Anatomie eines Gerüchts: Deutsche Medien erklären den CDU-Politiker Hendrik Wüst zum «Einwechselkanzler», und Friedrich Merz geht darauf einInteressierte Kreise haben die Erzählung lanciert, dass der deutsche Kanzler Merz durch seinen Parteirivalen Wüst ausgetauscht werden könnte. Anstatt das auszusitzen, bietet Merz solchen Spekulationen neues Futter.29.05.2026, 14.46 Uhr4 LeseminutenAlte Rivalen: Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (links) und der deutsche Kanzler Friedrich Merz, hier zu sehen bei einem gemeinsamen Auftritt in Köln.ImagoDer christlichdemokratische deutsche Kanzler Friedrich Merz ist ein Mann mit Temperament. Anders als sein sozialdemokratischer Amtsvorgänger Olaf Scholz setzt er auf eine Wortwahl, die Entschlossenheit und Klarheit ausstrahlen soll. Viele Christlichdemokraten sahen darin zunächst einen Vorteil. Doch jetzt scheint sich diese Impulsivität des Kanzlers und CDU-Vorsitzenden zu rächen. Am Mittwoch liess das Kanzleramt Journalisten auf Anfrage eine Stellungnahme zukommen, die angeblich aus dem Umfeld des Kanzlers stammt und die Merz eher schaden als nützen dürfte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Statement ist von einer «gefährlichen Lust an der Zündelei» die Rede und von einer «wüsten Spekulation», die eine «bemerkenswerte Unkenntnis der Verfassung und der politischen Realität» bezeuge. Mit den «wüsten» Spekulationen dürfte Merz’ Parteirivale Hendrik Wüst gemeint sein, der nordrhein-westfälische Ministerpräsident und CDU-Landeschef. Deutsche Medien sagen ihm Ambitionen auf das Kanzleramt nach. Wer dieser «naiven Idee» anhänge, so heisst es in der Stellungnahme aus dem Kanzleramt, der raube «der politischen Mitte die Autorität», gefährde die «Stabilität im Bundestag» und betreibe darüber hinaus «das Geschäft der AfD».Der Anlass für diese Stellungnahme war denkbar nichtig. Ende vergangener Woche reiste Wüst als Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens nach Polen. Dort traf er Politiker aus Schlesien, der polnischen Partnerregion seines Bundeslands, er stattete dem deutsch-polnischen Fussballer Lukas Podolski einen Besuch ab und besichtigte die Gedenkstätte im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Ihn begleitete ein Tross von Journalisten, die auf politische Schlagzeilen aus waren. Vermutlich lancierte jemand aus Wüsts Umfeld das Gerücht, dieser bereite sich schon jetzt auf das Amt des Kanzlers in Berlin vor, sollte Merz den Rückhalt seiner Partei verlieren.Von da an folgten Berichte und Kommentare im «Focus», im «Stern», in der «Bild»-Zeitung und in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Die Autoren legten nahe, Wüst bringe sich als «Einwechselkanzler» in Stellung, sollte die schwarz-rote Regierung scheitern. Allerdings schränkten sie ein, dass eine solche Kanzlerwahl überaus unrealistisch sei, denn dann müssten alle Koalitionsparteien, namentlich die CDU, die CSU und die SPD, für Wüst stimmen. Dieses Gerücht ist nicht neu. Bereits Anfang Mai war auf dem Portal «Nius» ein Bericht erschienen, in dem über Wüst als möglichen Ersatzkanzler spekuliert wurde.Die Gerüchte nützen Wüst und schaden MerzFür Wüst bietet die Berichterstattung über die ihm nachgesagten Kanzlerambitionen nur Vorteile. Wüst, der in Nordrhein-Westfalen mit den Grünen koaliert, geniesst das Vertrauen jenes tonangebenden linksakademischen Milieus, dem auch viele Journalisten entstammen. Indem sie ihn zu einem möglichen Kanzlernachfolger aufbauen, verleihen sie ihm eine bundespolitische Relevanz, die ihm nach dem Stand der aktuellen Machtverhältnisse in der CDU womöglich noch gar nicht zukommt. Fürs Erste müsste er zunächst einmal im kommenden Jahr als Ministerpräsident wiedergewählt werden.Merz und Wüst sind seit mehreren Jahren politische Rivalen. Seit Merz im Jahr 2022 zum Parteivorsitzenden der CDU gewählt wurde, versucht er, der Partei ein stärkeres konservatives Profil zu geben. Wüst dagegen hält an der Überzeugung der ehemaligen christlichdemokratischen Kanzlerin Angela Merkel fest, wonach sich die CDU stets auch für Bündnisse mit linken Kräften öffnen müsse. Und während Merz als Regierungschef der schwarz-roten Koalition so unpopulär ist wie kaum ein Kanzler vor ihm, geniesst Wüst auch ausserhalb seines Bundeslands ein hohes Ansehen. Je nach Meinungsforschungsinstitut vertrauen ihm zwischen 40 und 50 Prozent der befragten Bundesbürger.Möglicherweise dachte Merz, er könnte es Wüst mit gleicher Münze heimzahlen. Kaum einen Vorwurf dürfte Wüst energischer zurückweisen als jenen, dass er «das Geschäft der AfD» betreibe, schliesslich beschimpft Wüst die AfD regelmässig als «Nazipartei». Merz dürfte sich aber verrechnet haben. Durch diese Reaktion steht er als schwacher Kanzler da, der der Gerüchteküche nur weiteres Futter gibt. Souveräner wäre es gewesen, solche Spekulationen gar nicht erst zu kommentieren. So hatte es bereits Merkel gehandhabt, als kurz nach ihrem Amtsantritt im Jahr 2005 das Gerücht aufkam, der CDU-Politiker Roland Koch könnte sie als Kanzler ablösen. Doch Merz’ Dünnhäutigkeit kommt nicht von ungefähr: Er gerät als Parteivorsitzender immer stärker unter Druck.Aus Frust über die Koalition mit der SPD wünschen sich manche Parteirechte, dass die CDU in eine Minderheitsregierung geht, die von der AfD geduldet werden würde. Merz erteilte diesem Szenario immer wieder eine Absage, ja er knüpft sein Schicksal als Parteivorsitzender daran, dass die CDU kein solches Bündnis mit der Rechtspartei eingeht. Viele Parteilinke schielen dagegen nach Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg, wo die CDU einigermassen geräuschlos mit den Grünen regiert. Sie wünschen sich ein solches Modell auch auf Bundesebene und halten Wüst für einen möglichen Kanzler. Sich gegen diese Fliehkräfte zu behaupten, wird für Merz zunehmend schwer.Passend zum Artikel
Wüst als neuer deutscher Kanzler? Wie diese Gerüchte Friedrich Merz schaden
Interessierte Kreise haben die Erzählung lanciert, dass der deutsche Kanzler Merz durch seinen Parteirivalen Wüst ausgetauscht werden könnte. Anstatt das auszusitzen, bietet Merz solchen Spekulationen neues Futter.










