht viel übrig bleiben.Das heisst jedoch nicht, dass Russland weniger gefährlich wird. Niedergehende Imperien haben eine Neigung zum Krieg, um den Lauf der Geschichte aufzuhalten. Frankreich, Grossbritannien oder die Niederlande können davon berichten.Passend zum Artikel