Franz Fühmann – 16 Jahre alt, fanatischer Nazi – stand am 10. November 1938 in Reichenberg, heute Liberec in Tschechien, in der brodelnden Menge und starrte auf das Haus gegenüber. Da flog ein Fenster auf, ein Johlen brach los: »Im Fenster Gedränge, plötzlich ein Strick am Fensterkreuz; plötzlich dringt fetter Qualm aus dem Giebel; eine Schlinge, ein Kopf, der Platz ein Aufschrei, am Fensterkreuz ein pendelnder Körper, wir rennen brüllend auf das Haus zu, und in dem Gebrüll klingt splitterndes Glas.«
Mit einem Nazi-Mob machte Fühmann während des November-Pogroms Jagd auf Juden und verwüstete deren Geschäfte: »Wir schlagen wie rasend in zerklirrende Scheiben, stumm, verbissen, bis zur Erschöpfung; ich weiß nicht, woher wir die Knüppel hatten, wir haben plötzlich alle Knüppel, Glas regnet, knirscht unter den Stiefeln, ich sehe mein Gesicht in zersplitternden Spiegeln.«Fühmann (1922 bis 1984) wird später ein bedeutender Schriftsteller in der DDR werden – und als einer von wenigen über sein frühes Mitmachen im »Dritten Reich« offen in einem Erinnerungstext 1982 berichten.








