Der Fall Siegfried Unseld hat wieder daran erinnert, dass der Aufbau der westdeutschen Nachkriegsdemokratie sich auch auf eine bestimmte linksliberale Elite stützte, die in den Jahren des Nationalsozialismus in die NSDAP, die SA, SS oder in parteinahe universitäre Verbände und Organisationen eingetreten war, ohne später darüber zu sprechen. In den Nullerjahren wurde eine ganze Reihe solcher Fälle bekannt: Walter Jens und Günter Grass, Walter Höllerer und Dieter Hildebrandt, Siegfried Lenz und Martin Walser.Im Jahr 1998 fand zudem jener Frankfurter Historikertag statt, der Startpunkt für Ermittlungen zur Verstrickung deutscher Historiker in den Nationalsozialismus war, inklusive der Väter der Sozialgeschichte wie Werner Conze. Auch die Institutionenforschung über belastete Vergangenheit begann nun. Dabei ging es um die Frage, wie angesichts solcher Belastungen die Demokratisierung oder Liberalisierung, manche sprachen von Verwestlichung, der Nachkriegsdemokratie in der Bundesrepublik möglich war. „Vergangenheitspolitik“ und „Verwandlungspolitik“ waren die Stichworte.Nach der EnttarnungBereits 1995 hatte ein spektakulärer Fall die Öffentlichkeit erregt: Der Germanist und Rektor der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, Hans Schwerte, war in seinem früheren Leben Hans Ernst Schneider gewesen, ein 1909 geborener Mitarbeiter des SS-Ahnenerbes, der in den Niederlanden und Belgien möglicherweise auch Geräte und Material für Menschenversuche in Konzentrationslagern beschafft hatte. 1945 hatte er in den Wirren des Kriegsendes eine neue Identität angenommen, was nicht selten vorkam, das Bundesfamilienministerium schätzte 1954 eine Zahl von 60.000 solcher „U-Boote“.Angelina Pils: „Schneider/Schwerte“. Ein westdeutsches Doppelleben 1945–1999WallsteinSchwerte heiratete die „Witwe Schneider“ ein zweites Mal, und der bereits während des Nationalsozialismus Promovierte schrieb eine weitere Doktorarbeit. Später habilitierte er sich in Erlangen als Assistent des Germanisten Hans Otto Burger, ehemals Mitglied der SA und NSDAP, mit einer ideologiekritischen Arbeit über den „Faust und das Faustische“. Schließlich wurde Schwerte Rektor der RWTH Aachen und war der sozialdemokratischen NRW-Landesregierung ein guter Partner bei der Modernisierung und Demokratisierung der Hochschullandschaft. Auch um die Beziehungen zu den Niederlanden machte er sich verdient.Der Fall schlug nach der Enttarnung hohe Wellen, sogar weltweit: Der Ministerpräsident entschuldigte sich bei den Nachbarländern, eine Historikerkommission ermittelte, Bücher und Texte entstanden, Deutungskämpfe wurden geführt. Schneider alias Schwerte fühlte sich ungerecht behandelt und starb 1999 ohne das ihm wieder aberkannte Bundesverdienstkreuz, das er für seine akademischen Beziehungen zu Belgien und den Niederlanden erhalten hatte.„Erweckungserlebnis“ im Frühjahr 1945?Dreißig Jahre danach rollt nun eine Dissertation die Geschichte neu auf. Die Historikerin Angelina Pils geht der Frage nach, wie Schneider seine Karriere eigentlich gelang und Hochschule und Wissenschaftsministerium dann mit der Enttarnung umgingen. Als neue Quellen hatte sie Schwertes Tagebuch sowie die Akten der Landesregierung und der Hochschule zur Verfügung.Pils hat in Schwertes Tagebuch nach Reflexionen über den Identitätswechsel gesucht. Für die unmittelbare Phase von 1945 bis 1948 hat sie nichts gefunden – was durchaus ein Ergebnis ist, denn Schwerte hatte 1995 von einem „Erweckungserlebnis“ im Frühjahr 1945 gesprochen: Die Verbrechen des Regimes seien ihm damals schlagartig klar geworden, nun habe er den Neuanfang mitgestalten wollen. Eine völkisch-nationalistische Prägung hinter der neuen liberalen Identität blieb aber, wie Pils zeigt, vorerst bei dem Erlanger Assistenten erkennbar. Die Verwandlung geschah also nur allmählich. Der ideologiekritische Germanist der Sechzigerjahre passte sich immer mehr der Maske an, die er selbst geschaffen hatte. Bei den Nürnberger Gesprächen 1965 forderte er im Beisein von Jean Améry und Fritz Bauer, die Deutschen müssten die kollektive Verantwortung für die NS-Verbrechen übernehmen.Schwerte glaubte da längst, die Schuld Schneiders wiedergutgemacht zu haben. In seinem Tagebuch trat jedoch mit fortschreitendem Alter die eigene gebrochene Biographie immer mehr in den Vordergrund, weil sich die öffentlichen kritischen Fragen nach Profiteuren, Opportunisten und „Braun-Schweigern“ häuften. Die Affäre um den „Frühschoppen“-Moderator Werner Höfer etwa regte Schwerte auf. Er beklagte sich im Selbstgespräch über die Ignoranz der Gegenwart, die nicht verstehe, wie Hitlers „Machtergreifung“ sein Leben und das vieler anderer eben „ergriffen“ habe. Seine Leistungen nach 1945 dienten Schwerte zur Selbstrechtfertigung: Abarbeiten statt Aufarbeiten der NS-Zeit war seine Devise. Die Formeln der Selbstvergewisserung lauteten „Was hätte ich denn anders tun können?“ oder „Wenn ich die Wahrheit gesagt hätte, was hätte ich dann noch Gutes tun können?“.Zwischen Reue und SelbstmitleidSchneider gehörte nicht zur „kämpfenden Bürokratie“, ein Weltanschauungsrevolutionär war er gleichwohl. Nach dem Krieg bewegte sich Schwerte mit einer Ausnahme keineswegs innerhalb der alten Seilschaften und blühte in der Phase der öffentlichen Doppelstrategie des „kommunikativen Beschweigens“ (Hermann Lübbe) regelrecht auf: Einerseits wurde der Nationalsozialismus verurteilt und ein demokratisches Bekenntnis verlangt, um ein Amt bekleiden zu können; andererseits wurde nicht nach der persönlichen Rolle und Verantwortung gefragt. Der Philologe Fritz Martini, einst NSDAP und SA, befürwortete die Berufung Schwertes nach Aachen mit der Feststellung: „Seine lautere Persönlichkeit, die sich besonders in seinem Verhalten während der Jahre 1933–1945 äußerte, gibt Gewähr, dass er eine erfreuliche Bereicherung der Fakultät bilden würde.“In der Tat konnte der Reformrektor, der mehr Demokratie wagte, an der geisteswissenschaftlich angereicherten Technischen Hochschule progressive Impulse setzen: „Kein Ingenieur, kein diplomierter Naturwissenschaftler sollte künftig mehr die Technische Hochschule verlassen, ohne im Einzelnen zu wissen, in welcher und für welche Gesellschaft er lebt und arbeiten wird. Und umgekehrt: kein Lehrer, kein sogenannter Geisteswissenschaftler sollte künftig mehr die Technische Hochschule verlassen, ohne im Einzelnen zu wissen, in welcher naturwissenschaftlich-technisch geprägten Umwelt er lebt und arbeiten wird.“ Ein vollendeter Satz in Zeiten des sozialliberalen Aufbruchs und der gesellschaftlichen Modernisierung. Ersetzte man das Wort „Gesellschaft“ durch „Volksgemeinschaft“, hätte ihn freilich auch Schneider formulieren können.In den Neunzigerjahren veränderte sich allerdings der Umgang mit der NS-Geschichte, und die wirksame Übereinkunft, die Vergangenheit ruhen zu lassen, wurde aufgekündigt. Pils fällt auf, dass die mediale Empörung in den Jahren nach 1995 nicht Schneiders Leben galt, sondern Schwertes Karriere, die auf Verwandlung und Vertuschung gründete. Das Ausweichen vor der „Verantwortung“ war das Schockierende, sie machte die Biographie nun skandalös. Das verstand Schwerte nicht mehr.Angelina Pils: „Schneider/Schwerte“. Ein westdeutsches Doppelleben 1945–1999. Wallstein Verlag, Göttingen 2026. 312 S., Abb., geb., 32,– €.
Aus Hans Schneider wird Hans Schwerte: Wie ein SS-Mann 1945 neu anfing
Nach Kriegsende tauchten Zehntausende unter. Einige schafften es bis ganz nach oben: Der SS-Angehörige Schneider wurde unter neuem Namen Rektor, förderte die Demokratie und glaubte, seine Schuld getilgt zu haben.









