GastkommentarAndrew ChakhoyanDer Herrscher im Kreml ist der Drahtzieher, aber auch die Marionette des innerlich hohlen Systems RusslandWenn jemand ein Ende des Ukraine-Krieges herbeiführen könnte, dann ist dies Wladimir Putin. Nachdem der grosse Sieg zerronnen ist, könnte er leicht einen kleinen Sieg erklären. Aber Putin ist Teil eines Landes, das mangels Idee notorisch Gewalt gegen aussen üben muss.04.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenNur wenige Persönlichkeiten des Mittelalters spielen in der Entstehungsgeschichte Russlands eine bedeutendere Rolle als Juri Dolgoruki, der Fürst, dem die Gründung eines Aussenpostens am Ufer der Moskwa zugeschrieben wird, aus welchem schliesslich das russische Reich hervorging.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch der Mann, den man in Moskau als Gründerfigur beansprucht, ist nicht in Russland, sondern in Kiew begraben. Dolgorukis Ziel war es, die Kiewer Rus von ihrem wahren Zentrum aus zu regieren – der Name mag darauf hindeuten. Er starb dort 1157 als Grossfürst und wurde im Kiewer Höhlenkloster beigesetzt, jenem Kloster, das Russland am 15. Juni angriff und in Brand setzte. Nach wochenlangen Schlägen gegen Schulen, Wohnblöcke und Supermärkte war nun eine Unesco-Welterbestätte an der Reihe.Ein Land ohne nationale IdeeDie Barbarei dieses Angriffs verdeutlicht den Widerspruch, in dem Russlands Krieg verwurzelt ist. Putin behauptet immer wieder, dass die Ukraine «nicht existiert» und sie «kein echtes Land» sei, doch Moskaus eigene Historie führt immer wieder zurück nach Kiew.Ein formloser, quälender Schrecken hat die russischen Herrscher schon immer umgetrieben: entdecken zu müssen, dass es Russland selbst ist, dem es an Bedeutung, Substanz und Kohärenz mangelt – dass es sich um ein zersplittertes Reich von Völkern handelt, die in aller Eile kolonisiert wurden. Eine Entität auf der ewigen Suche nach einer einigenden nationalen Idee, die nicht zu finden ist.Die Operation endet, wenn der Oberbefehlshaber dies verkündet.Russlands Präsident, ein gesuchter Kriegsverbrecher, traf 2022 die Entscheidung, in die Ukraine einzumarschieren. Doch in der übergeordneten Logik der russischen Macht ist Putin, der Puppenspieler, zugleich eine Marionette in den Händen des russischen imperialen Ethos. Das Instrument der wiederkehrenden Bemühungen Moskaus, sein Herrschaftsrecht über die Kolonialbesitzungen erneut geltend zu machen, trägt den Namen Russische Föderation.Das führt zum Paradox von «Schrödingers Putin»: Der Autokrat im Kreml hält den Schlüssel zur Beendigung des Krieges in der Hand und kann sich doch nicht dazu durchringen, ihn zu benutzen.Die Fakten sind klar. Im Jahr 2014 tauchten auf Putins Befehl hin russische Truppen ohne Erkennungszeichen auf der Krim auf. Acht Jahre später befahl der Kreml-Führer eine grossangelegte Invasion. Diese Verbrechen waren weder unvermeidlich noch das Ergebnis eines wohlüberlegten Prozesses. Beides waren gemäss Völkerrecht Aggressionsakte, und beides waren politische Entscheidungen, die einseitig von einem tyrannischen Herrscher getroffen wurden, der Jahrzehnte damit verbrachte, die Macht auf sich zu konzentrieren.Bittere PillenDerselbe Putin verfügt über reichlich Autorität, den Krieg zu beenden. Kein Parlament kann ihn überstimmen. Keine nennenswerte Opposition kann gegen ihn aufbegehren. Keine unabhängigen Medien können seinen Entscheid infrage stellen, da sie längst zur Gehorsamkeit gezwungen wurden. Die Propagandamaschinerie, die jeden Kommunikationskanal in Russland kontrolliert, wird dafür sorgen, dass die Kreml-Parolen innert Kürze unbestreitbare Wahrheit werden.An jedem beliebigen Morgen könnte Putin, wenn ihm danach wäre, Generäle entlassen, Minister absetzen, Oligarchen aus dem Weg räumen lassen, militärische Ziele für erreicht erklären und eine «Siegesparade» auf dem Roten Platz abhalten.Als Bashar al-Asad im Dezember 2024 stürzte, teilte Putin seinem Volk lediglich mit, Russland habe «im Grossen und Ganzen» seine Ziele erreicht. Der Satz war auf den ersten Blick absurd. Moskau hatte die Asad-Dynastie seit 1971 gestützt, und nun hatte es seinen Handlanger, seinen wichtigen strategischen Stützpunkt am Mittelmeer und einen Grossteil seiner Investitionen verloren. Dennoch wurde die Nachricht ohne Protest hingenommen.Ohne grosses Aufsehen schluckte Russland die Gefangennahme Maduros, die Präzisionsschläge gegen den engen Verbündeten Iran und die Rückeroberung von Nagorni Karabach durch Aserbaidschan, trotz vertraglichen Verpflichtungen gegenüber Armenien.Die offizielle Begründung des Kremls für den Krieg gegen die Ukraine hat sich wiederholt geändert. Die Intervention hob an mit dem Schutz der russischsprachigen Bevölkerung im Donbass. Sie weitete sich auf «Entmilitarisierung» und «Entnazifizierung» der ganzen Ukraine aus. Irgendwann kamen die Nato-Einkreisung und die Notwendigkeit eines Zivilisationskampfes gegen die «Angelsachsen» hinzu. Ein Regime, das in der Lage ist, die Rechtfertigung für einen Krieg zu ändern, wird keinerlei Probleme haben, einen guten Grund für dessen Beendigung zu erfinden.Russland besetzt derzeit etwa ein Fünftel des ukrainischen Territoriums. Der Kreml könnte ohne weiteres einer Einstellung der Feindseligkeiten entlang der Kontaktlinie zustimmen und die Landgewinne als historischen Triumph präsentieren. Eine Siegeserklärung würde von der russischen Bevölkerung wahrscheinlich mit Erleichterung, Resignation und apathischem Achselzucken aufgenommen werden. Die Operation endet, wenn der Oberbefehlshaber dies verkündet.Moskaus kategorischer ImperativDie meisten Erklärungen für Russlands Festhalten an dem immer schiefer laufenden Krieg konzentrieren sich auf das Überleben des Regimes. Putin könne den Krieg nicht beenden, so das Argument, da er sonst vor den Silowiki, den Sicherheitseliten, welche die einzigen Untertanen sind, die zählen, schwach wirken würde.Russlands Fluch besteht darin, nie einen verlässlichen Mechanismus für den Machtwechsel entwickelt zu haben. Seine Zaren und Politkommissare verliessen ihr Amt in der Regel erst, wenn sie starben – sei es eines natürlichen Todes oder sei es durch Palastintrigen oder durch eine Revolution. Putin kennt die Geschichte und hat Grund, um sein Leben zu fürchten. Doch das Schreckgespenst eines Staatsstreichs erklärt lediglich die Angst des Diktators, nicht aber die Funktionsweise des Herrschaftssystems. Um zu verstehen, warum Moskau seinen Krieg gegen die Ukraine nicht beenden kann, lautet die wichtigere Frage nicht, wie der Krieg Putins Überleben sichert, sondern was Russland ist.Hinter der Fassade der «Föderation» verbirgt sich ein Flickenteppich aus unterworfenen Völkern, deren Kulturen ausgelöscht wurden oder ausgelöscht werden. Die Schweiz ist eine Föderation von Kantonen, die sich freiwillig einem gemeinsamen politischen Projekt angeschlossen haben. Russland bezeichnet sich selbst als Föderation, obwohl die Macht in die entgegengesetzte Richtung fliesst: von Moskau nach unten.Jeder despotische Führer ist versucht, mit einem «kleinen Siegeskrieg» seinen Krallengriff um die Bevölkerung zu verstärken. Im Falle Russlands reicht dieser Impuls jedoch tiefer. Es geht nicht um eine bestimmte Ideologie oder ein bestimmtes Regime, sondern um Moskaus Anspruch, über innere Kolonien zu herrschen.Die Hoffnung, Russland werde aus diesem Teufelskreis herauswachsen, basiert auf der Nostalgie für ein Land, das es nie gegeben hat. Als 1991 die äussere Hülle des Sowjetimperiums zusammenbrach, hielten viele dies für das Ende. Aber das war es nicht. Innerhalb eines Gefängnisses der Nationen wartete bereits ein weiteres – die Russische Föderation.Ein niederländischer Imperialist konnte nach dem Zusammenbruch des Reiches als niederländischer Staatsbürger in seine Heimat zurückkehren. Burjaten, Tuwiner, Baschkiren und Dutzende anderer Völker, deren Identitäten Moskau jahrhundertelang zu tilgen versuchte, besitzen keine solche staatsbürgerliche Heimat. Auch die ethnischen Russen übrigens nicht. Nimmt man das imperiale Gehäuse weg, gibt es kein Russland, in das man zurückkehren könnte.Moskaus Gründungsmythos war schon immer ein Schwindel. Kiew taucht in historischen Aufzeichnungen bereits ab dem 5. Jahrhundert auf; Moskau erst ab dem 12. Jahrhundert. Als Iwan der Schreckliche sich 1547 zum Zaren der ganzen Rus krönte, erbte er keine Zivilisation. Er beanspruchte eine für sich, die jahrhundertelang ohne ihn, den Kreml oder Moskau gediehen war. Ein Staatswesen, dessen Identität derart auf Fake beruht, fühlt sich gezwungen, immer wieder zu versuchen, die Ukraine dem Erdboden gleichzumachen.Der «Salzwasser-Trugschluss» besagt, dass koloniale Herrschaft weit schwerer zu erkennen ist, wenn kein Ozean den Kolonisator vom Kolonisierten trennt. Für Aussenstehende sahen Moskaus Kriege stets wie innere Angelegenheiten aus, seine Kolonien wie Provinzen, und seine imperiale Angst wirkt weiterhin wie legitime Sicherheitsbedenken.Die Kräfte, die Putin dazu zwingen könnten, seinen Krieg zu beenden, um den Staat zu erhalten, sind nicht von den Kräften zu unterscheiden, die von ihm verlangen, weiterzumachen, um Russland – als Idee – zu bewahren. Das ist der kategorische Imperativ, dem Moskau nicht entkommen kann und den kein Verhandlungstisch auflösen wird.Europas PflichtRusslands Krieg gegen die Ukraine ist keine vorübergehende Krise, die mit den Launen eines wahnsinnigen Herrschers zusammenhängt. Solange die Russische Föderation ein Imperium bleibt, das sich von Kaliningrad bis zur Halbinsel Kamtschatka erstreckt, von einem einzigen Zentrum aus regiert wird und durch Aggression nach innerstaatlicher Legitimität sucht, wird sie ein Faktor und eine klar definierte Bedrohung der europäischen Sicherheit bleiben.Der ehemalige litauische Aussenminister Gabrielius Landsbergis stellte die richtige Frage: «Wen interessiert es, was Putin tun würde, wenn Russland verlöre? Wir sollten uns mehr Gedanken darüber machen, was er tun würde, wenn Russland gewänne.» Seit Jahren wird die europäische Debatte von Ängsten vor einer Eskalation, einer Demütigung und den russischen Reaktionen auf eine Niederlage dominiert. Den Folgen eines Erfolgs wurde weitaus weniger Aufmerksamkeit geschenkt.Ein auf Moskau zentriertes russisches Staatswesen lässt sich nicht durch endlose Zugeständnisse befrieden. Sein Ruhezustand, sein Gleichgewicht ist das Führen von Krieg. Das Feilschen um Dörfer in den Provinzen Donezk oder Luhansk, um Linien auf einer Landkarte ist Selbsttäuschung seitens der Verbündeten der Ukraine. Die Frage ist nicht, wo die Grenze letztlich verläuft. Die Frage ist, ob nackte Gewalt wirkt und ob Europas Abschreckungshaltung durch Fähigkeiten und Glaubwürdigkeit gestützt wird.Dies ist für jedes europäische Land von Bedeutung. Moskaus Aggression gegen die Ukraine dient als Legitimationsritual für seinen Zugriff auf das Öl Tatarstans, die Diamanten Jakutiens und die politische Handlungsfähigkeit von 140 Millionen Einwohnern. Europa kann einen solchen Krieg nicht beenden, indem es sich zurückzieht und zusieht, wie ein räuberischer Staat seine imperialen Ambitionen nährt. Das Ziel besteht nicht darin, Moskau entgegenzukommen, sondern seine Ambitionen zum Scheitern zu bringen.Europa kann die Anreize gestalten, unter denen Moskau agiert, aber es kann nicht entscheiden, wann Russland seine imperiale Ausrichtung aufgibt oder wie es sich mit seinen Nachbarn versöhnt. Das müssen die Russen selbst klären, doch ihre künftigen Herrscher müssen die grosse Lektion kennen: Eroberungskriege bringen Kosten und keine Gewinne.Schrödingers Putin, der die Macht hat, den Krieg morgen zu beenden, wird durch die politische Tradition, die er verkörpert, behindert. Das Paradoxon wird sich nicht von selbst auflösen. Imperien entscheiden sich selten dafür, keine Imperien mehr zu sein. Sie werden zum Aufhören gezwungen.Andrew Chakhoyan ist akademischer Programmleiter an der Universität Amsterdam. Der in der Ukraine geborene Amerikaner studierte an der Harvard Kennedy School und der Staatlichen Technischen Universität Donezk. – Aus dem Englischen von A. Bn.Passend zum Artikel