SPIEGEL: Herr Professor Schulte, welche Rolle spielte die SS im Machtgefüge des NS-Staates?Schulte: Die Schutzstaffel, kurz SS genannt, war eine der zentralen Gliederungen der NSDAP. Sie entstand 1925 als paramilitärische Formation und gehörte zunächst zur SA, den sogenannten Sturmabteilungen der Partei. Die SS stellte Saalschutz bei Veranstaltungen, war an Aufmärschen beteiligt. Sie trug wesentlich zu den bürgerkriegsähnlichen Zuständen der letzten Jahre der Weimarer Republik bei – mit Straßenkämpfen, Gewalttaten, auch Morden. Die SS verstand sich zugleich als eine Art Wachtruppe im engsten Umfeld Hitlers.

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SPIEGEL: Waren alle SS-Angehörigen automatisch auch Mitglieder der NSDAP?Schulte: In der frühen Phase ging vieles durcheinander. In der Vorkriegszeit fielen SS- und Parteimitgliedschaft idealerweise zum Teil zusammen, aber es war keineswegs so, dass jedes SS-Mitglied automatisch Parteimitglied war – auch nicht nach 1933.

SPIEGEL: Wie entwickelte sich die SS nach der Machtübergabe 1933?Schulte: 1933 war keineswegs klar, welche Rolle die SS im »Dritten Reich« spielen würde. Sie hatte bereits einen innerparteilichen Nachrichtendienst aufgebaut und erste bewaffnete Formationen, aber ihre Zukunft war offen. SS-Chef Heinrich Himmler war damals zunächst nur Polizeipräsident von München, also in der Peripherie. Von dort aus baute er zunächst die bayerische politische Polizei auf, einen Vorläufer der Gestapo. Nach und nach konnte er die politischen Polizeien in den Ländern übernehmen, später auch in Preußen. Nach dem sogenannten Röhm-Putsch 1934, also der gewaltsamen Ausschaltung der SA-Führung durch Hitler und seine Helfer, wurde die SS dann eigenständig. Sie erhielt zudem die Erlaubnis, eine bewaffnete »Verfügungstruppe« aufzubauen, Keimzelle der späteren Waffen-SS.