Investitionen in Unternehmen sind die Lösung, um die staatliche deutsche Rente zu sichern. Der Staatsfonds Kenfo hat dafür die richtige Struktur und niedrige Kosten. Eine Gefahr aber zeigt sich schon jetzt.29.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenEs geht endlich voran: Bundeskanzler Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas bei der Übergabe des Berichts der Rentenkommission am 23. 6.Jürgen Heinrich / ImagoDies ist ein Kommentar aus dem digitalen Finanzmagazin «The Market NZZ».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Vorschläge der Regierungskommission zur Reform der staatlichen Rente in Deutschland sind ein grosser Wurf. Sie haben das Zeug, die Stimmung im Land zu drehen. Die am Dienstag vorgestellten Empfehlungen beseitigen einige allzu teure und wenig zielgenaue Leistungen, wie die Rente mit 63. Vor allem aber schaffen die Vorschläge dauerhaft eine neue Basis für die staatliche Altersvorsorge, indem sie eine kapitalgedeckte Finanzierung einführen.Die Alterung der Gesellschaft bringt das Umlagesystem der Bundesrepublik ins Wanken. Immer mehr Rentner, immer weniger Beitragszahler: So kann eine ausreichende Versorgung langfristig nicht mehr finanziert werden.Die Lösung ist, einen Teil der Pflichtbeiträge in Aktien zu investieren. Dadurch profitieren alle von der langfristig überlegenen Rendite des Aktienmarkts. Ab 2028 sollen zuerst 0,5 Prozent des Gehalts in die neue Aktienrente fliessen, der Beitragssatz soll dann jährlich steigen bis auf 2 Prozent. Der Beitrag wird je zur Hälfte von Arbeitgeber und Arbeitnehmer gezahlt.«Für die Kapitalanlage soll ein öffentlicher, international wettbewerbsfähiger Fonds wie zum Beispiel der Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung (Kenfo) etabliert werden», heisst es im Kommissionsvorschlag weiter. Wer nicht in diesen öffentlichen Fonds einzahlen wolle, solle aus einer Anzahl zertifizierter Anlagefonds weiterer Anbieter auswählen können, die denselben strengen Kriterien unterliegen müssten.Dieser Vorschlag entkräftet die häufigsten Einwände, die gegen eine staatliche Altersvorsorge am Kapitalmarkt erhoben werden. Und sie bieten Schutz gegen die grösste Gefahr, die einer erfolgreichen Aktienrente droht: der Missbrauch des Kapitals durch die Politik.Bei langfristiger Anlage ist die Angst vor Verlust unbegründetAktienskeptiker behaupten, das Modell sei riskant. «Die Kapitalrente ist nicht sicher», kommentierte die «taz»-Redakteurin Anja Krüger. «Vorsicht: Sichere Renditen von mehr als 3 Prozent pro Jahr wie in der gesetzlichen Rentenversicherung müssen am Kapitalmarkt erst einmal erwirtschaftet werden», schreibt sie warnend. Diese Skepsis wird jedoch durch die Börsendaten der vergangenen 125 Jahre entkräftet. Seit 1900 haben deutsche Aktien eine jährliche reale Durchschnittsrendite von 6,8 Prozent erzielt, das zeigt eine Studie der Deutschen Bank. Die Geldentwertung ist hier bereits berücksichtigt. Selbst wer 1999 auf dem Höhepunkt der Dotcom-Spekulationsblase anfängt zu rechnen, kommt auf eine reale Rendite von 3,9 Prozent.Bei einer langfristigen, international und breit gestreuten Aktienanlage ist die Angst vor Verlusten unbegründet. Die längste Periode, in der Anleger mit amerikanischen Aktien Geld verloren haben, dauerte 16 Jahre, das zeigen die Ökonomen Elroy Dimson, Paul Marsh und Mike Staunton in einem Sonderkapitel des «Global Investment Returns Yearbook» von 2023. Würde die künftige Aktienrente nur in Deutschland investiert, wären die historischen Daten deutlich weniger positiv. Der längste Zeitraum, in dem Anleger mit deutschen Aktien Geld verloren haben, dauerte 55 Jahre. Zwei Weltkriege, Weltwirtschaftskrise und Hyperinflation sind die Gründe. Bei einem international diversifizierten Aktienkorb dauerte die längste Verlustphase 22 Jahre. Vom Berufseinstieg bis zur Rente haben die meisten Menschen erheblich mehr Zeit, um Verluste auszusitzen und die überlegene Rendite einzufahren.Schutz vor den grössten Anlegerfeinden: Angst und GierDass die Aktienrente verpflichtend für alle ist und zentral verwaltet wird, vermeidet das grösste Hindernis für Anleger: die eigene Angst und Gier. Trotz den besten Möglichkeiten, kostengünstig über ETF in den Weltaktienmarkt zu investieren, dürften viele ETF-Investoren weit hinter der Marktrendite zurückbleiben. Denn Anleger kaufen meist im Börsenhype und verkaufen bei Krisen. Teuer kaufen, billig verkaufen: Das ist ein Renditekiller. Durch die Aktienrente wird dauerhaftes Investieren zum Standardmodell für alle.Der deutsche Staatsfonds Kenfo in Berlin hat ein kostengünstiges Modell für die breit gestreute Aktienanlage entwickelt. Es ist daher gut, dass er als Erster genannt wird als möglicher Verwalter der neuen Aktienrente. Bis anhin verwaltet der Kenfo die 25 Milliarden Euro, welche zur sicheren Verwahrung des Atommülls eingezahlt worden sind. In der jüngsten Jahrespressekonferenz vom Juli 2025 teilte die Behörde mit, dass sie mit Aktieninvestitionen über fünf Jahre eine durchschnittliche Rendite von 9,2 Prozent pro Jahr erzielt habe. Seit Auflage des Fonds 2019 seien es inzwischen sogar 11 Prozent Aktienrendite pro Jahr, sagte die Kenfo-Gründungschefin Anja Mikus im Gespräch mit «Table Media».Weltweit indexnah investieren, aber nicht blindDer Kenfo investiert bei seinen Aktienanlagen in Standardwerte der Industrienationen regional 40 Prozent in Europa, 40 Prozent in den USA und 20 Prozent in Asien. In Deutschland hat der Kenfo 5 Prozent seines Aktienportfolios investiert. Er orientiert sich dabei an der Grösse der Wirtschaftsräume, nicht an der Marktkapitalisierung. Der Weltaktienindex MSCI World hat dagegen einen Amerika-Anteil von 72 Prozent und einen Deutschland-Anteil von 2 Prozent.Der Kenfo setzt nicht nur auf Indexinvestitionen, sondern hat mehr als zwei Dutzend Mandate an Fondsgesellschaften für Aktien- und Anleiheinvestitionen vergeben. 55 Prozent dieser Portfolios werden aktiv verwaltet, also durch Fondsmanager und somit teurer als bei einer Strategie, die nur passiv einen Index abbildet. Die aktiven Aktienmandate hätten ihre Benchmark 2024 in Summe um 1,2 Prozentpunkte übertroffen, nach Abzug der Kosten, sagt der Kenfo. «Für amerikanische Standardwerte oder für globale Staatsanleihen brauche ich keinen Fondsmanager», sagt die Kenfo-Chefin Mikus. «Aber für Small-Caps, Hochzinsanleihen oder Investmentstile wie Growth oder Value.»Die Indexinvestments erfolgen nicht über Indexfonds und ETF, sondern über im Auftrag des Kenfo verwaltete Depots («managed accounts»). Daher kann der Kenfo hier selbst entscheiden, ob er SpaceX zur derzeitigen Bewertung ins Depot nehmen möchte oder nicht. Die Entscheidung wird nicht an einen Index- und Börsenbetreiber wie Nasdaq ausgelagert, der mit der Entscheidung über die beschleunigte Aufnahme ganz eigene Geschäftsinteressen verfolgt. Die langjährige Union-Investment-Managerin Mikus und ihr Team sind eher geneigt, Risiken zu reduzieren, auch wenn das etwas Rendite kosten kann. So haben sie schon 2024 die Position beim Chiphersteller Nvidia reduziert, nach grossen Kursgewinnen.An seine Fondsmanager zahlt der Staatsfonds äusserst niedrige Gebühren, die einen Bruchteil der bei Privatanlegern verlangten Gebühren von oft 1,5 Prozent oder mehr betragen. «Wir bekommen die für Grossanleger üblichen Gebühren und können als Staatsfonds nochmals nachverhandeln, weil ein Mandat von uns gut ist für die Reputation», sagt Mikus. Es muss also nicht sein, dass Finanzdienstleister bei der Aktienrente «saftige Gebühren und Provisionen» auf Kosten der Versicherten kassieren, wie die «taz» befürchtet.Grösste Bedrohung der Aktienrente ist die PolitikStaatsskeptiker argwöhnen bereits, dass das Kapital der Aktienrente eines Tages missbraucht werden könnte, um Finanzlücken zu stopfen und politische Wunschprojekte zu finanzieren. Für solche Zweifler wäre der Vorschlag der Rentenkommission eine gute Lösung, dass Versicherte auch Fonds privater Anbieter auswählen können, die noch zu definierenden Kriterien entsprechen (auch bei den Kosten, die ja auch bei Fonds begrenzt sind, die im separaten neuen Altersvorsorge-Depot für die individuelle Vorsorge eingesetzt werden dürfen).Erweitern Sie Ihr NZZ-Abonnement um «The Market NZZ»Als NZZ-Kunde erhalten Sie «The Market NZZ» für 29.60 Euro statt 37 Euro im Monat. Testen Sie jetzt das flexible Angebot. Monatlich kündbar.Zum rabattierten Angebot für NZZ-AbonnentenDie Kenfo-Chefin Mikus, die Ende 2026 selbst in Rente geht, hat Wünsche der Politik nach direktem Einfluss stets erfolgreich zurückgewiesen. «Die Investmententscheidungen treffen ausschliesslich Expertinnen und Experten, nicht politische Gremien», sagt Mikus bei «Table Media». Ziel einer Kapitalmarktrente müsse das Erzielen einer guten Rendite sein – ein direkter oder indirekter Förderauftrag stehe dem im Weg. «Das kann dann natürlich Konsequenzen für die Rendite haben.»Politikberater haben bereits die ersten Wünsche geäussert, wofür das Geld der neuen Kapitalrente auch genutzt werden könnte, allen voran der Ökonom Jens Südekum von der Universität Düsseldorf, der persönlicher Beauftragter von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil ist. «Ein Teil des Geldes könnte in Infrastrukturprojekte investiert werden», sagte Südekum der «Financial Times». Dies sei eine grosse Chance, die Nachteile der europäischen Kapitalmärkte zu überwinden.Die Bundesregierung sollte es vermeiden, die Aktienrente mit anderen Zielen zu vermengen. Sonst könnte tatsächlich die erhoffte Rendite für die Altersvorsorge sinken, wie die erfahrene Portfoliomanagerin Mikus zu Recht warnend hervorhebt. Die Wissenschaft gibt ihr gerade bezüglich der von Südekum geforderten Infrastrukturinvestitionen recht. «Die Cashflows von Infrastrukturfonds zeigen dieselbe Volatilität und Zyklizität wie andere Private-Equity-Investitionen, und ihre Rendite hängt ebenso von schnellen Exit-Deals ab», das zeigen der Ökonom Roman Kräussl von der Bayes Business School und seine Kollegen in einer Studie, für die sie Investitionen in 5900 Infrastrukturfonds analysiert haben.Besonders schlecht steht es bei öffentlichen Investitionen in Infrastrukturfonds, wie sie Südekum vorschlägt. «Öffentliche Investoren erzielen eine schlechtere Rendite als private Investoren» lautet ein weiterer Befund von Kräussl und Kollegen.Die in der Öffentlichkeit so genannte Aktienrente sollte auch eine echte Aktienrente werden. Daher ist auch der Vorschlag der Ökonomen Monika Queisser (OECD) und Jörg Rocholl (ESMT Berlin) problematisch. Die beiden Mitglieder der Rentenkommission schreiben in einem Gastbeitrag für das «Handelsblatt» zwar, dass das Kapital nach Ländern, Anlageklassen und Branchen breit gestreut werden solle, um ein besonders gutes Verhältnis von Rendite und Risiko zu erzielen. Dann schränken sie diese wichtige Forderung aber selbst ein, indem sie «stärkere Investitionen in junge Unternehmen in Deutschland» anregen. Die wären sicher wünschenswert, aber die Aktienrente ist das falsche Instrument dazu. Sie sollte vor allem ein gutes Risiko-Rendite-Profil anstreben mit geringen Gebühren. Geringe Kosten für Investitionen bietet vor allem der Aktienmarkt. Venture-Capital-Fonds sind dagegen viel teurer.In der Hauptsache haben Queisser und Rocholl aber recht: Die Aktienrente ist eine der wichtigsten Reformen überhaupt. Als breit gestreute Investition in den Weltaktienmarkt zu niedrigen Gebühren wäre sie beim Staatsfonds Kenfo in guten Händen.