Unter neuem Namen heiratete er seine Frau noch einmal: Metamorphose eines NazisWie widersprüchlich und grotesk die Karrieren glühender Nationalsozialisten in der Bundesrepublik sein konnten, zeigt der Fall des SS-Intellektuellen Hans Ernst Schneider, der als Hans Schwerte zum gefeierten Germanisten und Vorzeigedemokraten mutierte.28.05.2026, 05.30 Uhr7 Leseminuten«Hätte ich fortan Würstchen verkaufen sollen?»: Hans Ernst Schneider alias Hans Schwerte nach seiner Enttarnung im Jahr 1995.Interfoto / AlamyAls der Krieg fast vorbei ist, zieht Hans Ernst Schneider einen Schlussstrich. Er verlässt das SS-Amt im Villenviertel Berlin-Dahlem, nicht ohne zuvor vorschriftsgetreu im Vorgarten kompromittierende Akten zu verbrennen. Dann reist er durch ein Deutschland, das in Trümmern liegt, fast 300 Kilometer in den Nordwesten. So jedenfalls ist es in seinem Tagebuch vermerkt: Der letzte Eintrag datiert vom 1. April 1945, noch aus Hitlers Reichshauptstadt, der nächste, am 3. Mai, trägt die Ortsangabe Lübeck. Ein dicker Strich, quer über das Papier, markiert den Ortswechsel. Aber auch den Abschluss des alten Lebens.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Denn nun beginnt Hans Ernst Schneider nochmals neu: mit gefälschten Papieren, die ihn als Hans Schwerte ausweisen. Die Vergangenheit ist zu Ende, aber sie lässt sich nachträglich in Ordnung bringen. Er studiert wieder Germanistik, doktoriert ein zweites Mal, heiratet noch einmal die gleiche Frau. Aus dem Grossgermanenforscher des «Dritten Reichs» wird letztlich ein gefeierter Germanistikprofessor in der Bundesrepublik, aus dem Nazi-Intellektuellen ein linksliberaler Reformer.Ein Mann, zwei Karrieren, und am Schluss die Scham und die Schande, als das Doppelleben Mitte der 1990er Jahre unter grossem medialem Getöse enttarnt wird. «Die Einheit der Persönlichkeit ist eine fragwürdige Angelegenheit», witzelte einst Gottfried Benn. Das hätte Schneider/Schwerte gefallen. Doch es ist eine ernste Sache, wie eine Gesellschaft mit belasteten Biografien umgehen soll. Mit Mitläufern und Tätern, die sich geschmeidig an die neue Zeit anpassen, aus Einsicht, Verdrängung, Opportunismus – oder aus allem zusammen, wie im spektakulären, ja geradezu grotesken Fall von Schneider/Schwerte.Im Dienst des «Ahnenerbes»Die Historikerin Angelina Pils hat zu diesem «westdeutschen Doppelleben» eine Studie vorgelegt – 80 Jahre nach Schneiders Verwandlung in Schwerte und 30 Jahre nach seinem Auffliegen. Pils untersucht, wie solche Identitätswechsel und Karrieren möglich waren. Sie wertet erstmals die Tagebücher aus, die Schneider/Schwerte während 57 Jahren schrieb, sowie die Akten der Technischen Hochschule in Aachen, an welcher der ehemalige SS-Mann so lange unerkannt oder unbehelligt lehrte, ja gar als Rektor amtete. Und sie zeigt, wie widersprüchlich der Weg von der Diktatur in die Demokratie war.Das Timing könnte nicht besser sein. Aufgeregt debattiert Deutschland derzeit über Herkunft und Verwandtschaft, über Nazi-Verstrickungen in der eigenen Familie. Seit die National Archives in den USA im März die Mitgliederkartei von Hitlers NSDAP ins Netz gestellt haben (und die «Zeit» und der «Spiegel» die Datenbank benutzerfreundlich aufbereiteten), sind Opa und Oma mit wenigen Klicks entlarvt. «Das Lügen hat ein Ende», titelt der «Spiegel» bereits. Und fragt: «Gehen die Deutschen jetzt den letzten, für viele schmerzhaften Schritt bei der Aufarbeitung ihrer mörderischen Geschichte?» Dass die Nazi-Kartei für jedermann zugänglich sei, bedeute «einen erheblichen Wandel unserer Erinnerungskultur», sagt die Kulturwissenschafterin Aleida Assmann. Tatsächlich offenbart das Mitgliederverzeichnis die Mitmachbereitschaft der damaligen deutschen Gesellschaft, die viel grösser war, als heute viele meinen.«Totaler Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften»: Hans Ernst Schneider in SS-Uniform.Bridgeman ImagesDie Zeit der Lebenslügen beginnt mit der vermeintlichen Stunde null im Mai 1945, dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Schon kurz danach fällt den ausländischen Beobachtern, die durch das untergegangene «Dritte Reich» reisen, auf, dass so gut wie niemand Nazi gewesen sein will. Keiner hat dazugehört, keiner hat sich schuldig gemacht. Schon gar nicht Hans Ernst Schneider, der sich als Hans Schwerte neu erfindet. Der Namenswechsel ist seine Überlebensstrategie.1909 ist er in Königsberg in eine Familie des mittleren Bürgertums hineingeboren. Er ist ein hochgewachsener, hagerer und blonder Ostpreusse mit rollendem R. Er träumt davon, Schriftsteller zu werden, lehnt die Weimarer Republik ab, sehnt sich nach Neuem. Während des Studiums der Germanistik lernt er die völkische Ideologie kennen, die damals vielen als modern gilt. 1933 tritt er in die SA ein, 1937 in die SS, zu deren elitärem Arierorden er auch äusserlich passt. Wenig später ist er zudem Mitglied in der NSDAP, Parteiausweis Nummer 4923959. Nach der Dissertation tritt er eine Stelle im Rasse- und Siedlungshauptamt Berlin an, bereits 1940 ist er im Persönlichen Stab Reichsführer-SS, Heinrich Himmler. In dessen pseudowissenschaftlicher «Lehr- und Forschungsgemeinschaft», dem «Ahnenerbe», widmet er sich der grossgermanischen «Volkstumsarbeit», etwa dem Studium alter Volkstänze. Zielstrebig steigt Schneider in Führungspositionen der ideologischen Kriegsführung auf, wird Hauptsturmführer.In den besetzten Benelux-Staaten betreibt er Propaganda an den Hochschulen, hetzt gegen «hasenfüssige» Literaten, schreibt über den «totalen Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften», wirbt Freiwillige an für den Kampf in der Waffen-SS. Selbst bleibt er ein Schreibtischtäter, entgeht mehrfach dem Fronteinsatz in den berüchtigten Sonderkommandos – vor allem dank dem «Ahnenerbe»-Geschäftsführer Wolfram Sievers (der später von den Alliierten zum Tod verurteilt und hingerichtet wird). Schneider lässt sich jedenfalls bis heute keine Kriegsverbrechen nachweisen. Es ist aber auch nicht nur eine «grossgermanische Spielwiese» gewesen, eine «Aufblähung von nichtsnutzigem Nationalismus», wie er seinen Einsatz Jahrzehnte danach verharmlosen will. Mindestens einmal hilft Schneider, an der Universität Leiden medizinische Geräte zu beschaffen, die im KZ Dachau für tödliche Menschenversuche eingesetzt werden.Der radikale BruchSeine organisatorischen Fähigkeiten beweist Schneider auch, als er sein Verschwinden plant. Er besorgt sich als Hans Schwerte, geboren 1910, gefälschte Papiere als Gefreiter der Wehrmacht samt einer Bescheinigung über eine angebliche britische Kriegsgefangenschaft. Die unter dem Oberarm eintätowierte SS-Nummer lässt er durch einen Arzt in eine «Schusswunde» verwandeln. Seine Frau lässt ihn von einem Notar für tot erklären, während er selbst vor dem Gebäude wartet. Etwas später heiratet er seine offiziell verwitwete Frau ein zweites Mal – nun einfach als Hans Schwerte. In der damaligen chaotischen Zeit, in der viele amtliche Dokumente «durch Feindeinwirkung» verlorengegangen sind, beschafft er sich leicht schulische Ersatzbescheinigungen, studiert bald wieder Germanistik, wird Assistent an der Universität Erlangen, doktoriert erneut.Ein «fast unglaubliches Glück» sei das gewesen, wird er sich später erinnern. Die Historikerin Angelina Pils stellt indes klar, Schneider/Schwerte habe sich «vielmehr aufgrund seiner beruflichen Erfahrungen während der Diktatur, besonders aber durch seine gefälschte Identität, in eine ideale Ausgangsposition gebracht, um eine wissenschaftliche Karriere zu beginnen».Tatsächlich profitiert er vom akademischen Fachkräftemangel in der unmittelbaren Nachkriegszeit sowie von den schnell wachsenden Studierendenzahlen, die ab den 1950er Jahren Neugründungen von Universitäten zur Folge haben. Aber auch davon, dass niemand Recherchen anstellt oder seine neue Identität auffliegen lässt, obwohl es Mitwisser geben muss. Zu viele haben ebenfalls keine reine Weste, die personelle Kontinuität von Hitlers Funktionselite ist hoch, in der Verwaltung, der Justiz, den Hochschulen. «Karrieren im Zwielicht» nennt es der Historiker Norbert Frei. Und schon 1947 schrieb der Intellektuelle Eugen Kogon angesichts der Schwierigkeit, zehn Millionen Mitglieder der NSDAP in die Demokratie zu integrieren: «Man kann sie nur töten oder gewinnen.»Es ist ein Rätsel, wie viele ehemalige Nazis einen so radikalen Bruch wählen wie Schneider/Schwerte, um sich möglichst nahtlos in die neue Welt einzugliedern. Nach einigen Jahren der Strafverfolgung und Entnazifizierung durch die Alliierten setzt Bundeskanzler Adenauer erste Amnestien durch: Gefälschte Identitäten können unter Zusicherung von Straffreiheit abgelegt werden. Bis zum ersten Stichtag im Frühling 1950 wollen nur 241 Personen reinen Tisch machen. Schneider/Schwerte gehört nicht dazu. Nach seiner Enttarnung 1996 wird er sagen: «Ich hatte Frau und Kinder. Ich stand vor der Habilitation und war bayrischer Beamter. Hätte ich fortan Würstchen verkaufen sollen?»Seine Habilitationsschrift widmet er sinnigerweise Goethes «Faust» – jenem rastlosen Mann mit den zwei Seelen in der Brust. Schneider/Schwerte macht sich mit seinem ideologiekritischen Ansatz einen Namen als progressiver Germanist in der sozialliberalen Bundesrepublik. Er spricht öffentlich über die Frage: «Was hat Auschwitz mit dem deutschen Menschen zu tun?» Er wird 1965 Professor an der Technischen Hochschule in Aachen, später deren weitum geschätzter Rektor, der mit Ehrungen wie dem Bundesverdienstkreuz bedacht wird. Wie raffiniert seine Tarnung ist, zeigt sich schon während der Berufung. «Seine lautere Persönlichkeit, die sich besonders in seinem Verhalten während der Jahre 1933–1945 äusserte, gibt Gewähr, dass er eine erfreuliche Bereicherung der Fakultät bilden würde», steht im Gutachten.«Irrtümer abarbeiten»Alles nur Vorspiegelung falscher Tatsachen? Angelina Pils verneint nach der Lektüre der Tagebücher von Schneider/Schwerte. Zu dessen «Selbstverständnis» gehörte, vor wie nach 1945, «die Überzeugung, einer gesellschaftlichen Avantgarde anzugehören, Entwicklungen voranbringen zu können und die Gegenwart (zum Besseren) zu gestalten». Seine Reflexionen zeugen «von einer tiefen inneren Zerrissenheit». Aber «nach einer recht kurzen Übergangszeit», so die Historikerin, sei es ihm gelungen, «sich von alten Loyalitäten und Positionen zu lösen und sich zur liberalen Demokratie zu bekennen».Schon der Politologe Claus Leggewie argumentierte 1998, dass sich Schneider/Schwerte nicht nur namentlich, sondern auch ideologisch gewandelt habe. «Das ungewöhnliche Leben eines Mannes, der aus der Geschichte lernen wollte», lautete der Untertitel seines Buchs. Und Leggewie formulierte zugespitzt: «Nicht nur Schneider hat seinen Namen 1945 verändert, sondern auch das Deutsche Reich, das sich zur Bundesrepublik ernannte.»Als der längst emeritierte Schneider/Schwerte 1993 einen anonymen Brief aus Aachen erhält, der ein Foto seines alten Lebens in SS-Uniform enthält, legt er sich bereits seine Rechtfertigung im Falle seiner Enttarnung zurecht. Er notiert in sein Tagebuch: «48 Jahre der Versuch, jene 8–9 Jahre wieder gut zu machen. (. . .) Aber Hochstapelei nirgends. Promotion, Habilitation, Berufung, Wahlen usw. ganz regelhaft. Nur die ersten Angaben, ab Mai 1945, waren falsch.»Doch gibt es ein richtiges Leben im falschen? Lassen sich «die Irrtümer von 1937–1945 abarbeiten», wie Schneider/Schwerte glaubt? Als zwei Jahre später niederländische Journalisten enthüllen, was an der Technischen Hochschule Aachen schon mindestens ein Jahrzehnt lang gemunkelt, aber bestenfalls zaghaft verfolgt wurde, bricht ein monströser Skandal über Schneider/Schwerte herein. Er verliert Rang, Ehre und seine Pension. Der Enttarnte gibt nur zu, was sich nicht mehr abstreiten lässt, verklärt, bagatellisiert. Und so kommt auch Angelina Pils zum Fazit: «Schneiders Vergangenheit konnte durch die Lebensleistung Schwertes nicht wiedergutgemacht werden. Dazu hätte es öffentlicher Einsicht und Umkehr bedurft, bewusster Busse und demütigen Lernens.»Der Mann, der zuerst überzeugter Nazi war und dann zum Demokraten konvertierte, stirbt wenige Jahre später in einem Seniorenheim als Hans Ernst Schneider – unter jenem Namen, den er der Öffentlichkeit ein halbes Jahrhundert lang vorenthalten hatte. Zuletzt notiert er, mit zittriger Hand und in kleinen Buchstaben: «Von mir kommt nichts mehr, wartet nicht. Zwei Leben/zwei Mal gelebt, ein drittes nicht mehr.»Angelina Pils: Schneider/Schwerte. Ein westdeutsches Doppelleben 1945–1999. Wallstein-Verlag, Göttingen 2026. 312 S., Fr. 48.90.Passend zum Artikel
Vom SS-Führer zum gefeierten Germanisten und Vorzeigedemokraten: der Fall Schneider/Schwerte
Wie widersprüchlich und grotesk die Karrieren glühender Nationalsozialisten in der Bundesrepublik sein konnten, zeigt der Fall des SS-Intellektuellen Hans Ernst Schneider, der als Hans Schwerte zum gefeierten Germanisten und Vorzeigedemokraten mutierte.











