Um Klimaanlagen tobt ein Kulturkampf – und die EU weiss nicht so recht, wie sie sich dazu stellen sollEuropäische Länder kühlen ihre Gebäude deutlich seltener als andere wohlhabende Regionen der Welt. Im Rahmen der aktuellen Hitzewelle wird das zum Politikum: Sind Klimaanlagen rechts?01.07.2026, 14.05 Uhr4 LeseminutenKlimaanlagen können auch grün sein: An einem Festival in Deutschland wurde ein Saunafass zur «Kühloase» umfunktioniert. Der Strom stammt aus Solarpanels auf dem Dach.Wolfgang Maria Weber / ImagoNach der Hitzewelle ist vor der Hitzewelle: Im Vergleich zu letzter Woche sind die Temperaturen dieser Tage geradezu angenehm, aber der Blick auf die Wetterprognose treibt einem schon wieder die Schweissperlen auf die Stirn. Ab Sonntag sind in der Schweiz erneut über 30 Grad Celsius angekündigt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im restlichen Europa ist es nicht anders. In mehreren Staaten sind jüngst neue Juni- oder gar Allzeitrekorde aufgestellt worden. Der Kontinent schwitzt – und mit jedem zusätzlichen Grad gewinnt eine Diskussion an Fahrt, die ökonomische, ökologische und kulturpolitische Elemente vereint: der Sinn oder Unsinn von Klimaanlagen.Unter allen wohlhabenden Regionen der Welt ist Europa der klare Ausreisser bei der Verwendung der Geräte, die vor bald hundert Jahren erstmals kommerzialisiert wurden. In den USA beträgt der Anteil der Haushalte mit Klimaanlagen je nach Statistik rund 90 Prozent, auch in Japan, Südkorea und – in etwas geringerem Ausmass – in Australien und China sind die Werte hoch. Auf dem alten Kontinent verfügt hingegen nur rund ein Viertel aller Haushalte über eine Klimaanlage – was durchaus mit dem «alt» zu tun hat.Europa ist aufs Heizen ausgerichtetDer Anteil historischer Gebäude ist in Europa deutlich höher als in anderen Weltregionen, auch die Innenstädte sind dichter. Die Häuser wurden, mittels dicker Mauern und kleiner Fenster, fürs Heizen optimiert – und ein nachträglicher Einbau einer Klimaanlage ist aufwendig und teuer. Hinzu kommt, dass die Energiepreise in Europa höher und die Anzahl der unerträglich heissen Tage immer noch geringer ist. Nicht zuletzt blicken die ökologisch bewussten Nordeuropäer mit einer gewissen Erhabenheit auf die verschwenderisch kühlenden Amerikaner.Der Klimawandel und die damit verbundenen intensiveren Hitzeperioden bringen diese Gewissheiten nun aber ins Wanken. Unbestritten ist, dass es der Produktivität nicht zuträglich ist, wenn Arbeitnehmer sich mit der Kühlung ihres Körpers beschäftigen müssen, statt Maschinen zusammenzubauen oder schlaue Gedanken zu fassen. Aber rechtfertigt diese ökonomische Tatsache die flächendeckende Verwendung der Kühlgeräte, oder halten sie die Gesellschaft vielmehr davon ab, Massnahmen zur Eindämmung des Klimawandels voranzutreiben?«Links-grüner Hokuspokus»Entlang dieser Parameter erfolgt die politische Diskussion dieser Tage. Wenig erstaunlich entspricht die Trennlinie dem klassischen Links-rechts-Schema. Besonders virulent äussert sich Marine Le Pen, die Fraktionspräsidentin des Rassemblement national, das intakte Chancen hat, nächstes Jahr die Präsidentschaftswahlen zu gewinnen. Sie spricht vom «grand plan clim» und kündigt an, den Ausbau von Klimaanlagen zur Priorität zu machen, sollte sie gewählt werden.Im belgischen Gent ist derweil eine Lokalposse vom Zaun gebrochen, weil die Behörden der links regierten Stadt bis vor wenigen Tagen auf ihrer Website dazu aufgerufen haben, «Klimaanlagen zu vermeiden». Für den Rechtsaussenpolitiker Maurits Vande Reyde war dies ein gefundenes Fressen, um den «absurden links-grünen Hokuspokus» in den sozialen Netzwerken zu geisseln. Die «New York Times» fragte daraufhin bei den Stadtbehörden nach – seither wird auf der Website empfohlen, «clever» zu lüften.Doch Klimaanlagen müssen nicht rechts sein. Dass der Strom mittlerweile zu einem höheren Anteil aus erneuerbaren Energieträgern stammt, weicht die politischen Positionen auf. Gerade im sonnenreichen Süden Europas war der Zubau von Photovoltaik in den vergangenen Jahren spektakulär, so dass es nicht mehr ein Widerspruch sein muss, gleichzeitig für strengere Klimavorgaben und für mehr Klimaanlagen zu sein. In verschiedenen Ländern haben sich Vertreter der Grünen jüngst so geäussert.Schwitzen in der EU-ZentraleDie EU-Kommission tut sich derweil schwer, sich in dieser buchstäblich hitzigen Debatte zu positionieren. Gleich zwei Sprecherinnen mühten sich am Montag wortreich, aber inhaltsarm am Thema ab. «Wir haben Richtlinien, aber ob wir eine bestimmte Haltung zum Thema Klimaanlagen haben – ob dafür oder dagegen? Nicht wirklich», sagte die Umweltsprecherin Anna-Kaisa Itkonen. Sie verwies darauf, dass die EU-Kommission kein «Mikromanagement» betreibe und in erster Linie die Mitgliedsstaaten zuständig seien.Die Chefsprecherin Paula Pinho gedachte ihrerseits der zahlreichen Todesopfer, die durch die Hitzewelle zu beklagen waren. «Das hat uns einmal mehr daran erinnert, wie wichtig unsere Klimapolitik ist», sagte sie am Montagmittag im angenehm gekühlten Kommissionshauptsitz.Nur drei Tage zuvor war es gleichenorts deutlich ungemütlicher. Ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Hitzewelle, bei 35 Grad im Schatten, mussten im Berlaymont-Gebäude die Klimaanlagen abgeschaltet werden. Grund dafür waren technische Probleme – aber zuerst wurde die Massnahme nur auf den unteren sieben Etagen angewandt, wo die weniger hochrangigen Kommissionsmitarbeiter ihren Arbeitsplatz haben. Gegenüber «Politico» sprachen Betroffene von «feudalistischen Zuständen». Gegen Ende des Tages war dann das ganze dreizehnstöckige Gebäude ohne Kühlung.Passend zum Artikel
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