Vermutlich hätte sich dieses Feuerchen leicht austreten lassen. Es gab diese Woche sehr luftige Mutmaßungen in einigen Medien über einen angeblichen Vorstoß des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst, Friedrich Merz zu stürzen. Es werde in der CDU darüber gesprochen, ob Wüst sich mit einem konstruktiven Misstrauensvotum mitten in der Legislaturperiode zum Kanzler wählen lässt, so las man.Da nicht einmal ansatzweise belastbare Hinweise darauf geliefert wurden, dass dieses Szenario wahrscheinlich ist, hätte Merz die Berichte ignorieren können. Oder, wie es noch am Mittwochabend jemand aus der Unionsfraktion nahelegte, er hätte es bei einer kurzen Mitteilung über sein tadelloses Verhältnis zum Regierungschef in Düsseldorf belassen können. Doch wenn der Name Wüst auftaucht, hört bei Merz der Spaß auf.Also bekamen diejenigen, die bei der Regierung nachfragten, am Mittwoch eine ungewöhnlich scharfe Stellungnahme mit der Quelle „aus dem Umfeld des Bundeskanzlers“ geschickt. Dieser dürfte informiert gewesen sein. Es handele sich, so hieß es mit Blick auf die Wüst-Gerüchte, um eine „naive Idee“. Sie zeuge „von einer gefährlichen Lust an der Zündelei“. Es sei „immer einfacher, über Personal zu quatschen, als sich ernsthaft mit den Einkommensteuersätzen oder der Pflegereform zu beschäftigen“. Rumms!„Diese wüste Spekulation“Dann folgt ein Wortspiel: „Diese wüste Spekulation zeugt von bemerkenswerter Unkenntnis der Verfassung und der politischen Realität.“ Letzteres stimmt, denn Wüst ist nach allem, was man weiß, nicht auf dem Sprung nach Berlin und müsste überhaupt erst mal eine Mehrheit organisieren. Die Verfassung würde es ihm allerdings ermöglichen. Nach Artikel 67 des Grundgesetzes kann er sich zum Kanzler wählen lassen. Merz wäre damit Geschichte.Weiter heißt es in der Mitteilung mit Blick auf die Mutmaßungen zu Wüst, durch diese werde „die Stabilität im Bundestag gefährdet“. Angesichts der „Weltkrisen“ sei das „doppelt fahrlässig“. Und dann: „Wer diese Spekulationen anstellt, betreibt das Geschäft der AfD und raubt der politischen Mitte die Autorität.“ Auf Nachfrage der F.A.Z. hieß es in Regierungskreisen, die Stellungnahme sei keine Unterstellung in Richtung Wüst.Die Wucht der Reaktion des Kanzlers hat zwei Gründe. Auf dem Weg zurück in die Politik, an die Spitze der CDU und schließlich ins Kanzleramt hatte Merz unterschiedliche Begleiter aus dem Unionslager. Sein treuster Unterstützer war der Christdemokrat Wolfgang Schäuble. Angela Merkel war Merz lange in Abneigung verbunden, konnte sie aber als Projektionsfläche benutzen, um zu zeigen, wie sehr ein Politiker wie er gebraucht werde. Schließlich kam es immerhin zu einem Waffenstillstand zwischen beiden.Mit Söder hat Merz sich arrangiertMit Markus Söder, dem CSU-Chef und bayerischen Ministerpräsidenten, hat Merz sich immerhin arrangiert, nachdem Söder ihn hat Kanzlerkandidat werden lassen. In dem zwanzig Jahre jüngeren Wüst aber sah Merz schon auf dem Weg zur Kanzlerschaft einen Konkurrenten, der nach Berlin und ebenfalls ins wichtigste politische Amt in Deutschland drängt. Das scheint auch jetzt, da Merz seit einem Jahr das Land regiert, nicht anders geworden zu sein. Und es erklärt, dass Merz jetzt, da er und seine Koalition trotz zahlreicher beschlossener oder auf den Weg gebrachter Gesetze und Reformbemühungen so miserable Umfragewerte haben, so empfindlich selbst auf abwegige Gerüchte um die Person Wüst reagiert.Am Mittwochabend schien Merz sich allerdings zumindest äußerlich beruhigt zu haben. Er hielt in Hüsten, einem Ortsteil seiner sauerländischen Heimatstadt Arnsberg, eine Rede. Anlass war das vor 80 Jahren verabschiedete „Neheim-Hüstener-Programm“, das zu den Gründungsdokumenten der CDU zählt. Der sogenannte Zonenausschuss der Partei unter der Leitung des späteren ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer schrieb darin seine programmatischen Grundsätze fest.Wie zu erwarten, ging der CDU-Bundesvorsitzende auf die Gerüchte über einen Kanzlerwechsel nicht ein. Merz nutzte jedoch die Gelegenheit zu einer kämpferischen Grundsatzrede. Vor 80 Jahren habe Deutschland in Trümmern gelegen, Hunger und Elend habe geherrscht. Gleichwohl habe die CDU als Partei der Mitte „den notwendigen Mut zur Gestaltung einer neuen Zukunft“ entwickelt und in der damaligen Orientierungslosigkeit Antworten gegeben. Schon einmal habe Deutschland bewiesen, dass es die Kraft zum Umbruch, Wandel und Aufbruch habe, sagte der Kanzler und schlug den Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart. „Ich spüre die Verantwortung dieses Amtes – gerade in Zeiten eines so tiefgreifenden Wandels und Umbruchs.“In Arnsberg klingt Merz beinahe wie MerkelVerfolge man die heutigen Debatten, könne man den Eindruck bekommen, Deutschland sei vollkommen blockiert, könne sich „aus eigener Kraft nicht mehr verändern und es sei sozusagen der Niedergang vorprogrammiert“. Dagegen werde er sich mit aller Kraft stemmen. Er sehe weiter die Stärken des Landes. Nun gelte es, die anstehenden Reformen klug zu gestalten, sagte der Kanzler und klang dabei beinahe so wie einst Angela Merkel. Er sei „zuversichtlich, dass wir es schaffen“. Auch bekannte sich Merz zur Koalition mit der SPD. „Eine andere denkbare Konstellation gibt es nach meiner festen Überzeugung gegenwärtig im Deutschen Bundestag nicht. Ich suche überhaupt nicht nach irgendwelchen Alternativen.“Wie die Sache hochkochen konnte, ist nicht leicht nachzuzeichnen. Eine wichtige Rolle beim Entstehen der aktuellen Projektion – die mehr über den Zustand von Schwarz-Rot sagt als über (vermeintliche) Absichten Wüsts – scheint eine Polen-Reise des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten vergangene Woche zu spielen. Sie wurde von einigen Beobachtern dahingehend gedeutet, der nordrhein-westfälische Ministerpräsident übe für den Sprung nach oben auf internationalem Parkett.Das war allerdings mit Blick auf das strikt regional- und gedenkpolitische Programm der obendrein schon lange geplanten Reise seltsam. Zudem hält sich Wüst schon seit einiger Zeit auffällig mit Äußerungen zurück, die auch nur im Ansatz als Spitze gegen Schwarz-Rot oder gar Kanzler Merz ausgelegt werden könnten. Die Zeit sei zu ernst für Spielchen jeglicher Art, heißt es in seinem Umfeld. Hinzu kommt: Wüst fokussiert sich auf die nordrhein-westfälische Landtagswahl Ende April kommenden Jahres.„Ich bin kein guter Fußballspieler“Spricht man Wüst auf die aktuellen Spekulationen an, ist er peinlich darauf bedacht, kein Öl ins Feuer zu gießen. Am Rande des Industrietags Raumfahrt NRW im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln sagte Wüst am Mittwoch, Bundes- und Landesregierung teilten viele Interessen und Aufgaben. „Der Bundeskanzler hat jede Menge Herausforderungen auf globaler Ebene als Beitrag zur europäischen Einigkeit und in Deutschland zu leisten.“ Merz gehe diese Herausforderungen mit einem hohen Anspruch, aber auch mit hoher Tatkraft an, lobte Wüst. „Und er hat bei seiner wichtigen Arbeit für Deutschland meine volle Unterstützung.“In etwa zu der Zeit, als Merz am Mittwochabend im heimatlichen Arnsberg über das „Neheim-Hüstener-Programm“ der Adenauer-CDU sprach, nahm Wüst in Köln an der Premiere einer Dokumentation über den ehemaligen Fußballprofi Lukas Podolski teil. Als er auf die Spekulationen, er könne in Berlin „eingewechselt“ werden, angesprochen wurde, erwiderte Wüst: „Ich bin kein guter Fußballspieler.“