Wäre die Welt besser, wenn Frauen an der Macht wären? Die französische Philosophin Corine Pelluchon findet: wahrscheinlich schonDie Demokratie brauche neue Ideen, sagt Corine Pelluchon. Die französische Philosophin fordert eine neue Moral, die sie als weiblich bezeichnet.Wolfgang Hellmich24.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenKatharina II. von Fjodor Stepanowitsch Rokotow (Ölgemälde, 1763).GettyDieses Buch ist erfrischend und beflügelnd. Es provoziert. Als hätte sich Corine Pelluchon an den Schreibtisch gesetzt und einfach drauflosgeschrieben. Sie verzichtet auf eine umsichtige Dramaturgie und langatmige Erläuterungen. Ein schmissiges Vorwort, sechs Kapitel Text – voilà. Das Buchcover zeigt einen Ausschnitt aus van Goghs «Blühendem Mandelbaum in einem Glas». Er steht für den Beginn neuen Lebens.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bei Pelluchon symbolisiert er das Aufblühen weiblicher Macht und den Tod dessen, was sie das männliche «Herrschaftsschema» nennt. Eingebettet sind ihre Gedanken in die Sorge um die Demokratie. Nur neue Ideen könnten diese retten, schreibt die Pariser Philosophieprofessorin. Das klingt so apodiktisch wie banal. Doch Pelluchons essayistischer Beweis dafür hat suggestive Kraft. Spontaneität und Widerspruchsgeist sind die Mittel, deren sie sich bedient, das männliche «herrschende Entwicklungsmodell» herauszufordern.Um sich zu wandeln, schreibt Pelluchon, brauche die Demokratie nicht nur neue Ideen. Sondern vor allem: Liebe. Wer bei diesem Wort Gefühlsphilosophie oder Schlimmeres befürchtet, wird positiv überrascht. Hinter Pelluchons Liebesverständnis verbirgt sich eine komplexe Ethik, die sich aus Gedanken von Aristoteles und Spinoza, von Hannah Arendt und John Rawls, von Simone Weil und Paul Ricœur speist.Rücksichtnahme, Achtung von Vielfalt, Gerechtigkeit, Ehrfurcht vor der Natur und dem Leben, Wertschätzung: Das sind die Koordinaten der neuen Moral, die weiblich sein soll – auch wenn sie argumentativ überwiegend von Männern begründet wurde.Fürsorge für die NaturPrägend ist der Begriff der «Konvivenz», der theologischen Ursprungs ist und ein solidarisches und respektvolles Miteinander von Menschen, Tieren und Natur umschreibt. Pelluchon vertritt die Ansicht, eine solche Ethik werde vor allem von Frauen repräsentiert. Das weibliche Geschlecht verfüge über eine «Beziehung zum Inkommensurablen», das heisst, es habe eine Empfindung dafür, was das einzelne Leben übersteige.«Dankbarkeit für das Gegebene», «Achtung der Singularität jedes Einzelnen», «Fürsorge für die Natur» – Pelluchon projiziert ins Weibliche, was sie beim Männlichen vermisst. Der männliche Zugang zur Welt bestehe in der «Bemächtigung», schreibt sie. Das habe keine biologischen Ursachen, aber sehr wohl historische und kulturelle Gründe. Frauen schreibt sie ein anderes Verhältnis zum Körper zu: Jedes einzelne Leben habe für sie Bedeutung. Der Körper und die Achtung vor ihm bestimmten den weiblichen Blick.Pelluchon leitet daraus keine einseitig feministische Position ab. Das zeigt sich an der These, dass das, was sie für das spezifisch Weibliche hält, auch bei Männern anzutreffen sei – bei diesen allerdings weniger ausgeprägt. Manchmal auch verkümmert oder verschüttet. Deshalb sei das herrschende gesellschaftliche Entwicklungsmodell «männlich»: orientiert an Wettbewerb, Kräftemessen, Dominanzgebaren und Konfrontationslust. Alles Eigenschaften, die Pelluchon für typisch männlich hält. Männer, bestimmte Männer, verkörpern das, was sie das «Herrschaftsschema» nennt. Überall habe es sich ausgebreitet, es «kolonisiert unsere Vorstellungswelt, durchdringt unser Triebleben und die archaischen Schichten unserer Psyche».So totalisierend das «Schema» laut Pelluchon auch ist: Frauen können sich ihm offensichtlich entziehen. Auf ihnen ruht deshalb Pelluchons Hoffnung. Vorbilder sind für sie Frauen, die gegen Regierungen oder gegen die Mafia demonstrieren. Mütter und Ehefrauen, die gegen den Krieg auf die Strasse gehen. Ein von Frauen geprägtes und von weiblichen Eigenschaften bestimmtes «humanistisches und ökologisches» Modell schwebt Pelluchon als Alternative zu den herrschenden Verhältnissen vor. Sie stilisiert Frauen sogar zu «Hüterinnen der Demokratie».Pluralität der PerspektivenPelluchons Philosophie des Weiblichen ist eingebettet in eine Kritik des rechten Populismus, den sie als männlich geprägt charakterisiert. Für entscheidend hält sie, dass sich die Demokratie von der Herrschaft verabschiede. Das herrschende Entwicklungsmodell habe lauter Verlierer und Enttäuschte produziert, deren Unmut «Agitatoren» in persönliche Macht ummünzten. Die staatlichen «Leitplanken» hätten nicht gehalten, kritisiert Pelluchon. Deshalb seien «skrupellose Personen» an die Spitze wichtiger Parteien und sogar des Staates gerückt. Das politische Leben sieht die Französin dem Verfall preisgegeben.In der Vermittlung und Realisierung der «weiblichen» Alternative spielen die Medien eine wichtige Rolle. Sie könnten die «Pluralität der Perspektiven auf die Welt» sichtbar machen. Pelluchon sieht in einem starken Pluralismus die Chance einer Erneuerung der Demokratie. Meinungsvielfalt und Toleranz trügen dazu bei, den Blick zu weiten. Die Ökologie hat für sie deshalb besonderen Wert, weil sie auf die Bedürfnisse anderen Lebens, auf die von Tieren und Natur, auf die wechselseitige Abhängigkeit der Lebewesen und ihres Umfelds aufmerksam mache.Das Buch wurde von verschiedenen Seiten scharf kritisiert. Es erfülle keine akademischen Ansprüche. Das will es auch nicht. Es ist keine Studie, sondern ein Essay, ein kämpferisches, aber unaufgeregtes Pamphlet. Corine Pelluchons Kritik des Männlichen und Wertschätzung des Weiblichen ist bisweilen sehr einfach gestrickt. Ob es Demokratie ohne Herrschaft überhaupt geben kann, wie der Untertitel des Buches suggeriert, ist mehr als fraglich. Das alles bietet Anlass zu Widerspruch. Aber auch zum Nachdenken über eine These, die zwar überzogen, aber in manchem nicht abwegig ist.Corine Pelluchon: Die Macht des Weiblichen. Ideen zu einer Demokratie ohne Herrschaft. Aus dem Französischen von Grit Fröhlich. Verlag C. H. Beck, München 2026. 184 S., Fr. 35.50.Passend zum Artikel