Der andere BlickDemokratie nur für die Richtigen?Gegen die AfD zu protestieren, ist legitim. Wer aber ihren Parteitag verhindern will, verrät ein schwieriges Verständnis von Demokratie – und nützt womöglich der Rechtsaussenpartei selbst.02.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenNicht jeder Protest ist radikal: Bernd das Brot vor dem AfD-Parteitag in Erfurt mit einem Seitenhieb auf Björn Höcke.Paul-Philipp Braun / ImagoDie AfD liegt inzwischen in einzelnen bundesweiten Umfragen vorn. In Sachsen-Anhalt führt sie stabil, in Mecklenburg-Vorpommern ebenso. Trotzdem behandeln die Proteste, die für den AfD-Parteitag am kommenden Wochenende in Erfurt angekündigt sind, sie oft noch wie eine Ausnahmeerscheinung. Als sei sie gekommen, um sich wieder vertreiben zu lassen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sie ist aber längst deutsche Normalität.Natürlich darf man trotzdem gegen die AfD demonstrieren. Es gibt gute Gründe, die Partei scharf zu kritisieren. Dass es in der AfD völkische, autoritäre und teilweise rechtsextreme Strömungen gibt, ist keine Einbildung ihrer Gegner. Man braucht nur nicht zu erwarten, dass die Partei sich von Demonstrationen sonderlich beeindrucken lässt oder dass ihre Wähler das tun.Noch weniger verfängt der Maximalalarm, auf den am linken Rand zuverlässig geschaltet wird, wenn es um und gegen die AfD geht. Zehntausende Demonstranten haben sich für das Wochenende angekündigt. Ein Bündnis ruft zu friedlichen, «bunten» Protesten auf.Ein anderes aber ist auch ein Sammelbecken für gewaltbereite Extreme, wie die Behörden warnend hervorheben. «Widersetzen» nennt sich das Bündnis, es ruft dazu auf, den Parteitag zu «verhindern».Der Linken fehlt die StrategieDas verrät ein schwieriges Demokratieverständnis. Solange die AfD nicht verboten ist, gehört auch ihr Parteitag zur demokratischen Realität. Wer ihn blockieren will, beschädigt nicht nur das Prinzip der Versammlungsfreiheit, sondern liefert der Partei auch noch ihr Lieblingsnarrativ: das des verfolgten Opfers.Der laute Protest verdeckt vor allem eines: Der politischen Linken fehlt in der Auseinandersetzung mit der AfD eine überzeugende Strategie.Das zeigt sich bereits in der Sprache. Mobilisiert wird nicht nur gegen die AfD als Partei, sondern gegen Faschismus, rechte Politik und gleich auch gegen jene Teile der Union, die eine restriktive Migrationspolitik vertreten: Im Europaparlament paktierten CDU und CSU mit den rechten Parteien, «wenn es darum geht, noch mehr schutzsuchende Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen», heisst es in dem Protestaufruf. Der semantische Ausgriff ist enorm.Der Protest wird so zur Selbstvergewisserung. Er signalisiert Haltung, verändert aber nicht die politischen Ursachen des Erfolgs der Rechtspartei: Migration, Vertrauensverlust gegenüber Staat und Regierung, Repräsentationslücken.Demonstrationen geben dennoch das Gefühl, das Richtige getan zu haben. In empfundener Ohnmacht gegenüber dem Aufstieg der AfD ist das emotional vielleicht verständlich. Politisch ersetzt dieses Gefühl noch keine Strategie.Kaum mehr EskalationsreservenDeshalb neigt der Protest zur rhetorischen Eskalation. «Wer heute keinen Widerstand leistet, erwacht morgen in einer Diktatur», schreibt das Bündnis «Widersetzen» auf seiner Website. Diese maximale historische Alarmierung – immer der letzte Moment vor 1933, jetzt oder nie, sonst morgen Faschismus – lässt kaum Eskalationsreserven. Politische Unterschiede sind dann nur noch Abstufungen derselben Katastrophe.Das ist problematisch: Wenn Björn Höcke und Friedrich Merz durch denselben Deutungsrahmen betrachtet werden, verliert der Begriff «rechts» jede analytische Schärfe. Je weiter er ausgedehnt wird, desto weniger taugt er zur Unterscheidung.Und wenn am Ende ein völkisch argumentierender Rechtsextremer, ein konservativer Politiker und ein bürgerlicher Realist in Migrationsfragen unter derselben Chiffre laufen, wird daraus endgültig ein Ritual.Die Hysterie der Gegner nützt der AfDEs ist paradox: Je hysterischer der Protest, desto leichter fällt es der AfD, sich als Opfer des Establishments zu inszenieren. Moralische Eskalation kann ihr auch nützen.An den Umfragewerten der AfD hat all das bislang nichts geändert – jedenfalls nicht in die Richtung, die die Demonstranten sich erhoffen. Der Protest produziert zwar maximale Dringlichkeit, politische Wirkung erzielt er aber nicht.Eine Demokratie muss Rechtsextremismus klar benennen. Sie darf sich begriffliche Schlamperei aber nicht leisten. Die politische Linke wie die bürgerliche Mitte stehen vor einer Zumutung, die sie scheuen wie den Wandel des Parteiensystems selbst: Sie müssen Politik wieder als Handwerk der Problemlösung begreifen statt als Suche nach ideologischer Reinheit.Passend zum Artikel