Audrey Pulvar, Kommunalpolitikerin in Paris, hielt ihren Ärger nicht zurück: „Liebe amerikanische Journalisten und Social-Media-Influencer“, begann sie ihre Rüge derjenigen Amerikaner, die sich über Europäer ohne Klimaanlage lustig machen. Mit den zweithöchsten Treibhausgas-Emissionen der Welt seien sie mitverantwortlich für Klimawandel und Extremhitze. Wenn amerikanische Städte ähnliche Anstrengungen zum Klimaschutz unternähmen wie französische Kommunen, stünde die Welt schon viel besser da, schimpfte Pulvar. Das ging auch an die Adresse von Milliardär Elon Musk, der bei X einen der vielen Schmäh-Posts über vermeintlich unnötig schwitzende Europäer geteilt hatte.Als die Wettervorhersage für Hamburg plötzlich höhere Temperaturen vorhersagte als für New York, sah man tatsächlich häufig die ungläubige Frage von Amerikanern im Netz: „Warum kauft ihr euch nicht einfach eine Klimaanlage?“ Kulturkritiker Thomas Chatterton Williams, der zeitweise in Frankreich lebt, sah im Magazin „The Atlantic“ schon einen „transatlantischen Kulturkampf“ um die kalte und heiße Luft aufziehen.Das gegenseitige Unverständnis zeige, dass Amerikaner und Europäer grundsätzlich unterschiedliche Beziehungen zu den Themen Komfort und Infrastruktur hätten. Amerikaner reagierten auf jegliches Unbehagen mit technischen Problemlösungen. Im Gegensatz dazu akzeptierten Europäer körperliche Unbequemlichkeiten eher als Teil des Lebens. Was die einen für lebenswichtig hielten, sei für die anderen eine Frage vielfältiger Abwägungen. Klimaanlagen vergrößern schließlich die CO₂-Belastung, verschandeln nach Ansicht mancher Menschen das Stadtbild, können gegen Vorschriften verstoßen und treiben Energiekosten in die Höhe.Amerika kann kein Vorbild seinDiese unterschiedlichen Haltungen erscheinen durch die Zuspitzung in den sozialen Medien im Moment wie wechselseitige Karikaturen. Für viele Amerikaner, die sich online spöttisch äußern, wirken Europäer rückständig und moralisch eitel. Und manch ein Europäer findet die Amerikaner verschwenderisch und verweichlicht, weil die überall künstliche Kälte brauchen, egal ob bei 25 Grad in Boston oder bei über 40 in Phoenix.In den letzten Tagen machte eine Statistik die Runde, wonach Europa mehr Hitzetote habe als Amerika Todesopfer durch Schusswaffen – was das genau aussagen sollte, weiß man nicht. Dass die europäische Extremhitze lebensgefährlich werden kann, ist auch dort den meisten Menschen klar, man erlebt es in Schulen, Krankenhäusern, Altenheimen und auch in kleinen engen Wohnungen von Menschen mit geringem Einkommen. Die Verbreiter der Schusswaffen-Grafik wollen wohl auch sagen, dass beide Probleme vermeidbar seien.Doch die Amerikaner, die jeden Raum auf Kühlschranktemperatur bringen, sind natürlich kein Vorbild. Europäische Länder müssen stattdessen einen Weg gehen, der der modernere sein wird: Kühlungslösungen für lebenswichtige Infrastruktur und für gefährdete Gruppen entwickeln, hitzeresistente Häuser bauen, Städte, in denen es zu viel Beton und zu wenig Grün gibt, umgestalten.Manche Amerikaner, die sich jetzt über die Europäer mokieren, haben zumindest in einem Punkt recht: Wer es früh genug merkt, kann mit der zwangsläufig kommenden Umstellung viel Geld verdienen – die Frage ist nur, wie nachhaltig die passiert.
Amerikaner und Europäer streiten über Klimaanlagen
Amerikaner halten Europas Umgang mit der Hitze für rückständig, Europäer kritisieren die Vereinigten Staaten als verschwenderisch. Der Streit über Klimaanlagen ist längst zu einem Kulturkonflikt geworden.











