PfadnavigationHomeGeschichteJunge TäterAls Jugendliche Bomben in Synagogen legten und Juden jagtenStand: 11:25 UhrLesedauer: 5 MinutenKinder der örtlichen Volksschule begleiten den Demütigungsmarsch einheimischer Juden durch Guntersblum am 10. November 1938Quelle: Landesarchiv Rheinland-Pfalz, Abteilung Speyer; Hervorhebungen: Infografik WELTZu den bisher am wenigsten beachteten antisemitischen Tätern gehören Kinder. Dabei waren sie an zahlreichen Übergriffen beteiligt, zeigt der Historiker Frank Bajohr – längst nicht nur im Novemberpogrom 1938.Die Täter hatten sich gut vorbereitet: Um Fingerabdrücke zu vermeiden, trugen sie beim Platzieren ihrer selbst gebauten Bombe (der Oberstaatsanwalt beim Landgericht Münster sprach von einer „Höllenmaschine“) am Ziel Handschuhe. Und weil die Gefahr bestand, dass Spürhunde ihre Fährte hätten aufnehmen können, streuten sie Pfeffer aus. Die Ermittler, drei Kriminalsekretäre aus Recklinghausen, zeigten sich beeindruckt. Trotzdem konnten sie die Schuldigen überführen: Drei Gymnasiasten und ein „berufsloser“ 16-Jähriger hatten den Sprengstoffanschlag auf die Synagoge in Ahaus an der niederländischen Grenze in der Nacht zum 30. November 1934 verübt. Alle vier waren schon seit ihrer Kindheit im völkisch-antisemitischen Milieu sozialisiert worden und hatten bereits vor 1933 dem Nationalsozialistischen Schüler-Bund angehört, einer 1927 bis 1933 existierenden Parallelorganisation zur Hitlerjugend.Als eine niederländische Zeitung nachfragte, ob „die Festgenommenen zur Hitlerjugend und zur SA“ gehört hätten, erhielt das Blatt als Reaktion: „Der Bürgermeister antwortete uns, dass die Betreffenden nicht offiziell Mitglied dieser Organisationen sind“, berichtete das „Twentsch Dagblad Tubantia“ aus Enschede. „Bei den jugendlichen Tätern des Sprengstoffanschlags in Ahaus 1934 handelte es sich um keinen Einzelfall“, schreibt der Historiker und ehemalige Gründungsdirektor des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte München in der Mai-Ausgabe 2026 der „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“ (Metropol-Verlag, 96 S., 14 Euro). Vielmehr zeigten zahlreiche Quellen wie „zeitgenössische Ermittlungsakten, interne Lageberichte des NS-Regimes, aber auch Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungsberichte jüdischer Opfer“, dass Kinder und Jugendliche bei antisemitischen Gewalttaten ab 1933 oft wesentliche Mittäter waren. Zum Beispiel in Guntersblum, einem Weindorf in Rheinhessen, zwischen Mainz und Worms gelegen. Auf einem hier am 10. November 1938 entstandenen Foto sind mehr als 40 Kinder im Schulalter zu sehen, die wenigstens zeitweise sechs zur Demütigung durch den Ort getriebene Juden begleiteten. Der Sohn eines Handwerksmeisters zerschlug an diesem Tag mit einer Axt die Fensterkreuze im Haus der Familie David Rüb. Ein noch jüngerer Hitlerjunge steckte dem gehbehinderten Adolf Grünewald einen um den Körper geschlungenen Gebetsschal im Rücken an – und als der 60-Jährige in Panik loslief und hinfiel, trat ihm der Schüler in den Rücken – angeblich, um das Feuer zu löschen.Übergriffe von (keineswegs immer männlichen) Kindern und Jugendlichen auf gleichaltrige oder auch erwachsene Juden waren seit 1933 mancherorts allgegenwärtig. Die kleine Marianne Wolf, Tochter des Guntersblumer Kaufmanns Eugen Wolf, wurde fortlaufend gehänselt, mitunter geschlagen und angespuckt. Ähnliches erlebte Anne, die Tochter von Hermann und Bertel Grünewald – nichtjüdische Freundinnen, die sie vor der Machtübernahme Hitlers zum Spielen besucht hatten, bewarfen sie nun mit Steinen und beschimpften sie: „Du Jude!“Lesen Sie auch„Die antijüdische Gewalt von Kindern und Jugendlichen in der NS-Zeit wurzelte in einem Massenphänomen, das in Ansätzen schon vor 1933 auftrat, sich in vollem Umfang aber erst unter nationalsozialistischer Herrschaft entfaltete“, schreibt Bajohr. Heute würde man wohl von antisemitischem Mobbing sprechen: „Obwohl massenhaft verbreitet, blieb es in der Regel unter dem Radar von Polizei und Justiz, spiegelt sich aber in zeitgenössischen Aufzeichnungen und Erinnerungsberichten der jüdischen Opfer umso eindringlicher wider.“Lesen Sie auchDabei wirkten verschiedene Faktoren zusammen: die bei Kindern ohnehin fehlende Impulskontrolle und das mangelnde Verständnis für das, was sie anderen antaten; der natürlich auch auf junge Menschen wirkende brachiale Judenhass der NS-Propaganda; die Gewissheit, seitens Obrigkeit und (meistens) Eltern für derartige Übergriffe nicht bestraft zu werden; schließlich eine destruktive Gruppendynamik.Der Berliner Klaus Scheurenberg, geboren 1925, beschrieb seine Erlebnisse: „Sie waren nur immer als Masse stark. Von einzelnen wurde man selten angepöbelt, sah man sie aber in Haufen, musste man schnell sehen, wegzukommen.“ Er wurde 1943 nach Theresienstadt deportiert und überlebte dort mit viel Glück.Lesen Sie auchJüdische Schüler standen dem meist ohnmächtig gegenüber und konnten sich auf keine Weise vor Attacken schützen. „Der Hass und die Freude darüber, dass sie mich mit dem Geschrei immer in die Flucht jagten, waren echt“, erinnerte sich Lisel Goldschmidt aus Kassel, die groß, schlank und naturblond war: „Es war ein doppelter Hass. Ich war nicht nur Jüdin, ich hatte auch noch die Frechheit, nicht so auszusehen.“ 1934 konnte Lisel nach Schweden flüchten, ihre Eltern folgten ihr vollkommen ausgeplündert 1939.Mit der Zeit wurde es immer schlimmer. Ruth Andreas-Friedrich, die das NS-Regime verabscheute und verfolgten Menschen nach Kräften half, notierte am 19. September 1941, kurz nach Einführung des „Judensterns“, in ihr Tagebuch: „‚Jude‘ höhnen die Kinder, wenn sie einen so Gezeichneten durch die Straßen wandern sehen.“ Im Juli 1942 schrieb die Hamburger Lehrerin Luise Solmitz, einst begeisterte Hitler-Anhängerin, dass Kinder den Abtransport deportierter Menschen in den Tod „johlend begleitet“ hätten. Die weitaus meisten Opfer antisemitischer Übergriffe durch Kinder und Jugendliche überlebten allerdings den Rassenwahn nicht. Marianne Wolf etwa wurde mit ihren Eltern Eugen und Johanna 1941 „in den Osten“ deportiert und direkt nach der Ankunft bei Minsk erschossen. Ähnlich erging es David Rüb mit seiner Frau Bertha, Tochter Hedwig und Schwiegersohn Carl.Nach 1945 unterblieb eine Strafverfolgung jugendlicher NS-Täter weitgehend. Wenn überhaupt einmal ihre Namen bekannt waren, so waren sie oft beim Begehen ihrer Tat noch nicht strafmündig. Oder sie waren, wie die vier Bombenleger von Ahaus, im Zweiten Weltkrieg gefallen. Allerdings hätten sie wohl im Rechtsstaat Bundesrepublik ohnehin nicht mehr verfolgt werden können, denn Hitler persönlich hatte das eingeleitete Strafverfahren am 28. September 1935 niedergeschlagen. Nach dem Prinzip „ne bis in idem“ wäre eine erneute Ermittlung unzulässig gewesen.Frank Bajohr lenkt mit seinem Aufsatz zu Recht den Blick auf eine bisher zwar vielfach schlaglichtartig aufscheinende, aber niemals systematisch untersuchte Facette der Judenverfolgung. Hier sollte systematisch weitergeforscht werden.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen schon seit seinem Geschichtsstudium der Nationalsozialismus, die Judenverfolgung und der Holocaust.Mitarbeit: Jan Rosenkranz
Junge Täter: Als Jugendliche Bomben in Synagogen legten und Juden jagten - WELT
Zu den bisher am wenigsten beachteten antisemitischen Tätern gehören Kinder. Dabei waren sie an zahlreichen Übergriffen beteiligt, zeigt der Historiker Frank Bajohr – längst nicht nur im Novemberpogrom 1938.








