Corine Pelluchon plädiert für eine Politik der WertschätzungWie könnte Demokratie besser funktionieren? Die französische Philosophin Corine Pelluchon hat eine Idee.Gina Bucher28.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenCorine Pelluchon sucht Ideen für eine «Demokratie ohne Herrschaft».Joel HunnDie Philosophin Corine Pelluchon beschäftigt sich mit der Frage, warum Demokratien immer stärker unter Druck geraten – und wie dieser Herausforderung zu begegnen ist. «Ideen zu einer Demokratie ohne Herrschaft» verspricht der Untertitel, der im französischen Original der Titel ist. Das ist ein wichtiges Detail, denn anders als es der deutsche Titel vermuten lässt, geht es Pelluchon keineswegs ausschliesslich um ein feministisches Demokratieverständnis. Auch wenn «weibliche Wirkmacht» in ihrer Argumentation eine zentrale Rolle spielt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Das Weibliche bezieht sich auf die Erfahrungen von Frauen, geht aber auch über Frauen hinaus», betont Pelluchon. Denn Frauen könnten – welche Entscheidungen sie auch immer träfen – nicht von ihrem Körper abstrahieren. Es geht der Philosophin um das Bewusstsein für Vulnerabilität, Abhängigkeit und entsprechend Dankbarkeit gegenüber der Natur. Darum, dass es einem mehr Freude bereite, zu geben als zu nehmen, und dass man sich lieber um andere kümmere, als seinen Anteil an der Beute zu bekommen. Die Lektüre dieses Buches, das sei vorab gesagt, ist kein Spaziergang. Doch in Anbetracht der ernsten Lage wäre das ja auch eine falsche Erwartung.Wer sich auf die Lektüre einlässt, gerät besonders in den hinteren Kapiteln mit Lösungsansätzen in eine Art gross angelegte Achtsamkeitsmeditation, die man der ganzen Welt wünscht und die nicht nach einer Yogalektion enden möge. Unsere Welt wäre danach eine andere. Denn auch wenn der Text nicht leicht verständlich ist und nichts mit esoterisch angehauchter Achtsamkeit zu tun hat, so wirkt Pelluchons Blick auf die Welt am Ende: wertschätzend, dankbar, respektvoll.Die eigene Sterblichkeit und Verletzlichkeit anzuerkennen, ist für Pelluchon ein Schlüssel, um dem dominanten Herrschaftsschema entkommen und sich der Wertschätzung widmen zu können. «Damit diese Macht jedoch erweckt wird, ihre Energie entfaltet und Teil des Zeitgeists werden kann, ist es wichtig, zu verstehen, dass das Haupthindernis für eine gesunde Demokratie in den Männern und Frauen selbst liegt, in ihren Unsicherheitsgefühlen und Verletzungen, ihren Schwierigkeiten, sich ihren Ängsten und inneren Konflikten zu stellen.» Wer das nicht reflektiere, sei leichte Beute für rechte Agitatoren. Denn sie fachen die Wut an, lenken diese auf Sündenböcke. Sie finden Worte für Probleme, die die Menschen umtreiben, ohne sie wirklich lösen zu wollen.Pelluchon ist überzeugt, dass Demokratie die politische Antwort auf unsere sterbliche Bedingtheit ist. «Die Demokratie wird verkannt und für das kritisiert, was doch ihren Wert ausmacht: die Akzeptanz der Unbestimmtheit des gemeinsamen Sinns.» Sie plädiert daher für eine Politik der Wertschätzung: «Wertschätzung ist keine Ideologie, keine Weltanschauung, die von oben herabkommt, sondern eine umfassende Haltung, die individuelle Verhaltensweisen wie Mässigung und Kooperation hervorbringt und (. . .) zu einer Politik und kollektiven Entscheidungen führt, die Gerechtigkeit fördern.»Corine Pelluchon stellt einen interessanten Zusammenhang her zwischen weiblicher Wirkmacht und Demokratie – vom Wort «weiblich» sollte man sich nicht verschrecken lassen. Schliesslich sind die Herausforderungen, vor denen westliche Demokratien stehen, weitaus fundamentaler.Corine Pelluchon, Die Macht des Weiblichen. Übersetzt von Grit Fröhlich. C. H. Beck 2026. 184 Seiten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel