Die Verheißung von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), dass mit dem teilweisen Übergang zur Kapitalrente künftig 30 Milliarden Euro oder mehr für Wachstumsinvestitionen in Deutschland zur Verfügung stünden, wird nicht tragen. Das hat Stefan Kooths, der Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, dieser Zeitung gesagt. „Die Aussage des Bundeskanzlers führt in die Irre“, sagte Kooths. Der Ökonom stellt infrage, dass es in Deutschland durch die Kapitalrente zu mehr Investitionen komme, die es für mehr Wachstum brauche.Kooths lehnt die Kapitalrente deshalb nicht ab. Ganz im Gegenteil hält er die Einführung kapitalgedeckter Elemente in die Altersvorsorge für dringend geboten. „Das ist grundsätzlich vernünftig, um die Vorsorge auf eine rentable Basis zu stellen und um die Beitragssätze im Umlagesystem auf Sicht von zehn Jahren und mehr senken zu können“, sagt der Ökonom. Nur: Mehr Wirtschaftswachstum werde Deutschland dadurch kaum erlangen.Zum Wachstum fehlt Deutschland nicht Kapital„Das Wachstum in Deutschland ist nicht schwach, weil Kapital fehlt, sondern weil sich Investitionen für in- und ausländische Unternehmen am Standort Deutschland zu wenig lohnen“, sagt Kooths: „Mehr Kapital macht den Standort nicht attraktiver.“ Dafür brauche es ganz andere Reformen.Merz hatte in der vergangenen Woche auf dem Tag der Industrie in Berlin positive Wirkungen der Kapitalrente für die deutsche Wirtschaft in Aussicht gestellt. „Durch die Beiträge kommen jährlich mindestens in Zukunft 30 Milliarden Euro zusammen, die für den deutschen Kapitalmarkt und die Investitionen der Unternehmen in Deutschland zur Verfügung stehen“, sagte Merz. Das ergebe einen erheblichen zusätzlichen Kapitalstock, der unter anderem für „Investitionen in die Zukunft unseres Landes“ und insbesondere zur Wachstumsfinanzierung verfügbar sein werde.Die Alterssicherungskommission hatte zuvor empfohlen, dass die Rentenversicherten letztlich zwei Prozent des Arbeitseinkommens in eine kapitalgedeckte gesetzliche Rente einzahlen sollten, um durch die Kapitalerträge im Alter höhere Renten zu beziehen. Kooths warnt: „Auf keinen Fall darf aus dem Rentenfonds ein Vehikel der Industriepolitik oder eine fiskalische Verfügungsmasse werden.“„Zwangssparen“ reduziert privates SparenDer Kieler Ökonom spricht von „Zwangssparen“ und geht davon aus, dass ein Großteil der Rentenversicherten mehr oder weniger im selben Ausmaß seine private Sparleistung reduzieren würde. Damit wäre für das gesamte Kapitalangebot nur wenig gewonnen. Die Kommission rät zudem dazu, das eingesammelte Kapital zur Risikominderung möglichst breit gestreut auch über Länder hinweg anzulegen. Hält die schwarz-rote Koalition sich an diese Empfehlung, stünde ohnehin nur ein geringer Teil des Kapitals für Investitionen in Deutschland zur Verfügung.„Zwangssparen“: Stefan Kooths, der Leiter des Prognosezentrums des Instituts für Weltwirtschaft in KieldpaDie Warnung des Kieler Ökonomen vor überhöhten Wachstumserwartungen durch die Kapitalrente kommt zu einer Zeit, in der die deutsche Politik sich erstmals seit den 1950er-Jahren durchzuringen scheint, in die gesetzliche Rentenversicherung kapitalgedeckte Elemente einzuführen. 2002 wurde zwar die kapitalgedeckte Riester-Rente eingeführt, sie war aber nur eine freiwillige Ergänzung der gesetzlichen Rente. Länder wie Schweden oder Chile nutzen schon seit Jahrzehnten die Vorteile, die der Kapitalmarkt zur Sicherung der Altersvorsorge bietet.Die Kapitaldeckung in der gesetzlichen Rente wurde über Jahrzehnte auch dadurch verhindert, dass das Mackenroth-Theorem die deutsche Rentendiskussion und die Angst vor der Kapitalrente bestimmte. Im Jahr 1952 hatte der deutsche Ökonom und Soziologe Gerhard Mackenroth festgestellt: „Es gilt der einfache und klare Satz, daß aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden muß.“ Das ist für sich genommen richtig. Immer muss alles aus dem Volkseinkommen bezahlt werden.Mackenroth-Theorem schürt Angst vor der KapitaldeckungMackenroth zog daraus aber die Schlussfolgerung und wurde so interpretiert, dass es für die gesetzliche Rentenversicherung egal sei, ob Renten aus den Erträgen angesparten und investierten Kapitals oder im Umlageverfahren aus dem laufenden Einkommen der jeweils arbeitenden Generation bezahlt wurden. „Volkswirtschaftlich gibt es immer nur ein Umlageverfahren“, schrieb Mackenroth.Gerhard Mackenroth: deutscher Soziologe, Bevölkerungswissenschaftler (* 14. Oktober 1903 in Halle/Saale; † 17. März 1955 in Fallingbostel)Landesarchiv Schleswig-HolsteinDas nach ihm benannte Theorem gewann entscheidendes politisches Gewicht, als Ende der 1950er-Jahre unter Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) die gesetzliche Rente im Umlageverfahren an die Lohnentwicklung gekoppelt wurde. Auch in den Jahrzehnten danach wurde das Mackenroth-Theorem immer wieder hervorgeholt, um gegen die Kapitaldeckung der gesetzlichen Rente Stimmung zu machen und entsprechende Reformideen zu blockieren.Das ist freilich zu kurz gedacht. Die Welt internationaler Finanzmärkte eröffnet die Möglichkeit der internationalen Kapitalanlage, sodass der deutsche Rentner kapitalgedeckt auch an der Wirtschaftskraft in anderen Staaten profitieren kann. Dieses internationale Element fehlt im Mackenroth-Theorem, geschuldet auch der Zeit, weil in den 1950er-Jahren die nationalen Anlagemärkte weitgehend verschlossen waren.„Realkapital ist ein Geschenk der Gegenwart an die Zukunft“Übersehen wird in der simplen Interpretation des Theorems ferner, dass selbst in einer geschlossenen Volkswirtschaft das Volkseinkommen größer wird, wenn mit Erspartem Kapital gebildet und produktiver gewirtschaftet wird. „Der Aufbau von Realkapital ist ein Geschenk der Gegenwart an die Zukunft“, schrieb Mackenroth an anderer Stelle. Realkapital aber wird nur aufgebaut, wenn gespart und investiert wird.„Der Fehlschluss des Mackenroths-Theorems liegt darin, dass das Produktionspotential auch von der Abgabenlast abhängt und mehr Kapitalbildung künftige Konsummöglichkeiten steigen lässt“, sagt Kooths vom IfW in Kiel. Seine Warnung vor übertriebenen Wachstumsphantasien mit der Kapitalrente begründet er vor allem mit der ungenügenden Standortqualität, die Investoren abschreckt.Mit der Kapitalrente drohen höhere ArbeitskostenDie Standortbedingungen werden nach Kooths’ Einschätzung zusätzlich dadurch verschlechtert, dass trotz der geplanten Rentenreform die Versicherungsbeiträge zunächst deutlich steigen und erst von der Mitte der 2030er-Jahre an leicht sinken werden. Nach Berechnung der Reformkommission werden die Reformen im Umlageteil der Rente in den kommenden zehn Jahren den Beitragssatz um rund 0,5 Prozentpunkte senken. „Die damit verbundenen Arbeitsanreize werden sich im Wachstum kaum bemerkbar machen“, sagt Kooths.Hinzu kommt, dass mit der Kapitalrente zwei weitere Prozentpunkte auf die Beiträge draufgelegt werden, die hälftig von den Arbeitgebern und hälftig von den Arbeitnehmern finanziert werden sollen. „Wenn der Beitrag der Arbeitgeber nicht durch geringere Lohnerhöhungen abgeschmolzen wird, steigen die Arbeitskosten, und das Wachstum wird sogar verlangsamt“, sagt Kooths.Er gehört in Deutschland zu den Ökonomen, die die wirtschaftlichen Schwierigkeiten vor allem auf der Angebotsseite verorten. Auch nachfrageseitig warnen Ökonomen vor Wachstumsverlusten durch den Einstieg in die Kapitaldeckung.Die Kritik gewerkschaftsnaher ÖkonomenDie zusätzliche Zwangsersparnis durch die zwei Prozentpunkte höheren Beitragssätze gingen anders als im Umlageverfahren nicht in den Konsum der Rentner, sondern in den internationalen Kapitalmarkt, heißt es in einer Studie der Institute WSI und IMK der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung. Damit bremse der Aufbau der Kapitaldeckung die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und das Wirtschaftswachstum in Deutschland, argumentieren die gewerkschaftsnahen Ökonomen in einer kurzfristigen konjunkturellen Sicht. Wie Kooths weisen sie darauf hin, dass mit den höheren Beiträgen zur gesetzlichen Rentenversicherung ein Anstieg der Arbeitskosten drohe.Eine Stabilisierung des Sicherungsniveaus über das bewährte Umlageverfahren sei auf mittlere Sicht günstiger als das nun vorgeschlagene Kapitaldeckungsverfahren, argumentieren die Ökonomen von WSI und IMK. Mit dieser Empfehlung tappen sie in die Mackenroth-Falle. Deutschland würde weiter auf den Aufbau eines größeren Kapitalstocks und die Nutzung von Kapitalerträgen zur mittelfristigen Stabilisierung des Rentenniveaus verzichten.Kooths: Standortbedingungen verbessernDer Kieler Ökonom Kooths hat eine elegantere Lösung, um seine mit der Rentenreform verbundenen Wachstumssorgen aus der Welt zu schaffen. Die Regierung könne mit Steuersenkungen und Deregulierung die Standortbedingungen so verbessern, dass Deutschland für aus- und inländisches Kapital wieder attraktiver würde, sagt Kooths.Hierzu müssten alle Staatsaufgaben auf den ordnungspolitischen Prüfstand, um diese Ausgaben senken zu können: „Dann wird auch wieder verstärkt in Deutschland investiert werden.“ Unabhängig davon sollte das Kapital der Rentenversicherung auf der ganzen Welt angelegt werden, um Renditechancen zu nutzen und Risiken zu diversifizieren.