Wollte man die Lage der politischen Theorie in Deutschland heute bestimmen, so sähe man zwei ungleich starke Lager: hier in der Mehrheit eine überwiegend postmarxistische Kritische Theorie, dort in der Minderheit die phänomenologische Schule. Zu den Proponentinnen der Letzteren gehört die junge Althistorikerin Carlotta Voß; in einem Aufsatz im Märzheft des „Merkur“ mit dem Titel „Personale Demokratie“ unternimmt sie jetzt den Versuch, den Menschseinsbegriff einer phänomenologischen Anthropologie im Ausgang von Helmuth Plessner (1892 bis 1985) für unsere heutige Debatte über die Rettung der liberalen Demokratie fruchtbar zu machen.Carlotta Voß, die in Bochum mit einer innovativen Arbeit zur „Entdeckung des Politischen“ bei Thukydides („Ironie und Urteil“. Ironische Historiographie und die Entdeckung des Politischen bei Thukydides. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2024) promoviert wurde, nimmt als Anstoß einen Vortrag, den der amerikanische Theologe und Aktivist Cornel West 2019 an der katholischen Notre Dame University in Indiana hielt. Der Religionsintellektuelle bürgerrechtlicher Obödienz forderte dort, statt nur über „statecraft“ mehr über „soulcraft“ zu sprechen. Als Quelle dessen, was eine solche Seelenkunst sein könnte, zieht Voß sodann Plessners Buch „Grenzen der Gemeinschaft“ von 1924 heran, dem sie Elemente einer Ethik der republikanischen Bürgerlichkeit entnimmt.Selbstmitleid und große Pläne„Eine Kritik des sozialen Radikalismus“ ist Plessners Text untertitelt, und als solche versteht sich auch der Essay von Voß. Um diesem Radikalismus entgegenzutreten, wählt sie als Methode aber nicht Institutionenkritik und auch nicht Ideologiekritik, die zwei Seiten desselben sind. Vielmehr möchte sie gehaltreich über das sprechen, was Ziel und Ausgangspunkt der Demokratie zugleich ist: das Individuum in der Welt.Die liberale Demokratie ist für Voß „eine personale Lebensform“, und mit Anton Tschechow als literarischer Referenz fragt sie, wie wir wieder „von der Person sprechen“ könnten. „Indem“, antwortet sie, „wir davon sprechen, was es heißt, ein Leben unter den Bedingungen von Verstocktheit und Empathiefähigkeit, Selbstmitleidigkeit und großen Plänen, Freiheitsdrang und Anerkennungshunger, Sterblichkeit und Angst vor dem Tod führen zu müssen.“ Voß geht also nicht von einem idealen metapersonalen Ich aus, auf das hin der Mensch zu konditionieren wäre, sondern vom Menschsein im Sinne faktischer Personalität, mit der es intersubjektiv zurechtzukommen gilt.Die Ethik, die hier entworfen wird, operiert nicht mit abstrakten Werten, sondern mit der Tugend, die von der eigenen Person eingenommene Stellung immer wieder zu korrigieren, um die des anderen möglichst untangiert zu lassen. Dazu gehört für Voß „die grundsätzliche Scheu“, die wie auch immer motivierten Selbstdarstellungen des anderen „im Entlarvungswunsch nach Gründen zu befragen, die ein ,wahres‘ Selbst hinter der Selbstdarstellung entdecken, definieren, womöglich pathologisieren wollen“.Gegen Posthumanismus und TranshumanismusHier aktualisiert Voß Plessners Kritik am generellen Ideologieverdacht, die er vor allem in seinem bekanntesten Werk, „Die verspätete Nation“, ideengeschichtlich expliziert hat, die aber seiner von Max Scheler und Edmund Husserl inspirierten phänomenologischen Anthropologie insgesamt zugrunde liegt. Ontologisch wie soziologisch geht es Plessner laut Voß nämlich darum, „den normativen Gehalt der Person“ zu verteidigen: „einerseits gegenüber naturalistischen Anthropologien, die den Menschen auf Gattungsmerkmale reduzieren und damit die ,offenen Möglichkeiten im und zum Sein des Menschen, im Großen wie im Kleinen eines jeden einzelnen Lebens‘ verschütten; andererseits gegenüber einem historistischen Paradigma, das Menschsein mit der totalen Verfügungsmacht über das eigene Sein identifiziert“. Zeitgenössisch gesprochen zieht Voß Plessner also als philosophischen Zeugen gegen den Post- wie den Transhumanismus heran.Aber damit nicht genug: Voß, die sich auch mit der Philosophie des Anthropozäns auseinandergesetzt hat, will den Dialog über das Individuum von der falschen Substantialisierung befreien. Die Frage darf nicht heißen: „Was ist der richtige Mensch“ (woraus folgt: Wer weicht wie davon ab und steht also außerhalb der Ordnung?) noch „Was ist das richtige System“ (woraus folgt, dass ein falsches zerstört werden müsste), sondern: Was ist das Menschliche hinter (über) einem Handeln oder Verhalten? Wenn wir Menschen treffen, scheinen sie immer schon Positionen zu beziehen, sodass sie uns verdächtig vorkommen. Es ist, so wird Plessner von Voß gedeutet, der Überschuss an Verdacht, der zur Krise des Politischen führt und die Krisenbewältigung scheitern lässt.Die demokratische Gesellschaft, die „dem Einzelnen ein hohes Maß an Freiheit und Anerkennungsverhältnissen bei gleichzeitigem Schutz vor Demütigung“ ermöglicht, ist in dieser Sicht „bedroht durch Ideologien, die die Gebrochenheit und Vermitteltheit personaler Existenz negieren und mithin der bürgerlichen Distanzordnung die Utopie einer unmittelbaren, ,nicht-entfremdeten‘ Gemeinschaft entgegenstellen. Im Licht von Plessners personalem Würdebegriff erscheinen diese Utopien des ,Gemeinschaftsradikalismus‘ als Dystopien einer menschenunwürdigen Gesellschaft.“Dasselbe Dilemma wie für KatholikenDas ist adressiert an die linke Gesellschaftskritik, aber ebenso an ein vermeintliches Ordnungsdenken von rechts, das genauso substantialistisch ist wie das von ihm perhorreszierte linke. „Taktlos“, schreibt Voß, „das ist bei Plessner ,der Seelentaube und Seelenblinde, der Monomane, der jeder Gelegenheit nur sich selbst oder das absolute Nein entnimmt‘ und der darum grundsätzlich die Anderen ,nach vorgefassten Meinungen, irgendwie zurechtgemachten Bildern [...] behandelt und beurteilt‘.“In der demokratischen Politik muss sich der Einzelne vorwagen, aber auch zurücknehmen können: Bundesparteitag der SPD am 14. November 1995 in Mannheim, vorne Gerhard Schröder, links hinten Oskar Lafontaine, rechts hinten Johannes Rau.Barbara KlemmAls Plädoyer für politischen Takt lässt sich dieser Aufsatz mithin verstehen, wobei der Autorin die in dieser Position versteckte Falle bewusst ist, da sie metakritisch einräumt, dass eine Sozialität nach den Regeln der sein-lassenden Abschattung auch zu einer Verhaltenslehre der Kälte im Sinne Helmut Lethens degenerieren kann, die, indem sie besten Willens die Dinge und Haltungen in ihrer Bedingtheit anerkennt, ihren womöglich zerstörerischen Wirkungen keinen Widerstand entgegensetzt.Dieses Dilemma teilt der Ethikentwurf von Voß mit der katholischen Ethik, die bei ihr durchscheint und deren Stärke, nämlich alles in seiner zeitlich-sozialen Gegebenheit anzuerkennen, dann zum Hemmschuh wird, wenn es mit Solon heißt, Stellung zu beziehen. Und sie teilt das Dilemma mit der Denkerin, die unangesprochen hinter dem ganzen Aufsatz steht: Hannah Arendt. Sie „weigerten sich, Personen zu sein“, sagte Arendt über die Täter totalitärer Systeme, sie waren Niemande statt Jemande; aber die Gefahr besteht, dass der radikale Nichttäter, dessen Anerkennungskraft denkbar großzügig ist, auch als Niemand dasteht, wenn auch als ein guter Niemand.Voß löst dieses Dilemma, das der anthropologisch-phänomenologischen Methode (auch in puncto Anthropozän) innewohnt, nicht auf, aber das braucht und kann sie hier auch nicht. „Personaler Wirklichkeit in ihrer tragischen Grundstruktur und uneinholbaren Einzigartigkeit wird allerdings keine Theorie vollumfänglich gerecht werden, weder deskriptiv noch präskriptiv.“ Es bleibt der Rekurs auf das in Situationen Vorgefundene, mit der Leiblichkeit angefangen; Aufmerksamkeit dafür wäre die erste demokratische Bürgertugend, wenn man mit Voß davon ausgeht, dass „sich die Vermeidung von Sentimentalität und Zynismus als ein zentraler Aspekt liberal-demokratischer Wehrhaftigkeit“ versteht und „Lebensformen, die sich an der Vermeidung von Sentimentalität und Zynismus bewähren wollen“, die dezidiert demokratischen sind.Was wäre die politische Funktionalität einer solchen Bürgertugend der Toleranz für persönliche Eigenarten? Vordergründig keine, ist doch ein ethischer Ansatz wie der von Voß per se antifunktionalistisch. Aber eine Gesellschaft, in der immer mehr Menschen sich in dieser Tugend des Den-anderen-sein-Lassens, des Nichtverdächtigens und der Habitusanerkennung übten, würde, das darf man hoffen, ganz „von selbst“ zu einer besseren.
Carlotta Voß entwirft eine Ethik der Demokratie
Wie können wir wieder von der Person sprechen? Indem wir den seitlich Umgeknickten nicht aus dem Weg gehen und vielleicht sogar unter den Arm greifen: Carlotta Voß entwirft im „Merkur“ mit Helmuth Plessner eine Ethik des Takts für Demokraten.










