Aus Friedrich Merz bricht es heraus. Er ist stinksauer. Eine „große Verunsicherung in der Bevölkerung in ganz Deutschland, übrigens auch in Nordrhein-Westfalen“, beklagt der CDU-Chef. „Wenn wir heute in NRW Landtagswahlen hätten, wäre die AfD fast so stark wie im Bund“, sagt er: „Die Unzufriedenheit auch in den Ländern, auch leider in NRW […] mit der Landesregierung, ist fast genauso groß wie mit der Bundesregierung.“ Merz lässt diese Worte anschließend per Twitter verbreiten.Das war im Sommer 2023. Damals war noch unklar, wer Unionskanzlerkandidat wird. Merz wollte, aber NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst ließ sich diese Option offen. Auslöser des Ausbruchs von Merz in einem ZDF-Interview war die Frage von Moderator Theo Koll. Er fragte Merz nach dem Umstand, dass Wüst eine Kanzlerkandidatur nicht ausgeschlossen hatte. „Meine Aufgaben liegen aktuell in NRW“, lautete die Wüst-Floskel damals. „Aktuell“ – dieses Wort dürfte auch Merz registriert haben. „FAZ“-Gastbeitrag von Wüst erzürnte Merz Noch mehr Groll hatte Wüst bei Merz mit einem Gastbeitrag in der „FAZ“ ausgelöst. In diesem Text beschrieb er die CDU als Partei der Mitte in der Tradition Angela Merkels – wohl wissend, dass sich Merz seit jeher an Merkel abarbeitete. „Das Herz der CDU schlägt in der Mitte“, lautete der Titel des Textes. Er enthielt gleich mehrere Spitzen gegen Merz. So habe Merkel „durch eine Politik von Modernität, Mitte und Ausgleich […] die Regierungs- und Mehrheitsfähigkeit der CDU“ gesichert. Wüsts Fazit also, unter Verweis auf das Schicksal anderer christdemokratischer Parteien in Europa: Ohne Merkel keine CDU.Zuvor hatte Wüst Merkel den NRW-Staatspreis verliehen. Merz soll getobt haben. Er sah seine Partei durch 16 Jahre Kanzlerin Merkel belastet, er wollte „durchlüften und erneuern“. Gegenüber Parteifreunden habe Merz Wüsts „FAZ“-Gastbeitrag gar als „Kriegserklärung“ und „Fehdehandschuh“ bezeichnet, berichtete die „Zeit“.Kurz darauf demonstrierten die beiden Männer Einigkeit. Beim Sommerfest der NRW-Landesvertretung schoben sie sich Seit’ an Seit’ durch die Menge, lächelten, prosteten sich zu. Merz und Wüst bemühten sich um Harmonie und schöne Bilder. Als „lieben Friedrich Merz“ begrüßt Wüst seinen Parteifreund. Wüst ist recht beliebt in der CDU Wüst führte damals wie heute eine schwarz-grüne Koalition in NRW an. Das Bündnis funktioniert relativ geräuschlos. Im Frühling 2027 wählt NRW. In den beiden jüngsten Umfragen von April und Mai liegt die CDU dort bei 34 beziehungsweise 32 Prozent, also klar besser als im Bund. Die Grünen werden bei rund 16 Prozent taxiert, sodass die Koalition eine Mehrheit hätte, was ungewöhnlich ist in diesen Zeiten. Merz wiederum hat die Grünen im letzten Bundestagswahlkampf hart attackiert, zum Ärger von Wüst.Sollte Merz als Kanzler scheitern, etwa selbst zurücktreten oder von seiner Partei gestützt werden, wäre Wüst wohl erster Anwärter auf die Nachfolge. Wüst ist in der CDU relativ beliebt, anders als CSU-Chef Markus Söder, der gegen Unruhe in der eigenen Partei zu kämpfen hat. Bei der SPD wäre Wüst eher vermittelbar als etwa CDU/CSU-Fraktionschef Jens Spahn.Eine naive Idee.Stimme aus dem Umfeld von Friedrich Merz zu einem KanzlerwechselWomöglich deutete Merz die Berichterstattung über eine Polen-Reise Wüsts Mitte Mai als einen Versuch, sich in Stellung zu bringen. Auch der Tagesspiegel hatte die Reise begleitet, seinen Text am 20. Mai überschrieben mit der Schlagzeile: „Unterwegs mit dem Ersatzkanzler“. Belege aber dafür, wonach Wüst an Merz’ Stuhl säge, gibt es nicht. Ein Kanzlerwechsel ist kein fixer Plan. Ein mögliches Szenario in der tiefen Krise von Land, Kanzler und Koalition aber ist er sehr wohl.Das Umfeld von Merz reagierte am Mittwoch recht ungehalten. Wer diese Spekulationen anstelle, betreibe das Geschäft der AfD und raube der Mitte die Autorität, hieß es. Ein Kanzlerwechsel sei „eine naive Idee“. Sie zeuge von einer „gefährlichen Lust an der Zündelei“. Besonders bemerkenswert ist ein Wortspiel aus dem Merz-Umfeld mit Anspielung auf den NRW-Ministerpräsidenten: Die „wüste Spekulation“ zeuge von bemerkenswerter Unkenntnis der Verfassung und der politischen Realität. Die Verwendung des Adjektivs „wüste“ kann man interpretieren als eine Schuldzuweisung an Wüst. „Hier wird die Stabilität im Bundestag gefährdet“, heißt es im Merz-Umfeld. Angesichts der Weltkrisen sei das „doppelt fahrlässig“. Merz’ Vorgänger Olaf Scholz (SPD) und Angela Merkel (CDU) hätten die jüngsten Spekulationen wohl unkommentiert gelassen.