Wenn die Mitglieder der Rentenkommission am Dienstag Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) ihre 33 Reformvorschläge übergeben, dürfte Nummer 28 die weitreichendsten Folgen haben. Deutschland soll eine verpflichtende gesetzliche Kapitalrente bekommen.„Die Beiträge sollen nach schwedischem Vorbild zentral verwaltet und am Kapitalmarkt angelegt werden“, heißt es in der noch unveröffentlichten Empfehlung der Rentenexperten.Bas würde damit ein gescheitertes Herzensprojekt von Christian Lindner (FDP), des Finanzministers aus Zeiten der Ampelkoalition, umsetzen (der nannte es „Generationenkapital“).Das Rentenniveau soll durch die Kapitalrente perspektivisch sogar wieder steigen. Was macht Schweden heute schon anders? Und hat das Modell wirklich das Potenzial, die Rente zu retten?Die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen hält diese Hoffnungen für berechtigt. „Das schwedische Modell hat gezeigt, wie sehr die Rentnerinnen und Rentner von der Erweiterung des Rentensystems um eine kapitalbasierte Komponente profitieren“, sagte Monika Schnitzer dem Tagesspiegel. „Das dürfte einen substanziellen Beitrag dazu leisten, die Rentenansprüche längerfristig zu stärken.“Nach Vorstellung der Rentenkommission sollen künftig alle Beschäftigten von der Kraft des Kapitalmarkts profitieren. Also auch diejenigen, die um Riester-Verträge oder ETF-Sparpläne noch einen Bogen gemacht haben.Von 2028 an soll ein zusätzlicher Beitrag von 0,5 Prozent des Bruttolohns auf ein individuelles Konto eines öffentlich verwalteten Fonds fließen, gezahlt zur Hälfte von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Über vier Jahre soll der Beitrag auf zwei Prozent wachsen. Beschäftigte müssten sich um nichts kümmern. Sie würden während ihres Berufslebens etwas mehr zahlen, um an ihrem Lebensabend auch mehr herauszubekommen. In Schweden schon seit den 90er Jahren Nach Kötbullar und Kallax-Regalen könnte auch die Kapitalrente ein schwedischer Exportschlager in Deutschland werden. In Schweden hat man das Rentensystem schon in den 90er Jahren in ein gemischtes Modell aus Umlageverfahren und Kapitaldeckung überführt. Auch dort fließen 18,5 Prozent des Gehalts (bei uns aktuell 18,6 Prozent) in die staatliche Regelaltersrente. Davon werden 16 Prozent umgelegt (Einkommensrente), 2,5 Prozent werden am Kapitalmarkt angelegt (Prämienrente).Wer sich bei der Prämienrente nicht aktiv für einen Fonds entscheidet, landet automatisch im staatlichen AP7 Såfa. Der Fonds investiert in Firmen weltweit und verwaltet rund 140 Milliarden Euro. Seit der Jahrtausendwende hat sich das Kapital der Schweden darin mehr als versiebenfacht. „Seit der Einführung vor gut zwanzig Jahren haben sie im Durchschnitt jährliche Renditen von bis zu neun Prozent erzielt“, sagt Schnitzer.Solche Chancen möchte sich auch Deutschland künftig nicht mehr entgehen lassen. Einen Staatsfonds dieser Größe gibt es hierzulande aber nicht. Nutzen könnte man nach Vorstellung der Kommission zum Beispiel den Atomfonds Kenfo.Den „Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung“ gibt es seit 2017. Der Kenfo ist der erste deutsche Staatsfonds. Verwaltet werden darin 24 Milliarden Euro von 50 Mitarbeitenden in Berlin. Gefüllt haben ihn die Betreiber der deutschen Kernkraftwerke. Damit soll gegen Ende des Jahrhunderts die Lagerung von Atommüll finanziert werden.In den 2030er Jahren wird die Kapitalrente noch nicht so stark helfen.Peter Haan, Rentenexperte am Deutschen Institut für WirtschaftsforschungDer Kenfo investiert jeweils zu 35 Prozent in Aktien und Anleihen; der Rest fließt in Infrastruktur, Immobilien und andere Anlagen außerhalb des klassischen Kapitalmarkts. Das Geld steckt hauptsächlich in Europa und den USA. Seit dem Start liegt die jährliche Durchschnittsrendite trotz multipler Krisen bei 5,5 Prozent.Doch unmittelbar wird die Kapitalrente noch keinen Beitrag zur Finanzierung des Rentensystems leisten. „In den 2030er Jahren wird die Kapitalrente noch nicht so stark helfen“, sagt der DIW-Rentenexperte Peter Haan dem Tagesspiegel. „Das Kapital muss erst einmal anwachsen, bis es spürbare Renditen abwirft.“ Er erwartet, dass man erst in gut zehn Jahren erste Erfolge daraus sehen kann.Zumal die Arbeitgeber von dem Vorschlag der Rentenkommission nicht begeistert sind, da sie ihn kofinanzieren sollen. Während Lindner sein „Generationenkapital“ über jährlich neue Schulden in Höhe von zwölf Milliarden Euro aufbauen wollte, sollen das nun Arbeitnehmer und Arbeitgeber übernehmen. Doch die klagen heute schon über zu hohe Beiträge.„Würden die Beiträge um weitere zwei Prozent steigen, bliebe das wirtschaftlich nicht folgenlos“, sagt auch Haan. Firmen könnten noch weniger investieren, Beschäftigte weniger konsumieren. Aus seiner Sicht ist daher entscheidend, auch die anderen Empfehlungen der Kommission umzusetzen, die den Beitragsanstieg dämpfen würden. „Moderat höhere Beiträge von Beschäftigten und Arbeitgebern durch die Kapitalrente wären dann verkraftbar“, sagt Haan. Fachleute halten Risiken für überschaubar Legt man das Geld am Kapitalmarkt an, ist man außerdem den Risiken und Schwankungen des Kapitalmarkts ausgesetzt. In Schweden wird das Geld zwar risikoärmer angelegt, je älter man wird. So soll vermieden werden, dass das angesammelte Kapital durch einen Absturz der Kurse an den Börsen auf einen Schlag weniger wird und nicht genug Zeit bleibt, die Verluste wieder auszugleichen. Trotzdem kam es infolge der Finanzkrise in den Jahren 2010 und 2011 zu nominalen Rentenkürzungen, die durch Steuerentlastungen ausgeglichen werden mussten. Auch die Kommission schlägt daher für Deutschland eine Art Bundesgarantie für Menschen nahe am Renteneintritt vor.„Die damit verbundenen Risiken dürften überschaubar sein, wenn man nach schwedischem Vorbild konsequent darauf setzt, die Verwaltungskosten so gering wie möglich zu halten, und eine breit diversifizierte langfristige Anlagestrategie wählt“, sagt die Wirtschaftsweise Schnitzer.Das sieht auch Rentenexperte Haan so und verweist darauf, dass sie lediglich das Umlagesystem ergänze. „Selbst bei einem extrem unwahrscheinlichen Totalausfall der kapitalbasierten Renten wären also nicht alle Renten weg“, sagt er.Dieser Aspekt geht in der Diskussion um die schwedische Kapitalrente häufig unter. Auch dort ist sie nur ein kleiner Teil des Rentensystems, das an anderen Stellen deutlich über das deutsche Modell hinausgeht und flexibler ist. So zahlen dort auch Beamte und Selbstständige ein. Dazu haben fast alle Schweden eine betriebliche Rente, in Deutschland dagegen nur rund die Hälfte der Beschäftigten.Ohne die Umsetzung der weiteren Reformen, könnten also auch die Effekte aus einer Kapitalrente verpuffen.
Kapitalrente nach schwedischem Modell: „Selbst bei einem Totalausfall wären nicht alle Renten weg“
Was es in Schweden schon seit Jahren gibt, soll nun nach Deutschland kommen. Fachleute sagen, wie groß die Risiken der Kapitalrente sind und ob sie die Rente in Deutschland zukunftsfest machen kann.











