Wer sich in diesen Tagen im politischen Berlin umhört, dem begegnet ein Name eines früheren Bundeskanzlers immer wieder: Kurt Georg Kiesinger. Von 1966 bis 1969 war der CDU-Politiker aus Baden-Württemberg der dritte Kanzler der Bundesrepublik und hält bis heute einen eher unrühmlichen Rekord. Mit nur knapp drei Jahren hat er bis heute die kürzeste Amtszeit in der Geschichte innegehabt.Dass der Name Kiesinger aktuell die Runde macht, hängt mit der Krise des aktuellen Bundeskanzlers zusammen. Friedrich Merz ist erst ein gutes Jahr im Amt, doch seine persönlichen Zustimmungswerte und die für seine schwarz-rote Koalition sind derart schlecht, dass in den eigenen Reihen Frust und Verzweiflung wachsen. Nicht nur ein Koalitionsbruch wird inzwischen in den Reihen der Union diskutiert, selbst die Idee eines Kanzlerwechsels tauchte in Gesprächen mit Christdemokraten zuletzt immer wieder auf. Ist Kiesinger, der selbst als Ersatz für Ludwig Erhard ins Kanzleramt eingewechselt wurde, bald seinen Rekord los?Öffentlich traut sich noch niemand vor, um Merz zum Rückzug aufzufordern, doch der Unmut wächst. „Der Kanzler kommt nicht mehr vor die Welle. Er und seine Regierung haben ihre Glaubwürdigkeit und damit auch die Möglichkeit verloren, den öffentlichen Diskurs zu bestimmen“, sagt etwa ein ehemaliger CDU-Bundesminister, der sich große Sorgen macht. Braucht die CDU einen Plan B, wenn die Reformen scheitern? Er befürchtet, die Koalition könnte nach der Sommerpause und den Landtagswahlen in Ostdeutschland in noch schwereres Fahrwasser kommen. Die Mischung aus einem Kanzler, der an seinem Posten klebt, der Furcht vor Neuwahlen und dem möglichen Drama in Sachsen-Anhalt haben das Zeug zur echten Verfassungskrise.Kanzler-Wechselgerüchte scheinen verfrüht, aber die Union braucht womöglich ein Plan B. Oder wie es der frühere CDU-Minister formuliert: „Es ist völlig richtig, Friedrich Merz noch eine letzte Chance einzuräumen. Was aber passiert, wenn auch am 30. Juni kein großes Reformpaket zustandekommt?“ fragt er mit Blick auf den bisher letzten geplanten Koalitionsausschuss vor der Sommerpause. Ein Name, der bei den Wechselgerüchten aktuell noch häufiger fällt als der von Kiesinger, ist der von Hendrik Wüst. Dem populären NRW-Ministerpräsidenten trauen viele in der CDU die Nachfolge von Merz zu. Dem 50-Jährigen gelingt es in Düsseldorf seit Jahren, weitgehend geräuschlos mit den Grünen zu regieren. In Umfragen liegt Wüsts NRW-CDU stabil weit jenseits der 30 Prozent. Hendrik Wüst und seine grüne Wirtschaftsministerin Mona Neubaur regieren weitgehend geräuschlos. © Rolf Vennenbernd/dpa Wüst gilt schon lange als Anwärter für einen Wechsel nach Berlin, vor der letzten Bundestagswahl zog er erst spät zurück und machte mit seiner Unterstützung für Merz die Tür zum Kanzleramt für CSU-Chef Markus Söder zu. Für den Fall der Fälle sehen nicht wenige hochrangige Christdemokraten den Ministerpräsidenten aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland in der „absoluten Pole-Position“. Bisher sieht er seine Aufgabe jedoch darin, zum Gelingen der Regierung in Berlin beizutragen. Doch die Loyalität von Wüst könnte an ihre Grenzen kommen. Dass er auf seinen Auslandsreisen zuletzt immer auch die Hauptstadtspresse eingeladen hat, wird in seiner Partei genau registriert. Wüst, so scheint es, testet die Stimmung in der CDU. Doch weniger als ein Jahr vor den wichtigen Landtagswahlen in NRW muss der Ministerpräsident auch aufpassen. Zu offen zur Schau gestellte Wechsel-Ambitionen könnten den Wählern zwischen Münsterland und Eifel übel aufstoßen.Hier wird die Stabilität im Bundestag gefährdet.Das Umfeld von Friedrich Merz kritisiert die Spekulationen scharf.Und so bemühen sich an diesem Mittwoch einige in der CDU um ein klares Dementi. „Die Spekulationen sind völlig abwegig“, sagte etwa Thomas Röwekamp dem Tagesspiegel. Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses betont, die CDU habe kein Personalproblem, sondern führe mit der SPD eine harte inhaltliche Auseinandersetzung über Reformen. Mit dem Bundeskanzler habe das „nichts zu tun“.Wie ernst der Kanzler jedoch die Spekulationen nimmt, zeigen die Reaktionen, die man aus seinem Umfeld hört. Von einer naiven Idee ist da zu hören. „Sie zeugt von einer gefährlichen Lust an der Zündelei“, heißt es. Es sei immer einfacher, über Personal zu quatschen, als sich ernsthaft mit Reformen zu beschäftigen. „Hier wird die Stabilität im Bundestag gefährdet. Angesichts der Weltkrisen ist das doppelt fahrlässig“, heißt es in aller Schärfe aus Merz’ Umfeld. Solche Spekulationen würden der AfD nutzen und der politischen Mitte die Autorität rauben. SPD rechnet mit Spahn statt Wüst Auch bei der SPD ist man angesichts der Debatte genervt. „Unter Angela Merkel wäre das nicht passiert“, sagt jemand aus dem Führungszirkel. Die nämlich habe in ihrer eigenen Fraktion eine ganz andere Autorität gehabt.Dass solche Gedankenspiele beim Koalitionspartner nicht nur angestellt, sondern auch durchgestochen werden, ist in dieser Lesart besorgniserregend. Der SPD wäre viel mehr daran gelegen, dass Ruhe einkehrt im Regierungsgeschäft. Doch man sieht sich einem Kanzler ausgeliefert, der aus Sicht der SPD den eigenen Laden nicht im Griff habe.Freiwillig wird Friedrich Merz nicht zurücktreten, dazu ist er viel zu überzeugt von sich selbst.Ein ehemaliger CDU-Bundesminister über Kanzler Merz.Zwar hält man in der SPD keines der Kanzlersturz-Szenarien für die nahe Zukunft für realistisch. Und doch nimmt man wahr, dass die öffentliche Debatte eine reale Grundlage hat, das Ganze bei der Union also tatsächlich Thema ist.Sollte es tatsächlich zum Kanzlertausch kommen, ist es nicht Hendrik Wüst, den die SPD auf dem eigenen Zettel oben stehen hat – auch wenn man Wüst als offenkundig ambitioniert wahrnimmt. Doch ein neuer Kanzler müsste von den Fraktionen gewählt werden. Der enorme Frust in der Unionsfraktion kommt aber gerade nicht von jenen, die inhaltlich mit Wüst auf einer Linie sind. Bei der SPD richten sich die Blicke daher eher auf Jens Spahn.Dass ein Kanzlertausch nicht zwangsläufig auf Hendrik Wüst hinausläuft, sieht man auch in der Union. „Die Granden der Union müssten ihm gemeinsam klarmachen, dass seine Zeit vorbei ist, was wiederum an ihrer Uneinigkeit scheitern könnte, wer es denn machen soll“, sagt der frühere CDU-Bundesminister und ergänzt: „Freiwillig wird Friedrich Merz nicht zurücktreten, dazu ist er viel zu überzeugt von sich selbst.“Tatsächlich deutet bislang nichts auf einen Rückzug von Merz, der jahrelang auf seine Chance wartete, hin. Für diesen Mittwochabend hat er zu einer Grundsatzrede in seine Heimat in Arnsberg geladen. Dabei will er auch auf einen früheren CDU-Kanzler Bezug nehmen: Konrad Adenauer. Der war fast 14 Jahre Bundeskanzler.