An einer Frankfurter Schule werden jüdische Schüler immer wieder mit dem „Hitlergruß“ empfangen. Deren Eltern reagieren darauf und melden ihre Kinder auf einem jüdischen Gymnasium an. An einer Straßenbahnhaltestelle wird ein Mann von einer Gruppe, die sich mit Palästinensertüchern vermummt hat, angepöbelt. „Judenschwein“ und „Zionistenschwein“ wird gerufen. Dann schlägt einer aus der Gruppe dem Mann ins Gesicht. Zwei weitere Schläge folgen. Und in Marburg tauchen über Wochen immer wieder Graffiti auf: „Kill Jews“ oder „Kill Israels“ ist da zu lesen.Diese Übergriffe sind keine Einzelfälle. Das macht der Jahresbericht der hessischen Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) deutlich: 1099 judenfeindliche Vorfälle in Hessen hat die Meldestelle mit Sitz an der Marburger Universität für das Jahr 2025 dokumentiert. Dies entspricht binnen eines Jahres einem Anstieg um rund 18 Prozent. Im Vergleich zu 2023 hat sich die Zahl der Vorfälle sogar verdoppelt.„Das Lagebild für Hessen sieht nicht gut aus“, sagt RIAS-Leiterin Susanne Urban bei der Vorstellung des Jahresberichts in Frankfurt. Eigentlich müssten diese Zahlen zu einem Aufschrei führen, meint sie. Doch der bleibe meistens aus. „Die Mehrheitsgesellschaft gewöhnt sich an Antisemitismus“, lautet deshalb Urbans bittere Bilanz.27 körperliche Übergriffe wurden 2025 dokumentiertIn die Statistik nimmt die Recherchestelle sowohl Fälle auf, die ihr direkt gemeldet werden, als auch Übergriffe, die vom Hessischen Landeskriminalamt oder Institutionen wie dem Jüdischen Museum erfasst wurden. Gezählt wurden 2025 insgesamt 27 körperliche Angriffe, 41 Bedrohungen und 58 Sachbeschädigungen.Judenfeindliche Äußerungen wurden laut dem Bericht vor allem bei propalästinensischen Kundgebungen laut. Seit dem brutalen Angriff der Terrororganisation Hamas am 7. Oktober 2023 gegen Israel kommt es in Hessen regelmäßig zu solchen Demonstrationen. Den Großteil der dokumentierten antisemitischen Vorfälle im Jahr 2025, rund 61 Prozent, rechnet die Recherchestelle dem israelbezogenen Antisemitismus zu – also der Dämonisierung des jüdischen Staats im Nahen Osten oder der Gleichsetzung von deutschen Juden mit Israelis.Zugenommen haben auch die Vorfälle in Schulen und in Bildungseinrichtungen, drei Fälle wurden sogar in Kitas gezählt. Weniger Übergriffe als im Jahr 2024 gab es nur an hessischen Hochschulen: 105 Fälle wurden für 2025 dokumentiert, davor waren es 121. Die leicht niedrigere Zahl erklärt sich Urban damit, dass es 2025 nicht zu propalästinensischen Protestcamps an hessischen Unis gekommen ist. „Für Entwarnung gibt es keinen Grund.“Die meisten Übergriffe wurden – mit deutlichem Abstand – in Frankfurt registriert: 445 Fälle. Dahinter liegt Marburg mit 104 Fällen. Für die besonders hohe Zahl in Frankfurt spielen die zahlreichen Anti-Israel-Kundgebungen in der Stadt eine zentrale Rolle. Doch auch im Alltag würden Frankfurter Juden immer häufiger mit Hass konfrontiert, sagt Marc Grünbaum, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde: „Frankfurt ist zu einem antisemitischen Hotspot geworden.“Die gemeldeten Vorfälle werden von RIAS nach der Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance bewertet, die die Grenzen in Bezug auf den israelbezogenen Antisemitismus enger zieht als etwa die „Jerusalemer Erklärung“. „Das ist bewährte Praxis“, sagt RIAS-Leiterin Urban. Sie geht davon aus, dass die Dunkelziffer der judenfeindlichen Übergriffe noch deutlich höher liegen könnte. Das befürchtet auch Grünbaum: „Viele haben heute Angst, einen Vorfall zu melden.“
Antisemitismus in Hessen: Zahl judenfeindlicher Vorfälle seit 2023 verdoppelt
Die hessische Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus dokumentiert 1099 judenfeindliche Vorfälle im Bundesland für das Jahr 2025. Im Vergleich zu 2023 soll sich ihre Zahl sogar verdoppelt haben.








