Als die Crew der Andromeda am 18. September zurück zum Hafen fuhr, soll der Kapitän der Truppe mit einem Satellitentelefon in der Ukraine angerufen haben. „Gute und schlechte Nachrichten“ soll er überbracht haben. Die gute: einige „Geschenke“ seien übergeben worden – die schlechte Nachricht: eines der „Geschenke“ sei „in der Post“ verloren gegangen. Kurz darauf rissen heftige Explosionen klaffende Löcher in drei der vier Stränge der Nord-Stream-Pipelines am Boden der Ostsee.Die Schilderung stammt aus dem Buch „Die Nord Stream Sprengung“ des „Wall Street Journal“-Journalisten Bojan Pancevski; bei dem im Buch „Kapitän“ genannten Mann handelt es sich mutmaßlich um den ukrainischen Staatsangehörigen Serhij K. Gegen diesen erhob die Bundesanwaltschaft am Donnerstag Anklage unter anderem wegen des Kriegsverbrechens des Angriffs gegen zivile Objekte, wegen des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und der Zerstörung von Bauwerken.Der damalige Offizier der ukrainischen Armee soll nach Beginn des russischen Angriffskrieges 2022 gemeinsam mit anderen den Plan geschmiedet haben, die Pipelines Nord Stream 1 und 2 zu zerstören, damit Russland seinen Krieg nicht durch Gasverkäufe nach Deutschland finanzieren kann, so die Anklage.Schuldzuweisungen in unterschiedliche RichtungenDie Gruppe, die Serhij K. angeführt haben soll, bestand laut Bundesanwaltschaft aus Berufstauchern, einem Skipper und Sprengstoffexperten. Über Polen sollen sie nach Deutschland eingereist sein. Die Yacht war mithilfe gefälschter Ausweispapiere über Mittelsmänner bei einem deutschen Unternehmen in Rostock angemietet worden, heißt es in der Anklage. Mit ihr sollen der Beschuldigte und seine Mittäter größere Mengen militärisch verwendbarer Hochleistungssprengstoffe in internationalen Gewässern bis in die Nähe der dänischen Insel Bornholm transportiert und an den Gasleitungen angebracht haben.Die Sprengsätze detonierten am 26. September. Danach gab es Schuldzuweisungen in unterschiedliche Richtungen. Zu den Anschlägen hatte es zunächst Ermittlungen auch von Dänemark und Schweden gegeben, die dann aber eingestellt wurden. Nur die deutschen Behörden ermittelten weiter. Früh konzentrierten diese sich auf die Segelyacht Andromeda, auf der unter anderem Sprengstoffspuren gefunden worden waren. Allerdings gab es bis zuletzt große Zweifel, ob es wirklich möglich ist, von einem Segelboot aus bei stürmischer See in rund 80 Metern Tiefe mit Tauchern Sprengstoff anzubringen.Vor dem Anschlag war durch die beiden Nord-Stream-1-Stränge etwa die Hälfte des Erdgases geleitet worden, das Deutschland zur Energiegewinnung im Jahr brauchte. Durch die Pipeline Nord Stream 2 floss zum Zeitpunkt des Anschlags kein Gas – noch nicht. Die Bundesrepublik und Russland hatten die beiden weiteren Stränge gegen den massiven Widerstand insbesondere Polens, der Ukraine und der USA fertiggestellt.Festnahme während des FamilienurlaubsSerhij K. soll in Russland geboren worden sein und den eigentlichen Planer des Sprengstoff-Vorhabens an der Akademie des ukrainischen Geheimdienstes SBU kennengelernt haben. Gleich zu Beginn der russischen Vollinvasion soll er sich gemeldet und bei der Verteidigung der Hauptstadt mitgewirkt haben. Als dann die Idee für den Anschlag aufkam, soll man rasch auf ihn gekommen sein. Im Buch Pancevskis wird deutlich, dass K. angesichts des abenteuerlichen Einsatzes offenbar Bedenken hatte, insbesondere weil er eine kaum trainierte Truppe von Zivilisten angeleitet habe und für deren Leben verantwortlich gewesen sein soll.K. sitzt in Hamburg in Untersuchungshaft, im vergangenen Sommer wurde er bei einer Italienreise mit seiner Familie in der Provinz Rimini festgenommen. Damals sollen sein Handy und seine Smartwatch konfisziert worden sein. Deutsche Ermittler hatten ihn bei seiner Fahrt quer durch Europa zuvor beschattet. Warum er sich so sicher fühlte, dass er ins Ausland fuhr, obwohl klar war, dass die deutschen Behörden gegen die Truppe der mutmaßlichen Saboteure ermittelte, ist unklar.Wird die Anklage zugelassen, muss sich K. vor dem Hamburger Oberlandesgericht verantworten. Mehrere Medien hatten am Mittwoch unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtet, die Beweislast gegen ihn sei erdrückend. Demnach soll er aus der Auslieferungshaft in Italien heraus mit Verwandten und Bekannten über die Anschläge gesprochen und sich dabei selbst belastet haben. Auch sollen Ermittler auf seinem Mobiltelefon Beweise gefunden haben, die ihn belasten.Die beiden deutschen Anwälte, die K. in der Bundesrepublik vertreten, äußerten sich auf Anfrage zunächst nicht zu den Vorwürfen gegen ihren Mandanten. Der italienische Anwalt von K., Nicola Canestrini, teilte mit, eine Verurteilung seines Mandanten komme nicht in Betracht, die Anklage fuße auf „äußerst dünnem Fundament“. So sei der Vorwurf des Kriegsverbrechens nicht Gegenstand des Europäischen Haftbefehls gewesen, aufgrund dessen der Beschuldigte von den italienischen Behörden an die deutschen übergeben worden sei. Es handele sich somit um eine „erschlichene Übergabe“.